Die beiden Brüder und die Siebe


Es waren einst zwei Brüder, die Zwillinge waren. Beide wurden gleich von ihren Eltern geliebt und erzogen, genossen die gleiche Bildung in der Schule und durchlebten gemeinsam das gleiche. Auch versuchten beide, ein gottgefälliges und geistiges Leben zu führen.

Eines Tages kam die Zeit, dass sich die Brüder trennten. Der eine von beiden entschied sich, einen Beruf zu erlernen, in die Welt zu gehen und unter Menschen zu leben und auch hier Heilige Schriften zu studieren und zu versuchen zu Gott zu finden
Der andere ging in die Berge, lebte ein Leben in Abgeschiedenheit und Askese. Auch er wollte hierdurch zu Gott finden und widmete sein Leben voll dem Gebet, der Meditation und dem Studium Heiliger Schriften.

Nach vielen Jahren kehrten beide zurück in das Dorf ihrer Kindheit. Da beide sich schon immer gerne miteinander maße, um herauszufinden, wer der Bessere sei, kam es, dass sie einen geistigen Wettstreit führten. Jeder von ihnen hielt ein Sieb fest in seinen Händen, in welches Wasser gefüllt wurde. Allein durch ihre Gedanken sollte das Wasser davon abgehalten werden, durch die Löcher des Siebes zu entweichen.
Kein einziger Wassertropfen entwich aus einem der beiden Siebe.

Da kam ein junges und schönes Mädchen vorbei. Plötzlich floß alles Wasser aus dem Sieb des Bruders, der über Jahre in Einsamkeit gelebt hatte...
@Yahia

Die Grundaussage der Geschichte halte ich für unrichtig.

Der Mensch muss nicht zwangsläufig auf eine sexuelle Orientierung hin leben. Es gibt Menschen, die können den Sexualtrieb derart sublimieren, dass sie die freiwerdenden Energien rein spirituell zu nützen wissen. Eine sehr große Fähigkeit. Sie dem Menschen generell abzusprechen hieße ihn im Sinne der Freud'schen Doktrin auf ein "sexuelles Wesen" zu reduzieren. Ich halte den Menschen für mehr als das.
Ja Burkl, stimmt schon.
Allerdings stimme ich Yahia dahin zu daß Askese nicht der richtige Weg ist. Wer versucht der "Weise auf dem Berg" zu sein, schneidet ja nicht nur das Sexuelle ab, er verweigert sich ein Grundbedürfnis, die Gemeinschaft.

Ich finde es grundsätzlich falsch, sich selbst die guten Früchte des Lebens zu verweigern. Sie sind nicht grundlos vorhanden.
Es geht darum sich nicht darin zu verlieren...
Gruß
dtrainer hat folgendes geschrieben:
Ja Burkl, stimmt schon.
Allerdings stimme ich Yahia dahin zu daß Askese nicht der richtige Weg ist. Wer versucht der "Weise auf dem Berg" zu sein, schneidet ja nicht nur das Sexuelle ab, er verweigert sich ein Grundbedürfnis, die Gemeinschaft.

Ich finde es grundsätzlich falsch, sich selbst die guten Früchte des Lebens zu verweigern. Sie sind nicht grundlos vorhanden.
Es geht darum sich nicht darin zu verlieren...
Gruß


Das tut auch keine christliche monastische Tradition - selbst bei den "strengsten" Formen gibt es die Institution der "Rekreation", wo bewusst das Zwischenmenschliche gepflegt wird.

Der "Einsiedler in der Wüste" oder auf dem Berg ist doch nur ein gepflogenes Klischee. Keine monastische Tradition kennst das in dieser Reinform - und wenn es einzelne getan haben - die volle Einsamkeit gesucht - dann immer in einem bestimmten Konnex und mit einem bestimmten spirituellen Ziel und nicht als Lebensform. So wie auch Jesus "Wüstenzeiten" und "Zeiten am Berg" zugebracht hat - diese kargen Zeiten sind genauso wichtig wie die der Gemeinschaft.

LG Burkl
Ja, schon klar. Nur ist das eben in dieser Geschichte so, und der Mann in der Einsamkeit litt unter "Hunger" - sicher nicht nur nach Sex.
Mir gefällt die Geschichte.
dtrainer hat folgendes geschrieben:
Ja, schon klar. Nur ist das eben in dieser Geschichte so, und der Mann in der Einsamkeit litt unter "Hunger" - sicher nicht nur nach Sex.
Mir gefällt die Geschichte.


Nicht falsch verstehen - gefallen tut sie mir auch, und sie hat auch einen "wahren Kern". Danke dafür Yahia.

Nur ist sie eben in gewissen Sinne doch sehr auslegungsbedürftig, sie kann durchaus auch missverstanden werden - als Metapher, die gegen die mönchische Lebensweise an sich Stellung bezieht und sie für "falsch" oder zumindest "spirituell unterlegen" erklärt. Dem wollte ich entgegentreten.
Lieber burkl,

ich wollte damit nicht die Lebensweise von Mönchen und Nonnen schlecht machen. Denn diese leben, soweit ich weiß, immer auch im Dienst des Menschen und verschließen sich nicht vor der Welt.

Ich will es auch nicht auf die Sexualität reduzieren, es hätte auch ein Bäcker mit einem großen Kuchen vorbeikommen können.

Die Hauptaussage der Geschichte ist, dass man kein gottgefälliges und geistiges Leben führt, wenn man sich vollkommen abschottet und sich nur der Meditation, dem Gebet und dem Studium der Schriften widmet. Die Heiligen schriften enthalten ja keine Lehren, damit man sie liest, sondern damit man sie liest, verinnerlicht und lebt. Was der Asket hiet getan hat, ist eine rein theoretische Nutzung der Schriften und ein völliges Getrennt-Leben von der Welt. Dabei ist ihm aber der Fehler unterlaufen, sich auch geistig von der Welt zu trennen, indem er lernt, mit ihr umzugehen. Dadurch, dass er sich nur körperlich von ihr entfernt hat, konnte er nicht lernen, mit den gottgegebenen Sinnen, Trieben und Neigungen umzugehen. Er hatte sie einfach nicht aktiviert, da er sie in der Einsamkeit nicht brauchte. Der andere Bruder lernte, mit diesen Dingen umzugehen, indem er sie als natürlich und gottgegeben annahm.

Peace,
Yahia
_________________
https://youtu.be/XJ9E4sbnW-k
yahia hat folgendes geschrieben:

Die Hauptaussage der Geschichte ist, dass man kein gottgefälliges und geistiges Leben führt, wenn man sich vollkommen abschottet und sich nur der Meditation, dem Gebet und dem Studium der Schriften widmet.


Ich bin mir da nicht so sicher.

Es gibt durchaus auch rein "kontemplative" Orden, denen ich nicht von Vorne herein absprechen würde, dass sie gottgefällig leben. Ihr Dienst am Nächsten besteht darin, zu jeder Zeit zu beten für alle Mitmenschen, für konkrete Anliegen, für die gesamte Welt. Auch diese Art von Leben kann durchaus als Dienst am Nächsten verstanden werden. Die Kraft des Gebetes ist nach christlicher Auffassung sehr stark.

http://www.dreifaltigkeitskloster.de/anbetungsschwestern.html
Unterscheide doch mal, Burkl: Mönche und Eremiten....
dtrainer hat folgendes geschrieben:
Unterscheide doch mal, Burkl: Mönche und Eremiten....


Vielleicht können wir uns auf das einigen: "Weltflucht" im Sinne von dem Menschsein und seinen Herausforderungen "ausweichen" und gleichsam resignierend sich von dieser Welt endgültig abwenden ist niemals im Sinne Gottes, weil es letztlich auf ein Ablehnen des Menschseins an sich hinausläuft. Vielleicht ist das auch der Kern der Eingangs-Geschichte.