Über Enttäuschung & Sucht. Kind eines Alkoholikers


Hikmat hat recht, wenn sie sagt, der Tod sei endgültig.
Das Tragische ist, dass die Alkohol-Erkrankung auch etwas Endgültiges hat, je weiter und länger der Alkoholismus fortgeschritten ist.
Es ist ein Selbstmord auf Raten, der nicht nur die Leber sondern auch die Persönlichkeit des Betroffenen zerstört.

Die Familie gerät in eine Co-Abhängigkeit, wenn sie den Betroffenen "nicht fallen lassen will".
Der Alkoholiker leugnet anfangs meist die Erkrankung, bagatellisiert sie, weiss nicht mehr, was er im Suff getan hat, verspricht immer wieder endgültig aufzuhören und/oder wie hier in diesem Fall, schiebt die Ursache für seinen Konsum auf den fehlenden Kontakt zu seinen Kindern, d.h. er sucht den Fehler bei den anderen und nicht bei sich selbst.

Zitat:
Wenn man sich immer wieder bewusst macht, dass Alkoholiker krank sind und sie für ihr Verhalten ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr wirklich etwas können (Sie können nicht einfach aufhören und unabhängig von ihrer Sucht handeln und reagieren), fällt es, glaube ich, leichter, die Schmerzen und das Leid, das sie einem antun, zu ertragen und sie dennoch zu lieben und sie nicht von sich zu stoßen.
Zu meinen, man müsse die Schmerzen und das Leid, das einem Alkoholkranke antun, ertragen, halte ich für falsche Selbstaufopferung.

Ein trockner Alkoholiker ist immer noch krank, aber er hat Verantwortung für sein Leben übernommen und die Selbstdisziplin, dass er keinen Tropfen Alkohol mehr anrührt.

Zitat:
Wichtig ist nur, dass solche Menschen wissen, dass man wieder für sie da ist, sobald sie sich für den richtigen Schritt entscheiden.
Es gibt nicht nur den einen richtigen Schritt,sondern einen ganzen Weg, den der Alkoholiker selber zurücklegen muss. Die Anhörigen sind meist in Co-Abhängigkeit, weil sie nicht genug Abstand halten können.

Lieber DJackson,

dass Du jetzt der Mann im Haus bist, ist eine Tatsache und Deine kranke Mutter und die beiden jungen Schwestern können Dich wohl kaum stützen, brauchen eher Deine Hilfe.
Dahin solltest Du also mehr Deine Aufmerksamkeit und Deine Energie richten.

Dass Du nicht alleine verantwortlich bist, sehe ich wie Hikmat.
In Deiner schwierigen Situation würde ich mir auf jeden Fall bei einer Familien-Beratungsstelle Hilfe holen.
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OM LOKAH SAMASTHA SUKHINO BHAVANTHU
Mögen alle Wesen in allen Welten glücklich sein.
ingwaz hat folgendes geschrieben:
Bei allen Alkoholikern, wie auch bei anderen Süchten, sind Angehörige und Freunde sog. Co-Abhängige. Sie tun etwas, um demjenigen in seiner Not behilflich zu sein, aber es schadet eher nur.
So hart es sich anhört und ist: einem Süchtigen muß jeglicher Beistand entzogen werden bis er begriffen hat, dass er selbst um Hilfe bitten muß und dass auch nur er selbst sich aus seiner Misere befreien kann.
Einem Alki muß also das Wasser bis zu den Augen stehen, alle Freunde, Angehörige usw. MÜSSEN sich von ihm lossagen, damit er begfreift, was er will und die dazu nötige Motivation aufbringt. Er muß alles und jeden verloren haben, um zu begreifen, nicht nur mit dem Verstand, sondern auch emotional.

Genauso seh ich das eben auch, und so wurds mir auch von meiner Neurologin geraten (bin dort aufgrund einer Störung meines Nervensytsemes in Behandlung).
Nur wie bitte soll man das machen? Das ist leichter gesagt als getan, sich von seinem Vater "loszusagen". Wie komme ich mit diesem ständigen [!]Gefühl der Last und Trauer zurecht?..

Desweiteren : Vielen Dank für eure vielen und zahlreichen Antworten.
Bin erst seit kurzem hier im Forum und schon hellauf begeistert:).
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Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt. (Brecht)
DJackson hat folgendes geschrieben:
Nur wie bitte soll man das machen? Das ist leichter gesagt als getan, sich von seinem Vater "loszusagen". Wie komme ich mit diesem ständigen [!]Gefühl der Last und Trauer zurecht?..

Lieber DJackson,

ja, ich kann verstehen daß es nicht einfach ist seinen Vater gefühlsmäßig auszuradieren ... ich weiß auch nicht ob ich das in Deinem Alter gekonnt hätte ... weil man so gar nicht verstehen kann daß ein Mensch so tief sinken kann, sich so gehen läßt ...
aber so schlimm es für Dich ist ... manche Menschen müssen Schicksale durchleben ...
ich wünsche Dir ganz viel Kraft und ... Du hast bestimmt auch Helfer in der geistigen Welt die Dir jetzt beistehen, bitte sie darum

alles Liebe
Rose
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"Die ganze Mannigfaltigkeit, der ganze Reiz und die ganze Schönheit des Lebens setzen sich aus Licht und Schatten zusammen".

*Leo Nikolajewitsch Graf Tolstoi*
Hallo lieber DJackson, ich bewundere Dich sehr, Du hast allen Grund auf Dich stolz zu sein, denn Du gehst eine extrem schwierige Aufgabe an und stellst Dich ihr. Du willst das Bestmögliche machen. Glaube daran und Du wirst es auch schaffen. Eine Grundvoraussetzung, dass etwas gelingen kann ist erstmal, dass man daran glaubt, dass es gelingt. Erst dann können sich Wege zeigen die man gehen kann.

Ich denke z.B. dass Du gegenüber Deinem Vater wirklich hart sein musst. Und diese Härte zeigst Du ja nicht weil Du ihm schaden willst, sondern ganz im Gegenteil, aus Liebe zu ihm.

Vielleicht hilft es Dir wenn Du Dir dessen klar bist.
1. Du liebst Deinen Vater nach wie vor.
2. aus dieser Liebe heraus bist Du aber sehr konsequent in Deinem Verhalten ihm gegenüber.

Auch Eltern müssen manchmal hart zu ihren Kindern sein um sie vor Schaden zu schützen. Nicht weil sie böse zu ihnen sind (könnte aus Sicht des Kindes so aussehen) sondern in Wirklichkeit aus Liebe.

Du kannst alles tun was in Deinem Möglichkeiten, Deinen Kräften steht um etwas an der Sache zu bessern. Aber die Verantwortung ob es gelingt oder nicht liegt nicht an Dir.

Wünsche Dir viel Kraft.
Viele hier im Forum sind sicherlich mit Dir. Wahrscheinlich auch die, die nicht schreiben.

Alles Liebe
Linde
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Befasst euch gründlich mit den Nöten der Zeit, in der ihr lebt, und legt den Schwerpunkt eurer Überlegungen auf ihre Bedürfnisse und Forderungen.
Bahá'u'lláh
Lieber DJackson,

was Dir auch helfen könnte mit Deinen Gefühlen und der schwierigen Lage besser umzugehen:
eine Selbsthilfe-Gruppe für Angehörige von Alkoholikern.

Wenn Du diesen Schritt schaffst einmal dorthin zu gehen, könnte ich mir vorstellen, dass Du eine noch größere positive Überraschung erlebst, als hier im Forum.
Dort sind lauter Menschen genau in der gleichen Situation wie Du und können sich gegenseitig unterstützen, bestärken und trösten.

Und vielleicht kannst Du es so sehen, dass eigentlich Dein Vater sich von Dir losgesagt hat, indem er sich nach zwei Klinikaufenthalten immer wieder für den Alkohol entschieden hat.
Lass es los, es ist nicht Deine Verantwortung, Du hast getan, was Du tun konntest.

Seine "Last", seine Verantwortung kann ihm niemand abnehmen.
Du be-Last-est Dich selbst völlig umsonst damit.

Viel Kraft und die Unterstützung der geistigen Welt

wünscht

Dir

Mara
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Mögen alle Wesen in allen Welten glücklich sein.
Zitat:
Wie komme ich mit diesem ständigen [!]Gefühl der Last und Trauer zurecht?..


Wie schon gesagt, vielleicht in dem Du Dir darüber klar wirst, dass Du ihn von ganzem Herzen lieben kannst und deshalb ganz hart und konsequent bleiben musst.

Alles Liebe
Linde
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Befasst euch gründlich mit den Nöten der Zeit, in der ihr lebt, und legt den Schwerpunkt eurer Überlegungen auf ihre Bedürfnisse und Forderungen.
Bahá'u'lláh
Den Vorschlag von Mara in eine Selbsthilfegruppe für Angehörigen zu gehen möchte ich dir nochmal ganz fest ans Herz legen. Dort kannst Du erfahren wie andere damit umgegangen sind und fühlst Dich nicht so, als wärst Du alleine auf dieser Welt mit so einem Problem. Das wäre bestimmt eine sehr große Hilfe für Dich!
Danke nochmal für die Kraft und die guten Gedanken, ich denke ich werde wirklich einmal eine solche Stelle ansprechen/rufen/schreiben... wie auch immer.


Mara-Devi hat folgendes geschrieben:

Seine "Last", seine Verantwortung kann ihm niemand abnehmen.
Du be-Last-est Dich selbst völlig umsonst damit.

Das weiß ich ja selber, nur gegen tun kann man nix, wie das mit den Gefühlen halt so ist...
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DJackson hat folgendes geschrieben:
Danke nochmal für die Kraft und die guten Gedanken, ich denke ich werde wirklich einmal eine solche Stelle ansprechen/rufen/schreiben... wie auch immer.

Eine Bekannte von mir ging einmal die Woche über längere Zeit mit ihren Töchtern in eine Selbsthilfe-Gruppe.
Sie unternahmen auch manchmal etwas an Wochenenden zusammen. Es hat den beiden jungen Mädchen sehr gut getan, dort andere Jugendliche in ähnlicher Situation kennenzulernen. Die entstandenen Freundschaften gingen über viele Jahre bis heute.
Vielleicht gibt es auch in Deiner Nähe eine solche Gruppe?


Zitat:
Mara-Devi hat folgendes geschrieben:

Seine "Last", seine Verantwortung kann ihm niemand abnehmen.
Du be-Last-est Dich selbst völlig umsonst damit.

Das weiß ich ja selber, nur gegen tun kann man nix, wie das mit den Gefühlen halt so ist...

Es zu erkennen ist schon mal ein großer Schritt!

Nun lass Dich von dem Gefühl nicht beherrschen.
Schau Dir dass Gefühl an und werde Dir im Klaren, dass Du nicht Dein Gefühl bist und den Gefühlen nicht ausgeliefert bist.
Dies zu üben ist eine gute Vorbeugung, um nicht selbst eines Tages zur Flasche zu greifen.

Oft hilft Sport, ein Instrument zu spielen oder ähnliches, um die Energie eines unguten Gefühls abzureagieren und die Selbstdisziplin zu trainieren.

Höre mal in einer Selbsthilfe-Gruppe, wie Deine "Leidensgenossen" damit umgehen. Die haben vielleicht noch andere Tipps.

LG

Mara
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Mögen alle Wesen in allen Welten glücklich sein.
Ja, lieber Jackson. Loslassen lernen ist schwierig, aber man kann es. Deine Gedanken und deine Vorstellungen über das Loslassen müssen sich mit deinem Gefühl über Loslassen decken - dann kannst du zufrieden sein.
Werde dir genau darüber klar, wie du bei deinem Vater auftreten möchtest, was du erreichen möchtest. Zeige ihm deutlich und mach ihm durch Worte und Gesten bewußt, dass er dir nicht mehr mit Worten, Schmeicheleien, Entschuldigungen usw. kommen kann. Du glaubst es ihm nicht mehr. du möchtest Taten sehen und zwar einen Entzug und eine längere trockene Periode danach. Ansonsten brichst du den Kontakt komplett ab. Mache ihm wahrhaft verständlich und sei überzeugend, dass du mit einem Säufer als Vater nichts zu tun haben möchtest. Wenn er sich in eine Klinik begibt, dann nicht nur wenige Tage zur sog. Entgiftung, sondern es sollte schon ein Aufenthalt von mind. 3 Monaten mit integrierter Psycho-Therapie sei. Im Anschluß daran ist es wichtig, dass er seine alten Kumpel etc. in den Wind schießt, sich neue Freunde sucht, ein neues Umfeld und eine ambulante Anlaufstelle zur Begleitung.
Aber er muß dies selbst wollen und einsehen.
Wenn er in einer Klinik ist, dann kannst du ja anfangs telefonieren, hält er durch, geh ihn mal besuchen, kommt er raus und ist trocken und gewillt dies zu bleiben, kannst du vorsichtig helfen - ich sage vorsichtig! Immer kritisch bleiben, genau hinschauen, sich nicht bequatschen lassen!
Du wirst den starken Unterschied bemerken, ob er ernsthaft an sich arbeitet und gewillt ist, trocken zu bleiben, oder ob er nur faselt.
Es wird dann von seiner Seite aus eine Menge aufzuarbeiten geben, vor allem Schuldgefühle werden sehr groß sein. deshalb später die ambulante Begleitung.
Na dann, viel Kraft.
LG ingwaz