Lange Freundschaft am Ende?



Was soll ich tun, wenn die Antwort 'ja' lautet?
Darüber hinwegsehen
33%
 33%  [ 1 ]
Mich von ihm abwenden
33%
 33%  [ 1 ]
Luftgitarre spielen
33%
 33%  [ 1 ]
Stimmen insgesamt : 3

Hallo ihr alle,

ich habe folgendes Problem: Seit langem schwelt in der ältesten Freundschaft meines Lebens ein Konflikt. Er ist mein einziger verbliebener Kindheitsfreund, und ich kenne ihn seit 10 Jahren. Dieser Konflikt vereinnahmt mich so sehr, daß ich schon seit einem Monat keinen Kontakt mehr zu ihm aufgenommen habe, obwohl wir nah beieinander wohnen.
Ich denke schon seit Wochen über dieses Thema nach und bin noch zu keinem Ergebnis gekommen. Das lag auch daran, weil ich das Problem gar nicht formulieren konnte. Heute abend ist es mir aber klar geworden.

Es handelt sich im weitesten Sinne um einen Religionskonflikt. Er ist freikirchlicher Christ und ich bin Atheist. Ich denke, daß ich ein ausreichend toleranter Mensch bin, um im Kern darüber hinwegzusehen. Das Problem ist aber, daß ich auch schwul bin. Ich habe auch seit zweieinhalb Jahren einen festen Freund und sehr glücklich mit ihm. Auf die Nachricht um meine Homosexualität reagierte er völlig gelassen. Seine Kirche hat zwar eine eindeutige Meinung zu dem Thema, aber im Vorfeld steht für ihn (wie es ja auch anständig ist) der Mensch als Individuum. Er scheint mich auch als Atheist zu akzeptieren. Ich habe ihm auch schon unmißverständlich gesagt, daß ich niemals und auf keinen Fall Christ werden möchte.
Nun ja. Er vertritt offenbar das doch sehr christliche Motto "Hate the sin, not the sinner". Aber wozu führt das? Es scheint ja sehr großherzig von ihm zu sein, daß er über meine "sündige" Lebensweise hinwegsieht und mich als Menschen betrachtet. Diese Einstellung würde mir bei jedem anderen x-beliebigen Christen reichen. Aber er ist eben auch mein Freund. Ich will sein Mitleid nicht. Und vor allem brauche ich keine Freunde, deren Wertekatalog mir meine Rechte verweigert: Ich kann nicht einfach akzeptieren, daß er gegen gleichgeschlechtliche Ehe ist. Wozu hab ich denn Freunde, wenn sie mir nicht die Chance geben, gleichberechtigt und glücklich zu in Würde leben!

Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich habe mir schon als äußerste Lösung überlegt, ihn offen zu fragen: "Findest du meine Lebensweise im Kern falsch? Würdest du es vorziehen, wenn ich heterosexuell wäre?" (Die zweite Frage hat den Zweck, daß sich daran entscheidet, ob es ihm wirklich egal ist oder nicht.)

Und wenn die Antwort 'ja' lautet, sehe ich keinen anderen Ausweg als zu antworten: "Dann kann ich leider nicht länger mit Dir befreundet sein."
_________________
Meditieren ist sinnvoller als einfach dazusitzen und nichts zu tun.
Ich denke, du kannst durchaus länger mit ihm befreundet sein, auch, wenn ihr Meinungsverschiedenheiten habt. Es kann sogar spannend sein, das Alles untereinander auszudiskutieren. Vielleicht überzeugt er dich ja unter Anderem auch noch zu was in Richtung Religion. Was mich betrifft: Ich bin religiös und habe nichts gegen Homosexualität an sich, da ich nichts Arges daran finde.
Da auch im Christentum mehrere Verschiedenheiten vorkommen, und ich nicht weiß, wie tief sein christlicher Glaube geht, stelle ich einfach mal meine Ansichten als seine hin.

Gott ist nicht tolerant, sondern geduldig. Wäre er tolerant, so läge ihm wenig an seiner Ordnung, nach der man leben sollte.
Wenn dein Kindheitsfreund den Kontakt zu dir wegen deiner Homosexualität nicht abbricht, so heißt das nicht unbedingt, dass er sie toleriert und "über deine sündige Lebensweise hinwegsieht", sondern er duldet sie, mit der Hoffnung, dass du dich ändern wirst.

Ich erlaube mir mal, einen Bibeltext zu zitieren, damit du sehen kannst, woran er sich in so einer Situation (vermutlich) halten wird.
Zitat:
Meint nur nicht, dass ich gekommen bin, um Frieden auf die Erde zu bringen, Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert. Und wer sein Kreuz nicht auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert.

Welche Chancen rechnest dir mit deinem Vorhaben aus, ihn vor die Wahl zwischen deiner Freundschaft und Gott zu stellen? Wenn er auf Dinge wie den oben genannten Text achtet, dann wird er deine Freundschaft um Gottes Willen opfern.

Natürlich kann auch sein, dass er es so sehen wird wie mein Vorredner; aber das halte ich für unwahrscheinlich.
Hallo,

muss man denn mit seinen Freunden in allem Übereinstimmen? Ich glaube nicht. Es geht hier auch nicht um Toleranz, denn Toleranz heißt dulden und das hat etwas hierarchisches.
Nur weil dein Freund Homosexualität für falsch hält, heißt es ja nicht, dass er dich für falsch hält. Es wäre doch zu einfach, wenn man nur mit denen befreundet wäre, mit denen man zu 100% übereinstimmt (sofern ein solcher Mensch überhaupt zu finden ist). Die Qualität einer Freundschaft zeigt sich doch erst dann, wenn man trotz großer mit Unterschiede einander achtet.
Mir stellt sich auch die Frage: Habe ich überhaupt Anspruch darauf, dass mich mein Gegenüber mit all meinen Facetten "liebt"? Ich denke nicht, vielmehr zeigt sich Liebe und Freundschaft doch durch das TROTZ und nicht durch WEIL. Also ich liebe dich trotz deiner Ungeduld.
Nur wahre Freunde können das.
Ich hoffe es ist verständlich, was ich zum Ausdruck bringen wollte.
Natürlich muß er mir nicht in allen Punkten zustimmen, und wir müssen auch uns nicht in allem einig sein. Aber versteht ihr denn nicht die zentrale Frage? "Wozu brauche ich Freunde, die sich aus Überzeugung gegen meine Lebensweise stellen, obwohl ich diese offenbar gut für mich ist." Im Umkehrschluß hieße das schließlich, daß mein Freund nicht WILL, daß ich glücklich bin. Zumindest nicht auf die Weise, auf die ich es bin.
Daß ich irgendwann noch zur Religiösität finde, ist ausgeschlossen. Ich stehe fester in meiner Position als der Papst in seiner.
Wie kommst du denn darauf, dass dein Freund nicht will, dass du glücklich bist? Das ist doch so, als ob man aus Überzeugung gegen Tatoos ist und sie für falsch hält- das heißt ja nicht, dass man es für alle anderen auch ablehnt!
Ich meine dass nicht böse, aber ich habe den Eindruck, als hättest du dich eigentlich schon längst gegen eure Freundschaft entschieden, weil du nicht akzeptieren möchtest, dass dein Freund Homosexualität ablehnt und du als einzige Option den Bruch siehst, oder liege ich da falsch?
Seid ihr euch eigentlich nicht sogar ähnlich, denn du lehnst seine christliche Haltung diesbezüglich auch ab. Fragt er sich denn auch, ob er deshalb noch mit dir befreundet sein kann? Schließlich ist seine religiöse Identität offenbar sehr wichtig für ihn.
Ich verstehe auch nicht, warum du immer wieder darauf hinweist, dass du nicht gläubig bist und darin sehr fest bist- das spielt doch keinerlei Rolle, oder?
Bleib doch so, wie du es für richtig hältst und gestehe das auch deinem Freund zu. Wenn du dann aber keine Basis für eure Freundschaft siehst, weil er deine Homosexualität aus religiöser Sicht für falsch hält, dich aber trotzdem als gleichwertig ansieht, Achtung vor dir hat, du aber dennoch von ihm das Befürworten der Homosexualität "verlangst", dann musst du wohl deine Konsequenzen ziehen.

Ich hoffe, dass ich helfen konnte.
Die aus meiner Sicht zentrale Frage ist, wer wen ablehnt?
Hat er ein Problem damit, dass du Atheist und homosexuell bist, oder hast vielmehr du ein Problem damit, dass er überzeugter Christ ist?
Ich glaube, wenn du darüber nachdenkst und dir im Klaren bist, wo der sprichwörtliche "Fuchs begraben liegt", dann ist es eine Hilfe für deine Entscheidungsfindung (wenn du dich nicht bereits entschieden hast).
Lieber inktvis,

ich denke eure Freundschaft könnte an dieser Situation reifen und wachsen.

Du kannst unmöglich das Christsein deines Freundes für dich als möglichen Weg akzeptieren und er kann unmöglich deine gelebte Homosexualität als im Einklang mit seinen christlichen Werten stehend akzeptieren.

Aber eure Freundschaft - die hat eine "andere Beziehungsebene", sie muss nicht bis in den Wesens- und Glaubenskern vordringen. Dort - ganz tief im Inneren sind wir ohnedies mit uns alleine in dem Raum der Ursache unserer Existenz, wo sonst niemand hinkommt. Dort können wir Gott begegnen, wenn wir es zulassen.

Wenn ihr jeweils die Andersartigkeit des Lebensfundaments des Anderen akzeptiert und ihn als Menschen trotzdem voll bejaht - dann kann etwas geschehen, mit euch beiden! Lasst das wertvolle und unersetzliche Gut eurer Freundschaft nicht daran zerbrechen, dass ihr Unterschiede nicht akzeptieren könnt und euch verletzt zurückzieht. Reife beudetet ertragen und tragen. Jeder Mensch muss sich selbst und andere tragen und ertragen - nur das macht langfristig glücklich, nicht die Flucht.

LG Burkl
Lieber inktvis,

Freunde begegnen sich unter dem Sternenhimmel, sprechen miteinander und jeder geht dann wieder in seine Richtung. Langjährige Freundschaften müssen nicht kontinuierlich verlaufen, denn jeder folgt seinem Lebensplan und der kann eben auch mal in eine andere Richtung führen.
Es gibt Zeiten, in denen die Lernprozesse so konträr sind, das man sich mal eine Weile nicht unter dem Sternenhimmel begegnet.
Aber das Ziel ist doch für Euch beide das gleich...lieben lernen...du auf Deine Weise und Dein Freund eben auf sein Weise.
Alles was wirklich zu Dir gehört, kommt auch immer wieder zu Dir zurück...wenn nicht, wartet eine höhere Freundschaft auf Dich!
Wenn Euch der Respekt und die Liebe zueinander verbindet, werden ihr Euch wieder unter dem Sternenhimmel treffen und Euch von Euren Erlebnissen erzählen.
Vielleicht auch erst in einer anderen Inkanation, vielleicht auch schon nächste Woche...
Loslassen bereitet immer Schmerzen, aber Du wächst auch daran...Lieben bedeutet loslassen...um den Anderen seinen Weg gehen zu lassen...
Konzentriere Dich darauf, dass Du Dich und Deinen Weg selbst respektierst und liebst...

Ich wünsche Dir alles Schöne, Wahre und Gute für Deinen Weg...

Tara
Es ist wirklich sehr schön geschrieben. Der Meinung bin ich auch. Man soll ja nach Vorne schauen und nicht dem was vorbei ist trauern.