Ein kurzer Vormittag mit einem anderen Blick


Heute früh, als ich meine Kinder zur Schule gefahren habe, habe ich festgestellt, dass meine Wahrnehmung eine ganz andere ist - einfach so.
Ich sah wie das goldene Septemberlicht in breiten Strahlen durch die Äste der alten Kastanienbäume fällt und hatte aufeinmal wieder diesen Kinderblick auf die Welt. Einen ganz eigenen Blick. Der Blick, der nichts schmutziges sieht, nichts gewöhnliches erkennt, keine bösen Absichten mutmaßt. Dieser Blick, der in einem alten Backsteinhaus einen dreiflügeligen Palast sieht, im Spiegle einer Pfütze eine parallele Welt, an ihren matschigen Rändern eine Landschaft, ein Universum für sich.
Im Radio lief ein klassisches Musikstück, das ich als Kind sehr liebte, vor allem deshalb, weil es das erste und einzige klassische Musikstück war, das ich damals kannte. Im heiter belanglosen Klang dieser Musik erschienen mir die Passanten, die Radfahrer und Straßenfeger wie ein Teil von mir, der sich im selben Rhytmus bewegt, ohne dass sie sich dessen bewusst sind. Ich sah in ihnen nicht die Jugendlichen, die in provozierenden Dreierreihen vor uns her fahren, damit wir nicht vorbei kommen, sondern einfach Menschen, die auch auf dem Weg sind.
Das war wirklicher Glücksmoment und ich habe mir so sehr gewünscht, dass diese Art der Wahrnehmung anhält und dass ich diesen Blick ab jetzt nicht mehr verliere. Vielleicht ist dieses "Gefühl" dieses "Geborgen sein" im Hier und Jetzt durch dieses alte Musikstück ausgelöst worden. Ich weiß es nicht. Es war wie ein Geschenk und zwar deshalb, weil ich in den letzten Jahren so viel häßliches erlebt habe, so viel Erkenntnis über die negativen Seiten des menschlichen Charakters erlangt habe, dass meine Grundstimmung eigentlich immer Abwehrbereitschaft gegenüber dem Gemeinen und Ungerechten war. Ich war einfach nicht mehr in der Lage, einen neutralen oder gar positiven Blick auf die Welt zu haben. Leider ist diese alte und wieder entdeckte Fähigkeit nun wieder verschwunden. Ein paar Stunden hat sie angehalten. Für ein paar Stunden durfte ich die Welt wieder durch die unerfahrenen Augen eines Kindes sehen. Jetzt ist es vorbei und ich frage mich: Wie sinnvoll ist es aber als Erwachsener, naiv zu sein? Wie hoch wäre der Preis, würde ich das Leben und die Welt durch Kinderaugen sehen und dabei der Gefahr ausgesetzt sein, der auch ein unerfahrenes Kind ausgesetzt ist? Warum durfte ich diese Stunden heute Vormittag genießen und warum ist dieser Kinderblick nun wieder fort? Ein wenig davon würde doch genügen, um genau diesen inneren Frieden zu haben, der einen ein glücklicheres Leben leben lässt. Wenn mir dann einfällt: "Ihr müsstet werden wie die Kinder" dann möchte ich zurückfragen: Ja gerne, aber wie denn?

LG
Helle
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Im Labyrinth verliert man sich nicht
Im Labyrinth findet man sich
Im Labyrinth begegnet man nicht dem Minotaurus
Im Labyrinth begegnet man sich selbst

Hermann Kern
Liebe Helle!

Verbleib im Herzen, denn im Herzen bist du unschuldig wie ein Kind.

Alles Liebe

Erich
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Ich handle in wahrer Liebe und in wahrer Freundschaft
Liebe Helle, so ein Träumerchen war ich auch einmal - alles war gut und richtig - die Menschen, das Leben - bis ich in die Härte kam und viel lernen mußte.

Was nicht heißt, den Menschen zu verurteilen, sondern zu versuchen, die Welt objektiver zu betrachten.

Dabei hat mir das Buch von Dr. Gosztonyi, den ich oft erwähne, und viele andere Bücher und viele Gespräche mit vielen lieben Menschen sehr geholfen.

Man bekommt einen anderen Blick für die Dinge und über und für Gott - ....

Liebe Grüße für einen schönen Tag

ikarus
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Das, was sich im Menschen reinkarniert, ist das spirituelle Ego, die göttliche Individualität.
http://www.theosophie.de/index.php?.....en&Itemid=88&limitstart=2
Liebe Helle,

Ich danke dir! Danke das Du es so kurz und prägnant beschrieben hast und das Du dieses Erlebnis überhaupt hier mit uns teilst. Ich überlege schon einige Zeit was mir fehlt bzw. wie ich wieder besser in Einklang mit mir kommen kann. Auch meine Gedanken gingen dabei in diese Richtung. Schon dieser kurze Einblick in dein spezielles Ereignis hat mich zufriedener werden lassen, aber noch mehr hat es mir verdeutlicht was ich tun muß und wie ich es tun muß. Hab nochmal herzlichen Dank!

LG Tiro
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„Es gibt keinen Schöpfer außer dem Geist.“
(Lord Buddha)

"Es ist ein Vergnügen anzusehen, wie blind die Menschen für ihre eigenen Sünden sind und wie heftig sie die Laster verfolgen, die sie selbst nicht haben."
(Machiavelli)
Im Hier und Jetzt ist die grenzenlose Freiheit möglich.


_________________
Om
Purnamadah Purnamidam
Purnat Purnamudachyate
Purnasya Purnamadaya
Purnameva Vashishyate
Om shanti, shanti, shanti
Wenn ich verspannt oder schlecht gelaunt oder allgemein Lust auf Entspannung habe...

...dann gehe ich immer zu meinen Lieblingsbaum, höre meine Lieblingsmusik und lass mir den wind durch gesicht wehen und kann mich da ganz tief fallen lassen(nicht wörtlich gemeint )
Lieber Tiro,

Zitat:
Ich überlege schon einige Zeit was mir fehlt bzw. wie ich wieder besser in Einklang mit mir kommen kann. Auch meine Gedanken gingen dabei in diese Richtung. Schon dieser kurze Einblick in dein spezielles Ereignis hat mich zufriedener werden lassen, aber noch mehr hat es mir verdeutlicht was ich tun muß und wie ich es tun muß.


Das freut mich wirklich sehr!


Zitat:
Ich danke dir! Danke das Du es so kurz und prägnant beschrieben hast und das Du dieses Erlebnis überhaupt hier mit uns teilst.


Jetzt doppelt gerne

LG
Helle
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Im Labyrinth verliert man sich nicht
Im Labyrinth findet man sich
Im Labyrinth begegnet man nicht dem Minotaurus
Im Labyrinth begegnet man sich selbst

Hermann Kern
Liebe Ikaruse,

Zitat:
Dabei hat mir das Buch von Dr. Gosztonyi, den ich oft erwähne, und viele andere Bücher und viele Gespräche mit vielen lieben Menschen sehr geholfen.



Vielleicht werde ich mir das Buch besorgen. Danke.


Zitat:
Liebe Grüße für einen schönen Tag



Liebe Grüße für einen schönen Abend!

LG
Helle

(Ich sehe gerade diese abartige Dok auf arte
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Im Labyrinth verliert man sich nicht
Im Labyrinth findet man sich
Im Labyrinth begegnet man nicht dem Minotaurus
Im Labyrinth begegnet man sich selbst

Hermann Kern
Liebe Helle,
herzlichen Dank dafür dass du uns an dieser wunderbaren Erfahrung hast teilhaben lassen.

zu deiner Frage:
Zitat:
Wenn mir dann einfällt: "Ihr müsstet werden wie die Kinder" dann möchte ich zurückfragen: Ja gerne, aber wie denn?


Habe nur ein indirekte Antwort. Indem man in der Liebe und in der Gegenwart ist...
wie man da hin kommt ist wohl für jeden anders.

Ein Beispiel wie ich es tu:
Heute morgen hab ich im Garten gefrühstückt. Mich an der Sonne, den verschiedenen Vogelstimmen, den gackernden Hühnern, der Dorfglocke und dem Frieden der um mich war gefreut und erkannt ich bin glücklich und gesegnet.
Habe mich über die Trauben, Birnen, Äpfel, Gurken und Tomatenin meinem Teller gefreut die zur Zeit noch in Fülle ganz frisch geerntet vorhanden sind. Die Wespen waren so mit der blühenden Fetthenne neben mir beschäftigt dass sie sich nicht für meinen Frühstücksteller interessiert haben.
Voll Liebe und Dankbarkeit hab ich mir ein Stück Birne in den Mund geschoben und hab mich über meine Geschmackssinne gefreut die mich den wunderbaren Geschmack erkennen lassen. Beim Abbeissen meines Brötchens hab ich meine Dankbarkeit über meine noch gut funktionierenden Zähne und Kieferknochen gespürt die mir ermöglichen ein krosses Brötchen zu zerkauen. Beim kauen hab ich voll Dankbarkeit an die Verkäuferin, den Bäcker der mitten in der Nacht aufstand, den Müller und den Bauern gedacht die alle daran beteiligt waren dass ich dieses Brötchen essen kann. Dann sind mir die vielen Menschen eingefallen die auf dieser Erde genau in diesem Augenblick nichts zu essen haben, vielleicht sogar verhungern. Voll Mitgefühl hab ich sie in mein Herz genommen. Genauso wie meine Mutter die seit Monaten mit großen Schmerzen lebt, meine kleine Nichte die eine Matheschwäche und ADHS hat, und sich damit gerade in diesem Moment durch den Schultag quält. Genauso wie an meinen Nachbarn der seine Landwirtschaft aufgeben muss weil seine Frau ihn verlassen hat und Geld sehen will. Und an die vielen vielen Menschen und Tiere auf dieser Welt denen es in diesem Moment sehr schlecht geht. Die misshandelt werden, Hunger, Schmerzen, Krieg, Gefängnis, Krankheit oder was vielleicht sogar jenseits meiner Vorstellungskraft liegt aushalten müssen. Genauso wie ich mich mit allen freue die glücklich sind, denen es gut geht, die sich gerade jetzt frisch verlieben, einen neuen Job beginnen, meine andere Nichte die seit diese Woche stolzes Schulkind ist.
...all das was auf irgendeine Weise mein Leben und Denken berührt nehme ich in diesem und vielen anderen Augenblicken in mein Herz voll Liebe, Mitgefühl und Mitfreude. Natürlich ist das nicht immer so bewusst möglich. Aber immer und immer wieder, und vor allem immer öfter, ob bei der Arbeit, beim Einkaufen, beim Autofahren oder so wie heute morgen beim frühstück, so wie jetzt in diesem Moment. Und auch dafür bin ich so dankbar.
Vermutlich trifft das alles nicht genau die Frage: "Wie wird man zum Kind" Aber es geht in die Richtung.

Jetzt geh ich wieder in meinen Garten weiterarbeiten.
Euch allen einen wunderbaren Tag
Liebe Licht und Freude
zahira
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Möge Liebe, Licht und Frieden sich überall verbreiten
Zahira hat folgendes geschrieben:
Vermutlich trifft das alles nicht genau die Frage: "Wie wird man zum Kind" Aber es geht in die Richtung.


Auch, indem wir uns dekonditionieren.

Sie haben uns gesagt, dass wir nicht gut genug sind.

Wir haben es ihnen geglaubt.
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Om
Purnamadah Purnamidam
Purnat Purnamudachyate
Purnasya Purnamadaya
Purnameva Vashishyate
Om shanti, shanti, shanti