Zwei Schwestern


Einst lebten zwei Schwestern in Ihrer Mutter Haus am Waldrand. Inmitten der wogenden Kornfelder sah man das Rosenbewachsene Haus herausschauen. Unweit davon, auf der dem Wald gegenüberliegenden Hausseite stand ein großer alter Baum, in dem die Mädchen oft gemeinsam saßen, sich Geschichten erzählten, dem Wind und dem Lied der Blätter und des Kornes lauschten oder einfach nur saßen und nachdachten.

Eines Tages verschwand die jüngere von Beiden, als sie in den Wald gehen wollte und kam nicht wieder. Den ganzen Tag suchten die Männer des nahen Dorfes verzweifelt und fanden Sie doch nicht. Die Mutter weinte lange in die Nacht hinein, als niemand mehr suchen wollte. Denn auch die ältere war seit Anbruch der Nacht fort.

Die ältere Schwester hatte vernommen, dass niemand mehr suchen wollte, als das Zwielicht sich ankündigte und war nun selbst in den Wald gegangen, um die geliebte Schwester zu finden. Sie lief ruhig durch den Wald und achtete auf alles ungewöhnliche in dem ihr gut bekannten Wald. Als das Licht zwischen den Ästen fortging, störte Sie dies nicht und sie ging weiter, in der Hoffnung und dem Glauben, ihre Liebe würde sie zu der Schwester führen. Als es kalt wurde zog sie das Häkeltuch dicht um sich und ging guten Mutes weiter, auch die klamme Feuchte, die langsam ihren Laib erkalten ließ wollte sie nicht stoppen. Schließlich zog dünner Nebel über den Boden, doch die Ältere ging stolpernd weiter und auch das unheimliche Heulen der Eule schreckte sie nur kurz. Immer weiter ging sie in den Wald ohne die Hoffnung zu verlieren. Schließlich zog der Nebel immer dichter auf, bis sie nichts mehr sehen konnte. Vorsichtig tastete sie Sich nun den Namen der Schwester rufend durch den Wald. Immer wieder viel Sie im dunklen Nebel und stand doch wieder auf, bis sie eine kleine Böschung herab viel und und der durch den Aufprall schmerzende Kopf die Dunkelheit in Ihr Herz brachte.

Angst wuchs auf einmal und die Hoffnung Schwand, während die Gedanken an die Schwester sie noch weiter quälten, rappelte sie sich auf. Tief atmete sie durch und zwang sich die Hoffnung nicht aufzugeben. Gelingen wollte ihr dies jedoch nicht so recht.

Auf einmal sah sie am Boden viele kleine Lichter gleich Sternen leuchten. Vorsichtig schritt sie näher zu diesen und noch während sie so ging zog sich der Nebel zurück und gab eine wundersame Wiese frei. Auf ihr standen viele kleine weiße Blumen, die leuchteten. Als sie sich bückte um sie näher zu betrachten, streifte sie einige und hörte sie in hellem klaren Ton gleich Glöckchen klingeln. Als sie an einer der Blumen roch nahm sie den Geruch der Mutter guten Brot und der Rosen im Garten war. Sie konnte die Blätter des alten Baumes riechen und das Korn auf dem Feld. All die Angst und all die Zweifel waren fort.

"Jeder riecht was ihm am meisten gute Gedanken bringt.", hörte sie eine Stimme sagen. "Pflücke nur eine, sie soll dir licht geben und deine Hoffnung aufrechterhalten. Nie soll sie welken solange Liebe und Hoffnung noch sind." Die ältere Schwester tat wie geheißen und wollte sich gerade nach der Stimme umsehen, als die Lichter verschwanden und aus der seltsamen Wiese das Feld hinter dem eigenen Hause wurde. Ein leises wimmern führte Sie schließlich zu dem als Schemen erkennbaren alten Baum. An Fuße des Baumes saß zusammengekauert die jüngere der Schwestern. Klagend hielt sie die Wunde am zarten Laib und blickte voll Schmerzen zu der Schwester. Sie hatte die Männer aus der Ferne gesehen, sie hatte gerufen und niemand hatte sie gehört.

Als die durch einen unglücklichen Sturz verletzte sicher daheim und versorgt war, sah die Ältere in Ihre geschlossene Hand. Dort lag noch immer die kleine Blume und leuchtete sanft.

-Aus den alten Geschichten der Ebrahin-