Der persische Mulla Nasreddin


Mullah Nasreddin und die Birne des Sultans

Der Sultan hatte einen großmütigen Tag und wollte einem seiner Untertanen etwas Gutes tun. Nach langem Überlegen wählte er dazu Mullah Nasreddin aus, dem er durch einen Boten die köstlichste Birne des ganzen Reiches zustellen ließ. Er müsse nur eine Bedingung erfüllen. Unter keinen Umständen dürfe Mullah Nasreddin die Birne verzehren. Das brachte Mullah Nasreddin in arge Bedrängnis und er wusste nicht, was er tun sollte, denn die Birne sah wirklich sehr köstlich aus, und er war versucht, sich an ihr zu vergehen. Doch dann dachte er lange nach. Und schließlich nahm er eine kleine silberne Schale und stellte darin die Birne in die Mitte seines Hauses.

Nach einigen Monaten kam der Sultan zu Besuch, um zu kontrollieren, ob die Birne noch da war. Weil er aber ein zu langes Gewand trug, stolperte er über die Hausschwelle und fiel mit dem Kopf auf die Birne in der silbernen Schale. "Der Sultan ist wohl auf die Birne gefallen," versuchte Mullah Nasreddin der Situation eine heitere Seite abzugewinnen. Aber der Sultan war außer sich und schrie: "Du willst mich wohl veräppeln." Fast hätte er den glücklosen Mullah köpfen lassen, wenn dieser sich nicht mit der ihm eigenen Schlagfertigkeit gerettet hätte: "Verbirnen, Sultan, verbirnen!" Beide mußten daraufhin aus vollem Herzen lachen.


Kurz nachdem der Mulla Witwer geworden war, verheiratete er sich wieder, und seine Frau schenkte ihm nach drei Monaten schon einen Sohn. Nach einiger Zeit kamen die Verwandtinnen des Mulla und seiner Frau, um einen Namen für das Kind auszuwählen. Jede schlug einen vor; der Mulla aber gebot ihnen Schweigen und sagte:

»Diesem Kind gebe ich einen Namen. Hasid (Schnellläufer) soll es heißen.«

»Aber, aber; das ist doch kein Name!« wandten die Frauen ein.

»Doch; das Kind hat einen Weg von neun Monaten in dreien durchlaufen; es verdient den Namen Hasid.«


Eines Tages ging Mulla Nasreddin mit einem Korb in einen fremden Garten und fing an zu stehlen. Es dauerte nicht lange, da kam der Gärtner mit einem Stecken in der Hand, stellte den Mulla und schrie ihn an:

»Wer bist du und wie kommst du in unsern Garten?«

[282] Nasreddin war von dem plötzlichen Erscheinen des Gärtners so verblüfft, daß er nicht gleich eine Antwort fand, aber schließlich stammelte er:

»Ja, ich ging so meines Wegs, da kam plötzlich ein starker Wind, der mich armen Kerl hier in diesen Garten hereingeworfen hat.«

»Gut«, sagte der Gärtner, »aber warum hast du denn das Gemüse da ausgerissen?«

»Sei nicht bös, lieber Gärtner, denk doch nach: wie kann ich mich gegen einen solchen Wind stemmen, wenn ich mich nicht irgendwo anhalte. Dabei habe ich das Gemüse wohl ausgerissen.«

»Gut, es soll so gewesen sein; aber wie kommt das Gemüse in deinen Korb?«

»Darüber hab' ich selber nachgedacht, als du kamst; du hast mich bloß gestört und den eigentlichen Grund dafür hab' ich noch nicht herausgebracht.«



Quelle:

Dirr, A.: Kaukasische Maerchen.Jena: Eugen Diederich, 1922, S. 281-282.
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...und die Menschen auf der Erde machen Wumtata!