Sozialer Status - herrabwürdigende Erfahrung


Hallo,
da ich denke das es das eigentliche Thema im anderen Thread sprengen würde, will ich hier gesonders noch einmal etwas bemerken.

Eine wirklich für mich heftig, herrabwürdigende Erfahrung will ich kurz schildern die mich elends wütend gemacht hat.
Meine grosse Tochter muss sich hier familiär gegen ihre kleineren Geschwister teilweise sehr stark durchsetzten, was sich auch in der Schule wieder abgezeichnet hatte. Das wurde so extrem für ihre ehemalige Lehrerin, das sie das Kind (obgleich es sich nur Angriffen ihrer Mitschüler verteidigte) als sozial schwach im Zeugnis bezeichnete. Auf Grund dieser Einschätzung wurde meiner Tocher eine Hauptschulempfehlung ausgesprochen (die Noten waren alle aber etwas mehr als durchschnittlich). In meinem Wahn über die soziale Abwertung, mit Blick auf die Noten habe ich meine Tochter aber auf die Realschule einschulen lassen. Was soll ich sagen.?
Sie ist dort Klassen-Zweitbeste und fühlt sich immer noch unterfordert; trotz ihres forschen Verhaltens.
Letztens wurde ich sogar angesprochen auf die Überlegung einen Wechsel aufs Gymnasium in Betracht zu ziehen - was ich aber nicht für gut heisse (anderer Ort, andere Schüler, andere Lehrer usw.).
Eine andere Mitchülerin: alles 1 und 2en auf dem Zeugnis; Eltern Alkoholiker; Empfehlung = Hauptschule. Auf Reden mit der Mutter wurde sie aufs Gym. eingeschult und ist seit 1 1/2 Jahren dort mit einem Notendurchschnitt der fürs Gymnasium in Ordnung ist.

Die ehemalige Lehrerin meiner Tochter ist. minder ausgedrückt. etwas angeschlagen als ich ihr dies alles erzählte. Es machte sich mir gegenüber der Eindruck offensichtlich, das sie innerlich kochte vor Wut. Das schlimme ist, das ich mich darüber Freue das die sich ärgert; gerade weil sie ihre Bewertungen auch (nach 1 1/2 Jahren) immer noch genauso durchführt wie sie es bei meiner Tochter tat. Viele Eltern nehmen das hin - im blossen, nackten Vertrauen, das die Lehrerin das schon richtig einschätzt.

Würde ich mich nicht so oft über soetwas/ähnliches hinwegsetzten, dann würden meine Kinder später vermutl. nicht so weit kommen wie vielleicht eines dieser Kinder deren Eltern den Bewertungen der Lehrer folgeleisten (Viele kämpfen hier aber nicht).
Es muss eine Selbstverständlichkeit werden, das Eltern nicht für das Recht ihrer Kinder kämpfen müssen - sondern das diesen Kindern von vorn herein alle Möglichkeiten offenstehen; gerade was die Bildung angeht.

Noch einmal kurz Klassenfahrten betreffend:
Bei der oben genannten Ex-Klassenlehrerin habe ich mir damals zb. die Antwort eingefangen "Zitat: Dann hätten Sie sich nicht so viele Kinder anschaffen müssen!"
In solchen Fällen bleiben einem die Worte im Hals stecken um darauf antworten zu können.

Dort wo anderen der Weg bereitet wird für die Zukunft, müssen andere kämpfen - obwohl sie dieselben Menschen sind, nur mit anderen Problemen; die Interessieren aber kaum jemanden.


Lieben Gruss und einen schönen Tag noch
Gaby
Liebe Gaby!

Zu diesem 'Sager' von der Lehrerin - das ist leider bei vielen Menschen so,
dass sie in diesem Zusammenhang in gern die unterste Schublade greifen
- und ganz besonders bei vielen 'Frommen'... In einem Pfarrgemeinderat
gab's eine Diskussion zur Empfängnisverhütung, und da hat eine Frau von
einer Bekannten erzählt, dass die nach jeder ihrer fünf Geburten schwere
Depressionen hatte - monatelang, und z.T. stationär in der psychiatrischen
Klinik... Kommentar einer älteren Lehrerin: "Na, dann hätte ihr Mann sie
eben nicht so oft behüpfen [sic!] sollen!"... In unserer Kultur ist wertfreier
Umgang mit etwas, das auch nur irgendwie mit Sexualität zu tun hat, oft
nur sehr schwer möglich...
Lieber Wu,
ja Du hast da durchaus recht - oft findet man diese Art Mensch.
Worauf ich hier im eigentlichen abgezielt habe war, das das soziale Umfeld der Herkunft oft dazu herangezogen wird einen Unschuldigen zu diskriminieren und ihm somit ein erfolgreicher Weg verbaut wird was dazu führt, das oftmals ein ähnlicher Status, wie der der eigentlich ja nicht erwünscht ist, erreicht wird.
Je mehr man dies beobachtet oder auch bekämpfen muss, desto eher kommen dann auch die Gedanken ins Spiel "Warum soll ich Kinder in die Welt setzten".
Meine Schwägerin, 30, ist nicht gewillt momentan Kinder zu bekommen. Sie sieht die hohen Lebenserhaltungskosten; das was meinen Kindern in der Schule und auf der Strasse z.T. wiederfährt; dazu kommen etliche Gedanken wie Bildung, Arbeitsmarkt, Wohnungsmarkt, Umwelt usw.
Bei dem was ich alles schon miterleben musste, Wu, bei dem kann ich sehr wohl verstehen warum ihre Entscheidung momentan so ist wie sie ist.
Zum Teil beginnt es schon bei der Schuluntersuchung vor der Einschulung:
- "Wieviele Geschwister hat das Kind denn?"
- "4"
- ...
- ...
- "Ihr Kind ist noch nicht Schulfähig"

Dort wird im wahrsten Sinn des Wortes schon selektiert und das hängt dem Kind oftmals noch sehr lange nach..

Ich führ meinen Teil kämpfe und widersetzte mich in derartigen Situationen - zum Wohle und für die Zukunft des Kindes.
Diese Klassenfahrt wird gemacht - fertig. Dafür muss ich nur gewisse familiäre Finanzen umstruktuieren - verzichte ich und Daddy eben auf ein paar Dinge mehr.
Das erinnert mich gerade irgendwie an meinen anderen Thread zwecks "Beeinflussung und freier Wille usw." *grübel*


lieben Gruss
Gaby
Hallo Gaby!

Da ist mir gerade in einem anderen Forum ein Text untergekommen von einem lieben Freund - ich glaube der passt ganz gut hierher...
Zitat:
Im fünfzehnten Jahrhundert schrieb Ikkyu Sojun [ein berühmter, aber sehr 'aufmüpfiger' Zen-Meister]:
Zitat:
"Privater Reichtum nützt nicht der Nation. Leid und Unglück haben ihre Quelle im angesammelten Reichtum der Wenigen, von Menschen, die ihre Seele verloren für Zehntausende von Münzen."

Immer wieder fällt mir auf dass man (selbst unter Zen-Schülern) Armut, oder ein Farbiger zu sein, für eine Folge eines schlechten Vorlebens, also für Karma hält.
Es geht mir um den calvinistischen Glauben, die pietistische Vorstellung, die ja auch in anderen Religionen zu finden ist, wie auch in den New-Age-Zirkeln, dass Reichtum und Macht ein Segen Gottes sind, und inwieweit dies zumindest im Unbewussten eine allgemeingültige herrschende und akzeptierte Vorstellung in unserer Gesellschaft ist.
Mir begegnen immer mehr Menschen, die gerade hier, in unserem System ausgegrenzt werden, weil sie unter die Armutsgrenze rutschen, sich schuldig fühlen und schämen.

Diese Scham ist auch unter den farbigen Opfern der Katastrophen zu finden, auch die geringe Beachtung der Medien und was jetzt in Mittelamerika passiert. Die Folgen für die Länder sind entsetzlich - eine Hierarchie der Armut und Ausgrenzung tut sich da auf sowie weißer Rassismus - ebenso die Ereignisse an der spanischen Grenze.

Um etwas klar zu machen: mir geht's jetzt nicht um Action, sondern um Bewusstheit.
Ich glaube nicht an göttliche Zeichen und auch nicht an göttliche Strafe.
Dies entspricht weder den Worten Buddhas noch Jesu.

Der Reichtum dieser Welt ruht auf dem Rücken der Armen.
Sie sind es, die den Wohlstand der Reichen produzieren, aber auch deren Demütigungen ertragen.
Liebe Gaby
Es liegt wohl in der Art der meisten Menschen Vor-Urteile zu bilden. In dieser Beziehung kann es jeden treffen - nicht nur Familien mit vielen Kindern. Es trifft eigentlich alle, die aus der Konformität der großen Masse herausragen - in welcher Form auch immer. Ertappt man sich nicht selbst manchmal dabei, ein Vorurteil gehabt zu haben ?
Das Traurige an der Sache mit den Lehrern ist, dass gerade auf solche Empfehlungen hin, die Weichen für das zukünftige Leben eines Kindes gestellt werden. Ich kenne auch ein Kind mit Hauptschulempfehlung, welches dann auf der Realschule zu den Klassenbesten gehörte. Aber ich kenne auch ehrgeizige Eltern, die entgegen den Empfehlungen ihre Kinder aufs Gymnasium schickten, wo diese dann scheiterten.
Ich denke, dass sich die meisten Grundschullehrer die Empfehlungen sehr genau überlegen und nicht aus böser Absicht handeln. Kinder, die mit diesen Lehrern nicht zurechtkamen, scheitern eher an unserem Schulsystem, welches eine Person, die Weichen stellen lässt. Wobei ich mich etwas gewundert habe, denn bei uns waren eigentlich hauptsächlich die Noten ausschlaggebend. Ein Kind nur mit 1 und 2en hätte glaube ich keine Hautschulempfehlung bekommen dürfen. Da wäre der Lehrer schon ein wenig in Erklärungsnot gekommen.

Was kinderreiche Familien angeht: viele passen leider genau in die Schublade, in die sie gesteckt werden, weil sie ihre Kinder nicht aus einer inneren Überzeugung heraus, sondern eher aus Gedankenlosigkeit in die Welt gesetzt haben und sich nicht entsprechend um ihre Kinder kümmern bzw. kümmern können. Kinder brauchen Liebe und Zuwendung , wenn sie zu guten Menschen heranreifen sollen. Deshalb finde ich, dass man sich schon vorher überlegen sollte, für wie viele Kinder die eigene Kraft und Opferbereitschaft ausreicht. Bei manchen reicht es für viele , bei manchen eben nur für eines oder zwei.

Deiner Tochter wünsche ich jedenfalls weiterhin viel Erfolg und Spass auf ihrer Schule.

Liebe Grüße
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Die Kunst ist nicht , zu bekommen was man will, sondern es auch noch zu wollen, wenn man es bekommen hat.