Eltern


ok, ich versuche mal hier zu erklären was mich gerade ziemlich beschäftigt.
Vielleicht bekomme ich hier andere, oder sogar hilfreichere Sichtweisen dazu.

Mein Vater ist jetzt 72 Jahre.
Im Dezember wurde Prostatkrebs diagnostiziert, welcher auch erfolgreich behandelt wurdem durch OP und Tabletten.
Aber durch die wenige Bewegung kamen jetzt sehr schmerzahft Nierensteine dazu, welche durch Katheter setzen, Steine ableiten und Katheter wieder entfernen, erfolgreich behandelt wurden.

Doch jetzt kommt das groß Aber.
Das waren 3 Vollnarkosen in kürzester Zeit.
Bei der Prostata OP sogar eine 3-4 Stündige.
Diese ließen ihn schlagartig um 10 Jahre altern.
Seine Psyche ist total zusammengebrochen, er hatte mehrer Nervenzusammenbrüche, so dass er sich nun selbst in eine Psychatrie einweisen ließ. Auch meiner Mutter zuliebe, weil sie es auch nicht mehr mittragen konnte, oder ihn in den ganz schweren Phasen nicht mehr auffangen konnte.

Heute habe ich ihn dann wieder mit Mann und Kind und mit meiner Mutter besucht.
Und er sieht nicht so dolle aus, aber er hält sich tapfer.

Aber das ist nicht das, über was ich mit euch reden möchte.

Es geht um mich.
Für mich ist das alles neu.
Dadurch dass der Rest der Verwandschaft sehr weit weg wohnt, ist das der erste "Fall" den ich hatnah mitbekommen, bei dem der Alterungsprozess eingesetzt hat.
Und zwar so, dass er jetzt tatsächlich nicht mehr das tun kann was er möchte.
Hilflosigkeit macht sich breit.
Erstens weil ich selbst 200km weit weg wohne und nicht mal schnell hinspringen kann und zweitens, weil es mein Vater ist.
Also die nahste Person, gleich nach der Mutter.

Wie habt ihr das erlebt, als eure Eltern alt wurden und die Wehwehchen zu ausgewachsenen Krankheiten herangwuchsen?
Ist das normal, dass mir das weh tut?
Ist das normal dass ich da mitleide?
Sind die Rollen jetzt vertauscht?
Bin ich jetzt diejenige die für sie da sein sollte, so wie sie für mich da waren als ich klein und "hilflos" war?
Das fuchst mich, dass das nicht so einfach durch die Distanz funktioniert.
Uns bleibt nur das Telefon und halt so oft es geht, runter fahren.
Aber reicht das?

Was wäre da Gottes Plan?

Schon mal Danke fürs Lesen.

Bea
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Ich bin......
Ach, Bea

Ich hatte glücklicherweise nicht die Distanz, als mein Vater seinen ersten Infarkt hatte. Auch beim zweiten holte ich meine Mutter ab und wir fuhren gemeinsam ins Krankenhaus.
Bei dir kam das nun plötzlich, bei mir war es ein schleichender Prozess.

Ich konnte halt nur helfen, so gut es mir eben möglich war oder er meine Hilfe wollte. Und wenn er nicht wollte, dann respektierte ich das - denn man selbst möchte vielleicht auch so normal, wie möglich weiterleben.

Viel wichtiger war mir, dass ich ihn nicht nur besuchte, wenn er krank war. Wir telefonierten oft und viele Stunden und so kann ich behaupten, dass die Zeit mit ihm die Schönste war.

Wichtig ist doch nur, dass du dir keine Vorwürfe machst.
Deine Frage, ob es reicht, hat einen Beigeschmack von Vorwurf.

Ich habe mich nie gefragt, ob es reichte. Gerne hätte ich mich verabschiedet, doch die Vergangenheit spricht so viel Liebe, dass es nicht vieler Worte bedurft hätte.
Nach zwei Jahren habe ich meiner Mutter so weit geholfen, als dass sie nun sehr gut zurecht kommt. Die Gewissheit, dass ich ihr helfen würde ist für ihn sicher und unbezahlbar gewesen.

Du machst das so gut, wie es dir möglich ist.
Mehr ist nun mal nicht drin und du tust dir keinen Gefallen, deinen Blick durch Hilflosigkeit oder Gram zu trüben.

Genieße den Moment so gut, wie es geht ... das wäre mein Weg.

Gruß
Holo
Zitat:
Sind die Rollen jetzt vertauscht?
Bin ich jetzt diejenige die für sie da sein sollte, so wie sie für mich da waren als ich klein und "hilflos" war?


Wenn du es für dich annehmen kannst und sich deine Eltern auch nicht schlecht dabei fühlen.
Ich finde es gehört zum Kindsein dazu, sich um seine Eltern zu kümmern, wenn sie alt werden - unsere Gesellschaft hat jahrtausendelang so funktioniert und tut es in vielen Ländern der Erde noch so.
Vorausgesetzt man hat ein gutes Verhältnis mit ihnen, und dann stellt sich angesichts Zuneigung, die man dann im Normalfall empfindet, die Frage eigentlich nicht.
Ich sehe meine Eltern einmal pro Jahr weil wir im Ausland leben, mein Vater ist ein bißchen älter als deiner - es erschüttert mich jedes Mal, sie zu sehen, wenn ich ehrlich bin.
Ich versuche ihnen nah und für sie da zu sein durch Telefonate und Mails und Fotos, und das muss langen.


LG
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Moment! Ich muss mich erstmal kurz reinsteigern!
@ Bea,

Zitat:
Ist das normal, dass mir das weh tut?
Ist das normal dass ich da mitleide?


Ich würde denken, dass das normal ist. Egal wie alt man selber ist, Eltern bleiben immer Eltern. Selbst wenn man sie in irgendeiner Form bereits unterstützt, wenn sie "noch können", sind sie die Menschen mit denen man eine Beziehung unter der Prämisse einer ganz bestimmten Rollenverteilung lebt.
Wenn Eltern alt werden, tut das weh. Mit ihrer wachsenden Gebrechlichkeit geht auch langsam ein Stück der eigenen Sicherheit verloren. Man hat plötzlich jemanden weniger, auf den man sich verlassen kann und schlimmer noch, die Rollen verkehren sich tatsächlich. Und das ist ganz schwer, auch für die andere Seite.

Ich selber habe den Fehler gemacht, zu verdrängen, dass mein Vater alt wurde. Auch ich habe in geographischer Distanz zu ihm gelebt und mich jedesmal ein wenig erschrocken, wie alt er geworden ist, wenn wir uns besucht haben. Aber ich habe das dann jedesmal (nach ein, zwei Stunden) auf das Äußerliche reduziert und mich von seiner Sportlichkeit, seiner schlanken und durchaus "jünger wirkenden" Erscheinung, seinem geistigen Fit-Sein und seiner über das Rentenalter hinausgehenden Berufsausübung blenden lassen (wollen).
Heute werfe ich mir das vor. Denn er starb ganz plötzlich (für mich). Aber wenn ich darüber nachdenke, erkenne ich, dass er nicht plötzlich starb, er selber hatte das schon "gespürt" und mir auch immer wieder "mitteilen" wollen, mich in seiner Vaterrolle fürsorglich vorbereiten wollen, aber ich konnte das nicht ertragen und winkte immer ab. Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mit ihm darüber zu reden und die Rollen doch wenigstens teilweise umzukehren. So war er Vater bis zum Ende und ich Tochter und jetzt wünschte ich so brennend, ich könnte ihm im Nachhinein noch etwas von der Fürsorge geben, die er gebraucht hätte.

Auch wenn es dir schwer fällt, würde ich dich ermutigen wollen, die neue Rollenverteilung anzunehmen und dich ganz bewusst auf einen Abschied vorzubereiten. Damit meine ich nicht auf einen nächste Woch statt findenden Abschied, sondern Dinge wie: Fragen stellen, die einem später niemand mehr beantworten kann, Dinge sagen, die man immer schon einmal sagen wollte, den Vater als Menschen sehen mit seiner Geschichte und nicht (nur) als Vater.
Wenn ein Elternteil geht, sei es hinein in eine Alterschwäche, eine Demenz, oder nur eine körperliche Gebrechlichkeit und schließlich in den Tot, geht auch immer ein Stück der eigenen Kindheit mit. Das tut weh.
lg
Helle
Helle hat folgendes geschrieben:
So war er Vater bis zum Ende und ich Tochter und jetzt wünschte ich so brennend, ich könnte ihm im Nachhinein noch etwas von der Fürsorge geben, die er gebraucht hätte.

Das befürchte ich bei meinen Eltern auch, bei meiner Mutter mehr als bei meinem Vater, weil sie sehr viel Wert auf Stärke und Unabhängigkeit legt und ich merke, wie unangenehm es ihr ist, wenn sie an ihre Grenzen kommt. Sie hat mir zum Beispiel verschwiegen, als sie ins Krankenhaus musste.
Ich glaube, dass sich die Autoritäten nie ganz umkehren - ausser das Elternteil wird dement. Man bleibt immer Tochter mit der dazugehörenden Fürsorge, die ein Vater oder eine Mutter für sein Kind empfindet, egal wie erwachsen, selbständig und autonom es ist.

Ich hab Angst, dass gerade mein Vater es nicht mehr lange macht, und solche Gedanken tun natürlich weh.
Ich denke, er weiss durch die Art, wie ich mit ihm umgehe, dass ich ihn liebe und stolz bin, seine Tochter zu sein, trotz allem, was vielleicht schief gelaufen ist.
Ich würde das allerdings nie explizit so ausdrücken, ausser wir würden irgendwo mal wieder jämmerlich versacken und beide unseren Sentimentalen kriegen.
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Moment! Ich muss mich erstmal kurz reinsteigern!
Astrella hat folgendes geschrieben:
(...)Ich denke, er weiss durch die Art, wie ich mit ihm umgehe, dass ich ihn liebe und stolz bin, seine Tochter zu sein, trotz allem, was vielleicht schief gelaufen ist. (...)

Ich selbst finde, dass das schon sehr, sehr viel ist, wenn man das voneinander wirklich weiß.

Zwischen mir und meinem Vater liefen auch Dinge schief
... wir hatten vor langer Zeit darüber gesprochen und dann war es auch gut.
Ich kann das nur empfehlen.

Gruß
Holo
Liebe Bea,

ich musste das bei meinen Eltern (zum Glück) noch nicht durch machen, und habe Angst vor dem Tag, an dem es so weit ist. Insbesondere, da ich 900 km von ihnen entfernt lebe, meine große Schwester bald in genau der anderen Richtung 900 km, und die beiden anderen Geschwister jeweils auch so an die 400...
Sprich: Sie haben in ihrer Nähe keines ihrer Kinder. Lässt sich nur hoffen, dass mein Vater voll und ganz nach seiner Mutter schlägt, die jetzt mit 85 zwar nicht mehr auf 3000ern rumklettert, die allerdings erst mit 75 das Ski-Fahren aufgegeben hat. Gar nicht, weil es nicht mehr ging, sondern weil 1. alle ihre Freundinnen nicht mehr mitkommen konnten, und 2. das Aufstehen nach einem Sturz so mühsam war...
(Sorry, das tut jetzt eigentlich alles nix zur Sache. Ich wollte nur irgendwie mal meine Hoffnung, dass zumindest mein Vater sich lange wird kümmern können, zum Ausdruck bringen).

Allerdings sehe ich das gerade bei meiner Schwiegermutter, deren Mutter Ostern vor 3 Jahren einen Schlaganfall hatte.
Sie lebte zu dem Zeitpunkt noch 300 km von uns weg, und zum Glück hatte sie den Schlaganfall einen Tag bevor meine Schwiegermutter an Ostern sowieso zu ihr fahren wollte. So konnte sofort (oder eben fast sofort) etwas unternommen werden.
Schon die 2 Weihnachten davor hatten wir steigende Anzeichen von Demenz festgestellt...

Nach einem längeren Krankenhausaufenthalt und Reha wurde beschlossen, dass sie in ihrem Haus bleiben soll mit einer Pflegerin. Allerdings musste das eine 24-Std-Kraft sein, denn durch den Schlaganfall war sie einseitig fast komplett gelähmt. (Hat sich mittlerweile ziemlich gebessert, aber sie sitzt im Rollstuhl, ist also ein totaler Pflegefall mittlerweile).
Anfangs ging das noch ganz gut, das Erdgeschoss war großzügig gebaut und der Rollstuhl war kein Problem.
Nur dann wurde das Geld knapp, meine Schwiegermutter ist jedes zweite Wochenende hin gefahren um nach dem Rechten zu sehen und sich um alles bürokratische Zeugs zu kümmern (schwierig genug, wenn man eigentlich nur Wochenends hin kann aber die Behörden natürlich ab Freitag Mittag ihre Tore schließen), und irgendwie hatte keiner mehr ein richtiges Leben...
Und: die aktuelle Pflegerin hatte wirklich schlimme Probleme verursacht. Sie hatte nämlich nicht so ganz die Wahrheit gesagt was ihre eigene Verfassung betrifft, und fast zu spät wurde erkannt, dass sie 1. an einer schweren Depression litt, und 2. Bandscheibenprobleme hatte.
Also die denkbar ungünstigsten Voraussetzungen um eine alte Frau rund um die Uhr in einem Haus am Rande eines Kaffs zu pflegen.
Von einem Besuch auf den anderen (also innerhalb von 2 Wochen) war meine Schwiegeroma plötzlich bettlägrig geworden, war komplett abgemagert, hatte kaum noch Lebenswillen.

Wie auch immer, langer Rede kurzer Sinn:
Ihr Haus wurde verkauft, damit wieder Geld da ist, sie ist (wurde) nach Berlin gezogen - also in die Nähe meiner Schwiegermutter (die zum Glück im Besitz einer Vollmacht ist, wodurch sie solche Entscheidungen treffen darf), und es kam eine neue Pflegerin.
Mal abgesehen davon, dass meine Schwiegeroma überhaupt nicht mit der Wohnung zufrieden ist, was ja kein Wunder ist, wenn man 20 Jahre lang in einem großen Haus gelebt hat und noch dazu dement ist und manchmal morgens aufwacht und sich wundert, was man in einer fremden Wohnung macht, hat sich alles zum Besseren gewandt.
Meine Schwiegermutter ist nicht mehr so gestresst wegen der vielen langen Fahrten, meine Schwiegeroma wurde von der neuen Pflegerin wunderbar aufgepeppelt (die ist wirklich super ) und zeigt wieder ganz viel Lebenswillen, ist humorvoll und ausgeglichen, und es ist viel schlechtes Gewissen weggefallen...

Nun noch dazu, wie sich meine Schwiegermutter mit ihrer Situation abfindet: Ihre Mutter ist Witwe, daher hatte sie niemanden, der sich um sie kümmern konnte. Und meine Schwiegermutter ist Einzelkind.
Das hatte zwar den großen Vorteil, dass es keine Streitereien darum gab, wer jetzt eigentlich zuständig ist, allerdings auch den großen Nachteil, dass sie im Grunde vollkommen allein dasteht in dieser Situation.
Wir haben sie natürlich unterstützt wo es ging, ihr Lebensgefährte auch, aber trotzdem musste sie am Ende alle Entscheidungen allein treffen und verantworten.
Ich glaube, sie ist sich noch gar nicht so sehr dessen bewusst, was noch alles auf sie zukommt.
Ja, sie spricht davon, dass ihre Mutter im Grunde genausogut morgen wie in 5 Jahren sterben kann. Und sie ist sich der Endlichkeit des Lebens allein schon deshalb bewusst, da ihr Mann vor 16 Jahren verstorben ist.
Ich glaube, in erster Linie versucht sie alles, um ihrer Mutter nach Möglichkeit das Leben zu ermöglichen, das diese sich wünscht, sie investiert das Geld, das aus dem Hausverkauf raus kam in eine Heimpflegerin und sucht nach einer Eigentumswohnung, damit es noch so lange wie möglich reicht, sie besucht sie regelmäßig und lädt sie zu sich ein, undundund.
Sie leidet zwar ziemlich darunter, dass sie alles entscheiden muss, und sich eben die Rollen umgedreht haben, aber sie meistert die Situation wirklich gut und lebt einfach lieber im Hier und Jetzt als in irgendwelchen Spekulationen über die Zukunft.

Es tut mir leid, dass es so lange geworden ist, aber ich wollte versuchen, möglichst viele Aspekte rein zu bringen, wenn auch nur aus zweiter Hand.

Ich wünsche dir und deiner Familie alles Gute, alles Liebe,
Riki
P.S.: Dieser Beitrag steht in 'Gebet und Meditation'. Möchtest du, dass jemand für dich / euch in eurer Situation betet? Wobei ich das eher bezweifle, nach dem, was du über dich geschrieben hast
Aber solltest du das wollen, tu dir keinen Zwang an, das auch auszusprechen. Es gibt hier im Forum sicher einige, die diesem Wunsch nachkommen würden.