Warum ich die Baha'i-Religion so sehr liebe


Ich zum Beispiel stelle mir die Wiederkunft Jesu so vor, dass es irgendwie so kommen wird, dass ein allumfassender Frieden unmissverständlich sich zeigt.
Liebe Minou,

für mich ist wichtig, was Jesus über den Zweck seiner Wiederkunft gesagt hat.

Danach wird er kommen um Abzurechnen, um die Ernte einzubringen von dem, was er einst ausgesät hat und es wird eine Hochzeit stattfinden in der es zur endgültigen Vereinigung seiner Nachfoger/innen mit Gott kommen wird.

Ich verstehe nicht, warum du von einer "zweiten Wiederkunft Jesu" schreibst ?

Lieber Gruß
Mara
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OM LOKAH SAMASTHA SUKHINO BHAVANTHU
Mögen alle Wesen in allen Welten glücklich sein.
Liebe Mara,

"Zweite Wiederkunft" war der Titel der zitierten Seite.
Selbstverständlich müsste es nur Wiederkunft heißen, obwohl von Gläubigen tatsächlich noch eine Wiederkunft erwartet wird, bei der Jesus aber nicht sichtbar sein soll, sondern die wahrhaft Gläubigen verwandeln und zu sich entrücken soll.
Diese Entrückten werden dann die große Zeit der Trübsal nicht mit erleben müssen.

Liebe Grüße,
Minou
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»Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt«
Dies ist das höchste und größte Gebot.
Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«.
In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten
Mara-Devi hat folgendes geschrieben:
Ich verstehe nicht, warum du von einer "zweiten Wiederkunft Jesu" schreibst ?


Liebe Mara,

es gibt in den Kirchen unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie genau die Wiederkunft Christi sich abspielen soll. Eine davon, die prämillenaristische Variante, geht davon aus, dass Christus bei seiner ersten Wiederkunft, wie Minou gesagt hat, die wahren Gläubigen entrücken und das tausendjährige Friedensreich nicht auf Erden, sondern im Himmel errichten wird. Nach Ablauf der tausend Jahre kommt Christus dann ein zweites Mal wieder, dieses Mal mit der Kirche im Gefolge, die dann in seinem Auftrag über die Sünder richten wird.

In der dispensationalistischen Sichtweise funktioniert das etwas anders, da Christus hier bei seiner ersten Wiederkunft die wahren Gläubigen zur Zeit der "Großen Trübsal" entrückt und dann mit ihnen für das tausendjährige Reich zurückkommt, bevor dann nach dem Ablauf der tausend Jahre das Endgericht beginnt.
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"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Sophokles: Antigone, Vers 523
Die unterschiedlichen Spekulationen über den Zeitpunkt und den Ablauf seine Wiederkunft sind eben gerade nicht, was Jesus wollte, sondern wir sollen so leben, dass er jederzeit kommen und uns für das von ihm Anvertraute zur Rechenschaft ziehen kann.
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OM LOKAH SAMASTHA SUKHINO BHAVANTHU
Mögen alle Wesen in allen Welten glücklich sein.
Soeren hat folgendes geschrieben:

Da haben wir denke ich einfach unterschiedliche Ansätze. Ich für meinen Teil halte "good will" nicht für eine ausreichende Sicherung einer Gesellschaft.

Ja, lieber Sören, wir haben ein unterschiedliches Verständnis, allerdings von der Botschaft Jesu, der keine politischen Ziele verfolgte, sondern allen Menschen den Zugang zu einer anderen zeitlosen Dimension eröffnen und darüber hinaus eine völlige Gottesnähe ermöglichen will.

Soeren hat folgendes geschrieben:
Wenn ich immer darauf vertrauen muss, dass das Gegenüber genauso gläubig ist wie ich und sich in gleicher Weise mir gegenüber verhält, wie ich mich ihm gegenüber verhalte, dann bedeutet das für mich in erster Linie eine große Rechtsunsicherheit. Wenn ich aber eine Instanz habe, die gesellschaftliche Regeln zur Not auch juristisch aufrecht erhalten kann, kann ich mich darauf verlassen, dass sie gelten und anerkannt werden. In unserem Staat würde vieles vor die Hunde gehen, wenn es keine Gerichte gäbe, an die ich mich bei Rechtsverletzungen wenden kann. Vergeben und die andere Wange hinhalten funktioniert im gesellschaftlichen Miteinander nicht, ohne diejenigen zu übervorteilen, die sich aus eigenem Antrieb nicht daran halten.

Das ist ein Missverständnis, die Aufforderungen Jesu in der Bergpredigt sind weder gesellschaftliche Regeln, die Gesetze und Gerichte ersetzen sollen, noch eine Anweisung zum Märtyrertum. Wenn allerdings Menschen in der Liebe Gottes so gut verankert sind, dass sie nicht nur reagieren und gleich gerichtlich gegen z.B. Beleidigungen vorgehen oder nicht sofort ein Fehlverhalten mit Straf- und Abgrenzungsmaßnahmen erwidern, hat das positive Auswirkungen sowohl in zwischenmenschlichen als auch in zwischenstaatlichen Beziehungen.

Soeren hat folgendes geschrieben:
1. 1872 schrieb Bahá'u'lláh im Kitáb-i.Aqdas, dass Mörder und Brandstifter zum Tode verurteilt werden sollten, es aber in den Augen Gottes annehmbar sei, sie stattdessen zu lebenslanger Haft zu verurteilen. Dies schrieb er zu einer Zeit, als außer in San Marino und Rumänien in allen Staaten der Welt die Todesstrafe angewandt wurde. Betrachtet man die Aussage also in diesem Kontext, verbietet es sich, sie als Argument für die Wiedereinführung der Todesstrafe zu missbrauchen. Im Gegenteil eröffnet Bahá'u'lláh - im Gegensatz zum islamischen Recht und der gängigen Praxis auf der ganzen Welt - erstmals die Möglichkeit, die Todesstrafe durch eine äquivalente Strafe zu ersetzen und somit abzuschaffen. Aus damaliger Sicht war das eine absolut revolutionäre Forderung und unterstreicht, dass auch in den Gesetzen Bahá'u'lláhs Spielraum für die gesellschaftliche Entwicklung belassen ist.

Dass Bahaulla ein Reformator Islamischen Rechtes war, mag sein. Als er jedenfalls 1872 schrieb, "dass Mörder und Brandstifter zum Tode verurteilt werden sollten, es aber in den Augen Gottes annehmbar sei, sie stattdessen zu lebenslanger Haft zu verurteilen", war in Portugal bereits seit 1867 die Todesstrafe abgeschafft und 1848 die letzte Hinrichtung erfolgt, außerdem wurde "die allgemeine Abschaffung erstmals bereits 1795 in Frankreich gefordert." https://de.wikipedia.org/wiki/Todesstrafe

Jesus hingegen stellte bereits vor ca. 2000 Jahren die Todesstrafe grundsätzlich in Frage, was für die damalige Zeit wirklich revolutionär war und seine Argumentation ist zeitlos gültig, dass nur der diesbezüglich einen ersten Schritt tun dürfe, der selbst frei von jeder Sünde sei.

Soeren hat folgendes geschrieben:
2. Auch in den Bahá'í-Schriften gibt es Aussagen wie "Du sollst nicht töten" und "Sprich nicht über die Sünden anderer, solange du selbst ein Sünder bist". Ich für meinen Teil sehe für mich keine Rechtfertigung, einen anderen Menschen zu töten, egal aus welchem Grund oder mit welcher Rechtfertigung.
3. Bei der praktischen Anwendung der Todesstrafe kommen noch andere Punkte hinzu. Zum Beispiel die Frage nach der absoluten Feststellbarkeit der Schuld und die Art der Hinrichtung. Es gibt viel zu viele Beispiele von unschuldig zum Tode Verurteilten, um darauf vertrauen zu können, dass hier keine Fehlertoleranz möglich ist. Solange aber eine Fehlertoleranz vorhanden ist, kann ich nicht guten Gewissens für die Anwendung der Todesstrafe plädieren. Den Tod kann niemand rückgängig machen, für eine zu Unrecht erlittene Haft kann man entschädigen.

Abgesehen von irreversiblen und irreparablen möglichen Handlungsfehlern durch die Vollstreckung der Todesstrafe, verbietet mir darüber hinaus generell, die von Jesus gelehrte göttliche Liebe besonders zum sündigen Menschen, diesen als Demonstrationsobjekt zu erniedrigen und als Abschreckung zu opfern.
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Mögen alle Wesen in allen Welten glücklich sein.
Soeren hat folgendes geschrieben:
Mara-Devi hat folgendes geschrieben:
Es ist nicht einfach, die hohen ethischen Werte Jesu ganz praktisch und im Alltag anzuwenden, doch es geschieht aus meiner Sicht, wenn z.B. unsere Bundeskanzlerin sozusagen die andere Wange hinhält, indem sie nicht auf die Beleidigungen und Herabsetzungen eines "Gegners" reagiert, sondern ihm sogar bei seinen Wahlkampfauftrittsforderungen entgegenkommt und so letztlich einen gesellschaftlichen Beitrag zur Befriedung leistet.

Also bei dem Thema kommen wir glaube ich nicht zusammen. Gegenüber einem amoklaufenden ausländischen Staatsoberhaupt zu kuschen und alles über sich ergehen zu lassen, halte ich nicht für die richtige Reaktion. Denn zum einen motiviert Zurückweichen zu noch unverschämteren Forderungen und Kommentaren und zum anderen hat die Bundeskanzlerin mehr zu beachten als nur ihre persönlichen Befindlichkeiten. Sie vertritt einen Staat mit 80 Millionen Bürgern und dessen Werte.

Das Verhalten jenes Staatsoberhauptes mit dem eines Amokläufers gleichzusetzen, begibt sich genau auf die gleiche Ebene wie der Vergleich mit Nazimethoden und ist nicht nur falsch sondern vor allem eine Missachtung und Verharmlosung des Leids von Hinterbliebenen der jeweiligen tatsächlichen Opfer.
Der Bundeskanzlerin hier ein Handeln aufgrund persönlicher Befindlichkeiten zu unterstellen, halte ich für Unsinn, genau das Gegenteil ist aus meiner Sicht der Fall, wenn sie nicht auf persönliche Beleidigungen reagiert und sich dadurch, Gott sei Dank, eben nicht erfolgreich provozieren lässt.
Selbst die Gegner jenes türkischen Staatsmannes haben davor gewarnt ein Generalverbot für politische Auftritte auszusprechen, weil dies Öl auf die Mühlen jener Menschenvergötzung gewesen wäre, und dieser Mann seine Person nicht nur als Retter sondern dann auch noch als Märtyrer darstellen könnte.

Soeren hat folgendes geschrieben:
Mara-Devi hat folgendes geschrieben:
Auch wenn das Reich Gottes nicht von dieser Welt ist, ist es präsent und wirkt in die Gesellschaft hinein, durch jeden lebendigen Christen als bereits "himmlischen Bürger".

Es nützt aber nix, wenn ein paar Aufrechte sich dem Unrecht der Anderen aussetzen und nichts daran ändern können.

Das sehe ich anders: Passiver und verbaler Widerstand sind auch Formen von Handeln, die zwar nur langsam eine Veränderung bewirken können, aber dafür auf gar keinen Fall die Eskalation einer Situation befeuern.

Soeren hat folgendes geschrieben:
Mara-Devi hat folgendes geschrieben:
Doch wenn sich detailliert "Offenbartes" als nicht mehr dem aktuellen Wissensstand entsprechend herausstellt, kann doch auch das UHG nichts daran ändern, oder?

Nein, das kann es nicht. Aber ich wüsste auch aktuell keinen Punkt, an dem die Bahá'í-Schriften den Erkenntnissen der Naturwissenschaften widersprechen würden. Im Normalfall äußern sich die Schriften nicht zu naturwissenschaftlichen Fragen. Ich lasse mich aber gern mit Beispielen vom Gegenteil überzeugen.

Inwieweit das Handeln da mit den Schriften übereinstimmt, weiß ich nicht, jedenfalls fällt mir dazu das Thema Homosexualität ein und ein Bahai, dem das UHG, sobald er sich geoutet hatte, verbot weiter Kinderklassen zu unterrichten.
Die Erkenntnis, Homosexualiät sei ein sündhaftes Verhalten, welches in der Kindheit erworben und durch Umerziehung "geheilt" werden könne, ist meines Wissens nach inzwischen wissenschaftlich nicht mehr haltbar.

Soeren hat folgendes geschrieben:
Es ging mir gar nicht um die konkreten Regeln für den Sabbat, sondern den Umstand, dass erst die Kirche den wöchentlichen Feiertag vom Samstag auf den Sonntag verlegt hat, während in der Bibel nichts davon steht. Jesus wusste weder etwas vom Sonntag noch vom Julianischen Kalender - bzw. hat nicht danach gerechnet. Mir ging es darum, dass das Argument, dass Bahá'u'lláh sich nicht an die christlichen Feiertage hält, unsinnig ist, wenn die christlichen selbst sich nicht am jüdischen Kalender orientieren.

Die christlichen Feiertage orientieren sich sehr wohl noch an den jüdischen, sind nur zeitlich leicht verschoben und haben eine inhaltliche Umwidmung erfahren, was eben nicht verordnet wurde sondern ein Prozess war, der durch den Ausschluss aus dem jüdischen Tempel, die Verfolgung als Ketzer und das Wirken des Heiligen Geistes zustande kam, außerdem hat Jesus selbst ausdrücklich betont, kein "wiedergekehrter jüdischer Prophet" zu sein.

Soeren hat folgendes geschrieben:
Mara-Devi hat folgendes geschrieben:
Die "Zungenrede" kommt in der Apostelgeschichte vor und im Johannesevangelium heißt es über den Heiligen Geist ganz konkret: "Er wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe“ (Joh.14,26.), was Christen so auch von damals bis heute erfahren haben.

"Er wird euch alles lehren und euch an alles erinnern..." klingt für mich völlig anders als "Der Heilige Geist sorgt dafür, dass das Evangelium sich immer an die aktuelle Situation anpassen kann". Deshalb mein Hinweis darauf, dass die Definition, die du angeführt hast, erst später formuliert worden ist - sogar erst im 20. Jahrhundert.

Wiedergeborene Christen haben, jenseits aufgeschriebener Definitionen, seit über 2 000 Jahren damit gelebt und erfahren, dass ihnen der Heilige Geist hilft das Evangelium zu verstehen und angepasst an aktuelle Lebenssituationen dieses anzuwenden, da muss der Heilige Geist weder durch einen „Stellvertreter Christi auf Erden“ noch durch einen neuen „Offenbarer“ ersetzt werden.

„Darum sage ich: Lasst euch vom Geist leiten, dann werdet ihr das Begehren des Fleisches nicht erfüllen....Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung; dem allem widerspricht das Gesetz nicht“ (Gal.5,16,22 u. 23)
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Mögen alle Wesen in allen Welten glücklich sein.
Soeren hat folgendes geschrieben:
Mara-Devi hat folgendes geschrieben:
Dann haben Bahai vermutlich nicht nur diese zwei, sondern so viele "Schutzengel" wie sogenannte Manifestationen Gottes für Euch existieren?
Jesus ist für Christen nicht nur ein Schutz sondern kann diejenigen, die sich Ihm ganz anvertrauen schon in diesem Leben zur Einheitserfahrung mit Gott führen.

Ich verbitte mir, meinen Glauben lächerlich zu machen, indem man Bahá'u'lláh (und gleichermaßen auch Moses, Mohammed und auch Jesus) mit einem esoterischen Schutzengel gleichstellt.

Was an Engeln „lächerlich“ und „esoterisch“ sein soll, erschließt sich mir nicht. Sie kommen sowohl im jüdischen als auch im christlichen Glauben als mächtige, über dem Menschen stehende Wesen vor, die u.a. Aufträge Gottes an den Menschen erfüllen.
So heißt es zu Mose:
"Ich werde einen Engel schicken, der dir vorausgeht. Er soll dich auf dem Weg schützen und dich an den Ort bringen, den ich bestimmt habe. Achte auf ihn und hör auf seine Stimme! Widersetze dich ihm nicht! Er würde es nicht ertragen, wenn ihr euch auflehnt; denn in ihm ist mein Name gegenwärtig.“ (Exodus, 23,20 u.21)
Jesus selbst hat gesagt, dass bereits jedes Kind seinen "Schutzengel" hat. (Matth. 10,18.)
Und der Evangelist Matthäus schreibt, nachdem Jesus den 3 Versuchungen widerstanden hatte, „... und es kamen Engel und dienten ihm.“ (Mt. 4,11)

Besonders wichtig ist mir, dass wir als Christen durch Jesus nicht nur einen Schutz haben, sondern durch ihn Gott sehr nahe kommen können, bis hin zur Einheitserfahrung, was mir so von keinem anderen Propheten bekannt ist.

Soeren hat folgendes geschrieben:
Mara-Devi hat folgendes geschrieben:
Der Weg Jesu ist ein anderer, denn Liebe kann man nicht anordnen, sondern muss erfahrbar gemacht werden. Nur wer die göttliche Liebe und Barmherzigkeit selbst erfahren hat, kann diese auch weitergeben.
Jesu Weg führt nicht über Erziehungsprogramme sondern darüber, einfach nur den "göttlichen Liebessamen" in den einzelnen zu legen und darauf zu vertrauen, dass er auf fruchtbaren Boden fällt und von selbst wächst und nicht einmal das Unkraut soll dabei ausgerissen werden....Also kein Anlegen von gepflegten Monokulturgärten.

Und in der Zwischenzeit verprügelt der Rest seine Frauen weiter, bis er die Liebe Gottes selbst erfahren hat? Außerdem zeigt sich an deiner Aussage ein ganz massiver Unterschied zwischen christlichem und Bahá'í-Verständnis, denn für den Bahá'í liegt der Schwerpunkt auf der Besserung der Welt und der Ordnung ihrer Verhältnisse, während in Teilen des Christentums die Vorstellung herrscht, Gott würde schon alles richten und die anderen Menschen wären ohnehin nicht zu retten.

Nun ich gehöre nicht zu diesen "Teilen des Christentums" und ich kenne auch keine solche Christen von denen du hier redest und auf deren Hintergrund du dich als Bahai zu profilieren glaubst.
Natürlich ist Jesus gekommen, um die Welt zu bessern, jedoch nicht durch neue Gesetze, Vorschriften und moralische Pflichten, sondern indem er selbst als Tür zu einer Dimension fungiert, die sich nicht erst nach dem Tod sondern jetzt mitten im Leben durchschreiten lässt." Wer durch diese in das Reich Gottes eingetreten ist, beginnt als wiedergeborener Christ ein neues Leben und wirkt wie das Salz in der Suppe konstruktiv in die Gesellschaft hinein.

Soeren hat folgendes geschrieben:
Am Ende wird das Unkraut, das auf der Erde bis dato wild wuchern durfte und andere Pflanzen erstickt hat, verbrannt werden. Vorher etwas gegen diesen Wildwuchs zu tun ist aber gerade die Aufgabe der Bahá'í.

Dann läuft die Aufgabe der Bahai allerdings der Lehre Jesu entgegen, denn bei diesem hat in seinem Gleichnis das Nichtausreißen des Unkrauts einen Grund, ähnlich wie bei deinem Einwand gegen die Todesstrafe, würden z.T. die "göttlichen Keime" von uns fälschlicher Weise mit vernichtet und deshalb verlangt der Herr von seinen Knechten, dass sie bis zum Zeitpunkt der Ernte warten sollen, um Unkraut und Weizen voneinander zu trennen.


Soeren hat folgendes geschrieben:
Mara-Devi hat folgendes geschrieben:
Der göttliche Auftrag Jesu ist es, die Liebe Gottes zu verbreiten und in wem diese Liebe wohnt, der kann nicht mehr andere Lebewesen ausbeuten, unterdrücken oder sogar töten, sondern wird sich von selbst z.B. für diskriminierte Menschen und ihre gleichen Rechte einsetzen, egal ob diese nun Frauen, Angehörige anderer Religionen oder Homosexuelle sind.

Aber alle anderen können es weiterhin... Das ist genau der Punkt. Die Bahá'í glauben nicht, dass es für das gesellschaftliche Zusammenleben reicht, wenn eine Gruppe einfach nett zu allen anderen und zueinander ist, wenn der Rest sich nicht daran gebunden fühlt.

Du verstehst das offenbar immer noch falsch. Natürlich brauchen die Menschen Gebote und Gesetze, aber es ist ein Himmel weiter Unterschied, ob jemand einem anderen nur deshalb nicht schadet, um Gesetze nicht zu brechen und aus Angst vor Strafe oder ob ein anderer aus göttlicher Liebe handelt und dann vielleicht sogar einmal ein Gesetz bricht, um einem anderen Menschen zu helfen, auch wenn er dadurch eigene Nachteile in Kauf nehmen muss.

Soeren hat folgendes geschrieben:
Mara-Devi hat folgendes geschrieben:
Leider hast du offenbar keine Erklärung dafür, warum Bahaulla, der ja als Vorbild dienen und seiner Zeit voraus sein sollte, gleichzeitig mit 3 Frauen verheiratet war.

Doch, die habe ich. Ich habe den Satz nur bisher übersehen gehabt.

Bahá'u'lláh hatte in der Tat drei Frauen, allerdings hat er alle drei zu einer Zeit geheiratet, bevor er sich selbst oder gar das Kitáb-i-Aqdas offenbart hatte. Bis dahin galten im Wesentlichen noch die islamischen Regelungen, die maximal vier Frauen zuließen. Auch heute noch gibt es im Bahá'í-Recht eine Ausnahmeregelung für neue Gläubige, die in polygamen Ehen leben. Es wird nicht von ihnen erwartet, sich von allen Frauen bis auf eine zu trennen, sie dürfen aber keine weitere Ehe eingehen. Das setzt aber nicht die allgemeine Regel der Monogamie außer Kraft.

Das verstehe ich nicht. Hat Bahaullah nach islamischem Recht polygam gelebt, um bevor er sich offenbaren konnte, nicht aufzufallen oder hat er selbst erst durch die Offenbarung die Neuregelung der Monogamie empfangen?

Soeren hat folgendes geschrieben:
Mara-Devi hat folgendes geschrieben:
Es gibt verschiedene Zugänge zu Gott, die wie verschiedene große Flüsse alle ins Meer fließen, doch wenn ich mit meinem Lebensboot einen anderen Fluß benützen will, muss ich den, auf dem ich mich bereits befinde, verlassen. Wenn ich also einen anderen Zugang zu Gott wähle, würde ich den Zugang über Jesus verlassen, was letztlich bedeutet, dass ich Jesus nicht mehr zutraue, dass er mich ans Ziel bringt.

Auch hier reden wir wieder aneinander vorbei. Es geht nicht um das persönliche Seelenheil, sondern um neue Impulse für die heutige Zeit, was den gesellschaftlichen Fortschritt anbelangt. Für mein persönliches Seelenheil ist in erster Linie Gott selbst zuständig. Jesus und Bahá'u'lláh eröffnen mir nur den Zugang zu ihm. Um in deinem Bild zu bleiben sitzen sie mit mir im Boot und geben mir Hinweise, wie ich am Effektivsten rudern kann.
Ich sehe das nicht getrennt, als entweder – oder , sondern die Basis für die gesellschaftliche Veränderung ist die innere spirituelle Veränderung des Einzelnen.

Wir reden offenbar weiter aneinander vorbei.
Ich spreche eigentlich die ganze Zeit davon, dass eine "innere spirituelle Veränderung" beim Einzelnen stattfinden muss, nicht nur als Basis sondern auch als Impuls für gesellschaftiche Veränderung. Für mich ist jedoch die innere spirituelle Veränderung ganz eng mit dem persönliche Seelenheil verbunden, um das es deiner Meinung nach nicht geht.

Du hast vorher geschrieben, Jesus und Bahaullah seien verschiedene Zugänge zu Gott, wo ich dir zustimmen konnte.
Jetzt behauptest du, es gäbe nur einen Zugang zu Gott, den beide gleichermaßen öffnen können, bzw. diese seien nur dazu da, um den Menschen zu helfen, effektiver voran zu kommen.
Nach diesem Verständnis braucht man jedoch nur einen Ratgeber, besonders wenn beide verschiedene "Coaching- Methoden" verwenden.
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OM LOKAH SAMASTHA SUKHINO BHAVANTHU
Mögen alle Wesen in allen Welten glücklich sein.
Mara-Devi hat folgendes geschrieben:
Ja, lieber Sören, wir haben ein unterschiedliches Verständnis, allerdings von der Botschaft Jesu, der keine politischen Ziele verfolgte, sondern allen Menschen den Zugang zu einer anderen zeitlosen Dimension eröffnen und darüber hinaus eine völlige Gottesnähe ermöglichen will.


Und ich glaube eben nicht, dass sich in dieser "anderen zeitlosen Dimension" die Aufgabe von Religion erschöpft. Sie soll in meinem Verständnis eben auch das Leben vor dem Tod prägen und die Welt verändern.

Mara-Devi hat folgendes geschrieben:
Das ist ein Missverständnis, die Aufforderungen Jesu in der Bergpredigt sind weder gesellschaftliche Regeln, die Gesetze und Gerichte ersetzen sollen, noch eine Anweisung zum Märtyrertum. Wenn allerdings Menschen in der Liebe Gottes so gut verankert sind, dass sie nicht nur reagieren und gleich gerichtlich gegen z.B. Beleidigungen vorgehen oder nicht sofort ein Fehlverhalten mit Straf- und Abgrenzungsmaßnahmen erwidern, hat das positive Auswirkungen sowohl in zwischenmenschlichen als auch in zwischenstaatlichen Beziehungen.


Ich glaube unser Haupt-Verständnisproblem ist, dass ich eine klare Trennlinie ziehe zwischen individuell und gesellschaftlich relevanten Aspekten. Für dich resultiert ein anderes Verhalten eines Einzelnen bzw. vieler Einzelner automatisch in einer gerechteren und liebevolleren Gesellschaft. Auch wenn ich einen Einfluss dessen auf die Gesellschaft nicht abstreiten will, reicht das in meinen Augen nicht aus. Es muss auch Regelungen geben, die die Gesellschaft und ihre Mitglieder vor denjenigen schützen können, bei denen die "innere Wandlung" (noch) nicht eingesetzt hat. Ungerechtigkeit kann zwar individuell ausgehalten und verziehen werden, die Gesamtgesellschaft gerät aber in Schieflage, wenn niemand berechtigte Ansprüche durchzusetzen imstande ist.

Meine Kritik ist, dass in den christlichen Lehren über die allgemeine Ethik hinaus keine konkreten Angaben zu diesem gesellschaftlich relevanten Aspekt gemacht werden, sondern alles auf der individuellen Ebene bleibt, im Zweifel spricht man von mehreren Individuen, aber nie von einer Gesamtgesellschaft. Natürlich gibt es das weltliche Rechtswesen, aber das muss auch auf irgendeiner Grundlage arbeiten. Die Gesetze, die wir heute haben, sind ja keineswegs allgemeingültig, sondern könnten mit jedem Stimmungsumschwung wieder völlig anders aussehen. Davor bewahrt - in meinem Empfinden - nur, dass Religion auch ein konkretes Grundgerüst für das Zusammenleben in der Gesellschaft bereitstellt.

Mara-Devi hat folgendes geschrieben:
Dass Bahaulla ein Reformator Islamischen Rechtes war, mag sein.


Bahá'u'lláh war kein Reformator des islamischen Rechts. Er war, zumindest gemäß meinem Glauben, der Gottesoffenbarer für unsere Zeit, mit Lehren und Geboten für eine vereinigte Menschheit.

Mara-Devi hat folgendes geschrieben:
Als er jedenfalls 1872 schrieb, "dass Mörder und Brandstifter zum Tode verurteilt werden sollten, es aber in den Augen Gottes annehmbar sei, sie stattdessen zu lebenslanger Haft zu verurteilen", war in Portugal bereits seit 1867 die Todesstrafe abgeschafft und 1848 die letzte Hinrichtung erfolgt, außerdem wurde "die allgemeine Abschaffung erstmals bereits 1795 in Frankreich gefordert."


Portugal hat sie wenig später wieder eingeführt. Und selbst wenn es zwischenzeitlich drei von allen Staaten der Welt gewesen sein mögen, ist es trotzdem unzulässig, die Situation im Jahr 1872 aus der Ex-Post-Sicht zu bewerten und Bahá'u'lláh zu unterstellen, Er habe Seiner Zeit hinterher gehinkt. Davon ab haben die christlichen Kirchen sich lange Zeit gegen die Abschaffung der Todesstrafe gewehrt. Im Katechismus der Katholischen Kirche ist sie heute noch aufgeführt. Die Kirche distanziert sich also mitnichten so deutlich von der Todesstrafe, wie sie es in deinem Empfinden eigentlich müsste.

Mara-Devi hat folgendes geschrieben:
Jesus hingegen stellte bereits vor ca. 2000 Jahren die Todesstrafe grundsätzlich in Frage, was für die damalige Zeit wirklich revolutionär war und seine Argumentation ist zeitlos gültig, dass nur der diesbezüglich einen ersten Schritt tun dürfe, der selbst frei von jeder Sünde sei.


Sicher, man kann die Geschichte von der Ehebrecherin dahingehend interpretieren, dass Jesus damit Kritik an der Todesstrafe äußern wollte. Man kann sie aber auch so interpretieren, dass Jesus sich hier in erster Linie gegen Selbstjustiz richtet. Den Juden war die Verhängung und Ausführung der Todesstrafe verboten. Wer die Ehebrecherin anklagte und steinigen wollte war nicht das Rabbinatsgericht, das eigentlich bei solchen moralischen Vergehen zu konsultieren war, sondern en wütender Mob, dem es in erster Linie darum ging, sich auf Kosten anderer abzureagieren.

Ich will damit nicht für die Todesstrafe plädieren, aber so eindeutig, die du den Text verstehst, finde ich ihn nicht.

Mara-Devi hat folgendes geschrieben:
Abgesehen von irreversiblen und irreparablen möglichen Handlungsfehlern durch die Vollstreckung der Todesstrafe, verbietet mir darüber hinaus generell, die von Jesus gelehrte göttliche Liebe besonders zum sündigen Menschen, diesen als Demonstrationsobjekt zu erniedrigen und als Abschreckung zu opfern.


Der Begriff Sünde impliziert, dass es sich bei jedem Vergehen um eine reine Privatangelegenheit handelt, die man miteinander und mit Gott ausmachen könnte. Ich persönlich würde aber immer sehr stark zwischen Sünde als in erster Linie moralischem Vergehen und Straftat unterscheiden. Eine Straftat schädigt den Zusammenhalt der Gesamtgesellschaft und muss daher auch von der Gesamtgesellschaft geahndet werden. Das bedeutet, dass es ein ordentliches Verfahren gibt und Beweise erhoben werden. Was damit nicht gemeint ist, ist Rache. Es geht nicht darum, einen fehlbaren Mensch zu demütigen, sondern die Gesellschaft vor einem Schwerverbrecher zu schützen.

- auch das wieder nicht als Pro zur Todesstrafe gemeint, denn dieser Schutz lässt sich auch durch lebenslange Haft erreichen.
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"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Sophokles: Antigone, Vers 523
Mara-Devi hat folgendes geschrieben:
Das Verhalten jenes Staatsoberhauptes mit dem eines Amokläufers gleichzusetzen, begibt sich genau auf die gleiche Ebene wie der Vergleich mit Nazimethoden und ist nicht nur falsch sondern vor allem eine Missachtung und Verharmlosung des Leids von Hinterbliebenen der jeweiligen tatsächlichen Opfer.


Gut, dann ersetze ich die entsprechende Vokabel durch "wildgeworden".

Mara-Devi hat folgendes geschrieben:
Der Bundeskanzlerin hier ein Handeln aufgrund persönlicher Befindlichkeiten zu unterstellen, halte ich für Unsinn, genau das Gegenteil ist aus meiner Sicht der Fall, wenn sie nicht auf persönliche Beleidigungen reagiert und sich dadurch, Gott sei Dank, eben nicht erfolgreich provozieren lässt.


Das habe ich nie behauptet, liebe Mara. Ich habe lediglich behauptet, dass die Gefühle der Kanzlerin und die Vertretung eines Staates zwei Paar Schuhe sind. Während sie als Einzelperson sicherlich nicht auf Beleidigungen eingehen sollte - da stimme ich dir vollkommen zu - ist es aber für die Vertreterin der Bundesrepublik Deutschland in meinen Augen unwürdig, Vertreter eines ausländischen Staates durch ihr Land reisen und seine Bewohner als Faschisten und Nazis beschimpfen zu lassen. Da hat sie in meinen Augen - und da sind wir wieder bei unserem Lieblingsthema - eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung und eine Fürsorgepflicht gegenüber dem Land. Ich lasse mich ungern als Nazi beschimpfen und erwarte von meiner Regierung, dass sie das nicht mit mir machen lässt.

Mara-Devi hat folgendes geschrieben:
Selbst die Gegner jenes türkischen Staatsmannes haben davor gewarnt ein Generalverbot für politische Auftritte auszusprechen, weil dies Öl auf die Mühlen jener Menschenvergötzung gewesen wäre, und dieser Mann seine Person nicht nur als Retter sondern dann auch noch als Märtyrer darstellen könnte.


Das tut er doch sowieso schon, egal, was von deutscher Seite aus dagegengehalten wird - oder eben auch nicht.

Mara-Devi hat folgendes geschrieben:
Das sehe ich anders: Passiver und verbaler Widerstand sind auch Formen von Handeln, die zwar nur langsam eine Veränderung bewirken können, aber dafür auf gar keinen Fall die Eskalation einer Situation befeuern.


Von Eskalation habe ich an keiner Stelle gesprochen. Es ist aber ein Unterschied, ob ich eine vorhandene Gesellschaft aktiv verändere oder ob ich sie hinnehme und mich ihr lediglich passiv entziehe. Denn in dem Fall gibt es kein Gegenkonzept, das man verfolgen könnte, sondern nur eine Ablehung des Vorhandenen.
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"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Sophokles: Antigone, Vers 523