Siddharta


Ich mag die indische Philosophie zwar nicht , aber wer Lust hat, kann sich dieses Buch doch mal gerne durchlesen (denn man muss es nicht kaufen)

Hier ist eine Seite mit der ganzen Geschichte von Hermann Hesses 'Siddharta' (ich frag mich, ob das legal ist):

http://www.ibiblio.org/pub/docs/boo.....nberg/etext01/8sidd10.txt
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Denkt selber nach!
Eines habe ich allerdings von dem Buch gelernt.

-Es gibt keine Wahrheit oder -Jede Wahrheit ist vereinseitigung
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Denkt selber nach!
jede wahrheit ist immer nur ein teil der wahrheit weil wir die wahrheit so erkennen wie wir sie mit unserem begrenzten wahrnehmungsvermögen als solche einschätzen.mir wurde dies deutlich bei meiner mutter .sie leidet an alzheimer.ich besuche sie regelmässig jede woche.dennoch schimpft sie manchmal und sagt ich hätte sie schon ewig nicht mehr besucht wenn ich frage was ist ewig dann sagt sie mindestens ein halbes jahr.und für sie ist dies die wahrheit.und so geht es uns auch wir erkennen unsere Wahrheit aus dem Teil den wir wahrnehmen bzw wahrnehmen wollen und manch mal haben wir eine erleuchtung ,dass dies doch nur die halbe wahrheit war-(und die halbe wahrheit ist die schlimmste form der lüge)
Und eines finde klasse am Ende des Buchs "VORSICHT SPOILER" als Govinda zu Siddharta kommt und mit ihm über die Lehre von Buddha spricht usw. ... : (Wer das Buch noch lesen will , der sollte diese Zeilen meiden)

"Dies hier," sagte er spielend, "ist ein Stein, und er wird in einer
bestimmten Zeit vielleicht Erde sein, und wird aus Erde Pflanze werden,
oder Tier oder Mensch. Früher nun hätte ich gesagt: Dieser Stein ist
bloß ein Stein, er ist wertlos, er gehört der Welt der Maja an; aber
weil er vielleicht im Kreislauf der Verwandlungen auch Mensch und
Geist werden kann, darum schenke ich auch ihm Geltung. So hätte ich
früher vielleicht gedacht. Heute aber denke ich: dieser Stein ist
Stein, er ist auch Tier, er ist auch Gott, er ist auch Buddha, ich
verehre und liebe ihn nicht, weil er einstmals dies oder jenes werden
könnte, sondern weil er alles längst und immer ist--und gerade dies,
daß er Stein ist, daß er mir jetzt und heute als Stein erscheint,
gerade darum liebe ich ihn, und sehe Wert und Sinn in jeder von seinen
Adern und Höhlungen, in dem Gelb, in dem Grau, in der Härte, im Klang,
den er von sich gibt, wenn ich ihn beklopfe, in der Trockenheit oder
Feuchtigkeit seiner Oberfläche. Es gibt Steine, die fühlen sich wie
Öl oder wie Seife an, und andre wie Blätter, andre wie Sand, und jeder
ist besonders und betet das Om auf seine Weise, jeder ist Brahman,
zugleich aber und ebensosehr ist er Stein, ist ölig oder saftig, und
gerade das gefällt mir und scheint mir wunderbar und der Anbetung,
würdig.--Aber mehr laß mich davon nicht sagen. Die Worte tun dem
geheimen Sifin nicht gut, es wird immer alles gleich ein wenig anders,
wenn man es ausspricht, ein wenig verfälscht, ein wenig närrisch--ja,
und auch das ist sehr gut und gefällt mir sehr, auch damit bin ich
sehr einverstanden, daß das, was eines Menschen Schatz und Weisheit
ist, dem andern immer wie Narrheit klingt."

Schweigend lauschte Govinda.

"Warum hast du mir das von dem Steine gesagt?" fragte er nach einer
Pause zögernd.

"Es geschah ohne Absicht. Oder vielleicht war es so gemeint, daß ich
eben den Stein, und den Fluß, und alle diese Dinge, die wir betrachten
und von denen wir lernen können, liebe. Einen Stein kann ich lieben,
Govinda, und auch einen Baum oder ein Stück Rinde. Das sind Dinge,
und Dinge kann man lieben. Worte aber kann ich nicht lieben. Darum
sind Lehren nichts für mich, sie haben keine Härte, keine Weiche,
keine Farben, keine Kanten, keinen Geruch, keinen Geschmack, sie haben
nichts als Worte. Vielleicht ist es dies, was dich hindert, den
Frieden zu finden, vielleicht sind es die vielen Worte. Denn auch
Erlösung und Tugend, auch Sansara und Nirvana sind bloße Worte,
Govinda. Es gibt kein Ding, das Nirvana wäre; es gibt nur das Wort
Nirvana."

Sprach Govinda: "Nicht nur ein Wort, Freund, ist Nirvana. Es ist ein
Gedanke."

Siddhartha fuhr fort: "Ein Gedanke, es mag so sein. Ich muß dir
gestehen, Lieber: ich unterscheide zwischen Gedanken und Worten nicht
sehr. Offen gesagt, halte ich auch von Gedanken nicht viel. Ich
halte von Dingen mehr. Hier auf diesem Fährboot zum Beispiel war ein
Mann mein Vorgänger und Lehrer, ein heiliger Mann, der hat manche
Jahre lang einfach an den Fluß geglaubt, sonst an nichts. Er hatte
gemerkt, daß des Flusses Stimme zu ihm sprach, von ihr lernte er, sie
erzog und lehrte ihn, der Fluß schien ihm ein Gott, viele Jahre lang
wußte er nicht, daß jeder Wind, jede Wolke, jeder Vogel, jeder Käfer
genau so göttlich ist und ebensoviel weiß und lehren kann wie der
verehrte Fluß. Als dieser Heilige aber in die Wälder ging, da wußte
er alles, wußte mehr als du und ich, ohne Lehrer, ohne Bücher, nur
weil er an den Fluß geglaubt hatte."

Govinda sagte: "Aber ist das, was du Dinge' nennst, denn etwas
Wirkliches, etwas Wesenhaftes? Ist das nicht nur Trug der Maja, nur
Bild und Schein? Dein Stein, dein Baum, dein Fluß--sind sie denn
Wirklichkeiten?"

"Auch dies," sprach Siddhartha, "bekümmert mich nicht sehr. Mögen die
Dinge Schein sein oder nicht, auch ich bin alsdann ja Schein, und so
sind sie stets meinesgleichen. Das ist es, was sie mir so lieb und
verehrenswert macht: sie sind meinesgleichen. Darum kann ich sie
lieben. Und dies ist nun eine Lehre, über welche du lachen wirst: die
Liebe, o Govinda, scheint mir von allem die Hauptsache zu sein. Die
Welt zu durchschauen, sie zu erklären, sie zu verachten, mag großer
Denker Sache sein. Mir aber liegt einzig daran, die Welt lieben zu
können, sie nicht zu verachten, sie und mich nicht zu hassen, sie und
mich und alle Wesen mit Liebe und Bewunderung und Ehrfurcht betrachten
zu können."

"Dies verstehe ich," sprach Govinda. "Aber eben dies hat er, der
Erhabene, als Trug erkannt. Er gebietet Wohlwollen, Schonung, Mitleid,
Duldung, nicht aber Liebe; er verbot uns, unser Herz in Liebe an
Irdisches zu fesseln."

"Ich weiß es", sagte Siddhartha; sein Lächeln strahlte Englisch posten bitte. "Ich
weiß es, Govinda. Und siehe, da sind wir mitten im Dickicht der
Meinungen drin, im Streit um Worte. Denn ich kann nicht leugnen,
meine Worte von der Liebe stehen im Widerspruch, im scheinbaren Wider
spruch zu Gotamas Worten. Eben darum mißtraue ich den Worten so sehr,
denn ich weiß, dieser Widerspruch ist Täuschung. Ich weiß, daß ich
mit Gotama einig bin. Wie sollte denn auch Er die Liebe nicht kennen,
Er, der alles Menschensein in seiner Vergänglichkeit, in seiner
Nichtigkeit erkannt hat, und dennoch die Menschen so sehr liebte, daß
er ein langes, mühevolles Leben einzig darauf verwendet hat, ihnen zu
helfen, sie zu lehren! Auch bei ihm, auch bei deinem großen Lehrer,
ist mir das Ding lieber als die Worte, sein Tun und Leben wichtiger
als sein Reden, die Gebärde seiner Hand wichtiger als seine Meinungen.
Nicht im Reden, nicht im Denken sehe ich seine Größe, nur im Tun, im
Leben."

Lange schwiegen die beiden alten Männer. Dann sprach Govinda, indem
er sich zum Abschied verneigte: "Ich danke dir, Siddhartha, daß du mir
etwas von deinen Gedanken gesagt hast. Es sind zum Teil seltsame
Gedanken, nicht alle sind mir sofort verständlich geworden. Dies möge
sein, wie es wolle, ich danke dir, und ich wünsche dir ruhige Tage."

(Heimlich bei sich aber dachte er: Dieser Siddhartha ist ein
wunderlicher Mensch, wunderliche Gedanken spricht er aus, närrisch
klingt seine Lehre. Anders klingt des Erhabenen reine Lehre, klarer,
reiner, verständlicher, nichts Seltsames, Närrisches oder Lächerliches
ist in ihr enthalten. Aber anders als seine Gedanken scheinen mir
Siddharthas Hände und Füße, seine Augen, seine Stirn, sein Atmen, sein
Lächeln, sein Gruß, sein Gang. Nie mehr, seit unser erhabener Gotama
in Nirvana einging, nie mehr habe ich einen Menschen angetroffen, von
dem ich fühlte: dies ist ein Heiligert Einzig ihn, diesen Siddhartha,
habe ich so gefunden. Mag seine Lehre seltsam sein, mögen seine Worte
närrisch klingen, sein Blick und; seine Hand, seine Haut und sein Haar,
alles an ihm strahlt eine Reinheit, strahlt eine Ruhe, strahlt eine
Heiterkeit und Milde und Heiligkeit aus, welche ich an keinem anderen
Menschen seit dem letzten Tode unseres erhabenen Lehrers gesehen habe.)

Indem Govinda also dachte, und ein Widerstreit in seinem Herzen war,
neigte er sich nochmals zu Siddhartha, von Liebe gezogen. Tief
verneigte er sich vor dem ruhig Sitzenden.

"Siddhartha, sprach er, "wir sind alte Männer geworden. Schwerlich
wird einer von uns den andern in dieser Gestalt wiedersehen. Ich sehe,
Geliebter, daß du den Frieden gefunden hast. Ich bekenne, ihn nicht
gefunden zu haben. Sage mir, Verehrter, noch ein Wort, gib mir etwas
mit, das ich fassen, das ich verstehen kann! Gib mir etwas mit auf
meinen Weg. Er ist oft beschwerlich, mein Weg, oft finster, Siddhartha."

Siddhartha schwieg und blickte ihn mit dem immer gleichen, stillen
Lächeln an. Starr blickte ihm Govinda ins Gesicht, mit Angst, mit
Sehnsucht, Leid und ewiges Suchen stand in seinem Blick geschrieben,
ewiges Nichtfinden.

Siddhartha sah es, und lächelte.

"Neige dich zu mir!" flüsterte er leise in Govindas Ohr. "Neige dich
zu mir her! So, noch näher! Ganz nahe! Küsse mich auf die Stirn,
Govindal"

Während aber Govinda verwundert, und dennoch von großer Liebe und
Ahnung gezogen, seinen Worten gehorchte, sich nahe zu ihm neigte und
seine Stirn mit den Lippen berührte, geschah ihm etwas Wunderbares.
Während seine Gedanken noch bei Siddharthas wunderlichen Worten
verweilten, während er sich noch vergeblich und mit Widerstreben
bemühte, sich die Zeit hinwegzudenken, sich Nirvana und Sansara als
Eines vorzustellen, während sogar eine gewisse Verachtung für die
Worte des Freundes in ihm mit einer ungeheuren Liebe und Ehrfurcht
stritt, geschah ihm dieses:

Er sah seines Freundes Siddhartha Gesicht nicht mehr, er sah statt
dessen andre Gesichter, viele, eine lange Reihe, einen strömenden Fluß
von Gesichtern, von hunderten, von tausenden, welche alle kamen und
vergingen, und doch alle zugleich dazusein schien-en, welche alle sich
beständig veränderten und erneuerten, und welche doch alle Siddhartha
waren. Er sah das Gesicht eines Fisches, eines Karpfens, mit
unendlich schmerzvoll geöffnetem Maule, eines sterbenden Fisches, mit
brechenden Augen--er sah das Gesicht eines neugeborenen Kindes, rot
und voll Falten, zum Weinen verzogen--er sah das Gesicht eines Mörders,
sah ihn ein Messer in den Leib eines.Menschen stechen--er sah, zur
selben Sekunde, diesen Verbrecher gefesselt knien und sein Haupt vom
Henker mit einem Schwertschlag abgeschlagen werden--er sah die Körper
von Männern und Frauen nackt in Stellungen und Kämpfen rasender
Liebe--er sah Leichen ausgestreckt, still, kalt, leer--er sah
Tierköpfe, von Ebern, von Krokodilen, von Elefanten, von Stieren, von
Vögeln--er sah Götter, sah Krischna, sah Agni--er sah alle diese
Gestalten und Gesichter in tausend Beziehungen zueinander, jede der
andern helfend, sie liebend, sie hassend, sie vernichtend, sie neu
gebärend, jede war ein Sterbenwollen, ein leidenschaftlich
schmerzliches Bekenntnis der Vergänglichkeit, und keine starb doch,
jede verwandelte sich nur, wurde stets neu geboren, bekam stets ein
neues Gesicht, ohne daß doch zwischen einem und dem anderen Gesicht
Zeit gelegen wäre--und alle diese Gestalten und Gesichter ruhten,
flossen, erzeugten sich, schwammen dahin und strömten ineinander, und
über alle war beständig etwas Dünnes, Wesenloses, dennoch Seiendes,
wie ein dünnes Glas oder Eis gezogen, wie eine durchsichtige Haut,
eine Schale oder Form oder Maske von Wasser, und diese Maske lächelte,
und diese Maske war Siddharthas lächelndes Gesicht, das er, Govinda,
in eben diesem selben Augenblick mit den Lippen berührte. Und, so sah
Govinda, dies Lächeln der Maske, dies Lächeln der Einheit über den
strömenden Gestaltungen, dies Lächeln der Gleichzeitigkeit über den
tausend Geburten und Toten, dies Lächeln Siddharthas war genau
dasselbe, war genau das gleiche, stille, feine, undurchdringliche,
vielleicht gütige, vielleicht spöttische, weise, tausendfältige
Lächeln Gotamas, des Buddha, wie er selbst es hundertmal mit Ehrfurcht
gesehen hatte. So, das wußte Govinda, lächelten die Vollendeten.

Nicht mehr wissend ob es Zeit gebe, ob diese Schauung eine Sekunde
oder hundert Jahre gewährt habe, nicht mehr wissend, ob es einen
Siddhartha, ob es einen Gotama, ob es Ich und Du gebe, im Innersten
wie von einem göttlichen Pfeile verwundet, dessen Verwundung süß
schmeckt, im Innersten verzaubert und aufgelöst, stand Govinda noch
eine kleine Weile, über Siddharthas stilles Gesicht gebeugt, das er
soeben geküßt hatte, das soeben Schauplatz aller Gestaltungen, alles
Werdens, alles Seins gewesen war. Das Antlitz war unverändert,
nachdem unter seiner Oberfläche die Tiefe der Tausendfältigkeit sich
wieder geschlossen hatte, er lächelte still, lächelte leise und sanft,
vielleicht sehr gütig, vielleicht sehr spöttisch, genau, wie er
gelächelt hatte, der Erhabene.

Tief verneigte sich Govinda, Tränen liefen, von welchen er nichts
wußte, über sein altes Gesicht, wie ein Feuer brannte das Gefühl der
innigsten Liebe, der demütigsten Verehrung in seinem Herzen. Tief
verneigte er sich, bis zur Erde, vor dem regungslos Sitzenden, dessen
Lächeln ihn an alles erinnerte, was er in seinem Leben jemals geliebt
hatte, was jemals in seinem Leben ihm wert und heilig gewesen war.
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Denkt selber nach!