5.8 Höflichkeit und Ehrerbietung


5.8 Höflichkeit und Ehrerbietung

Bahá'u'lláh sagt (Lawh-i-Dunja):

»O Volk Gottes! Ich ermahne dich zur Höflichkeit. Höflichkeit ist ... die Krone aller Tugenden. Gesegnet ist, wer geschmückt ist mit dem Mantel der Aufrichtigkeit und

erleuchtet ist mit dem Lichte der Höflichkeit. Wer mit Höflichkeit ausgestattet ist, nimmt eine hohe Stufe ein. Es ist zu hoffen, daß dieser Unterdrückte und alle Menschen

sie erlangen mögen, ihr folgen, sich an sie halten und sie beachten. Dies ist der unwiderlegliche Befehl, der aus der Feder des Größten Namens floß.«

Wieder und wieder betont Er:

»Laßt alle Nationen der Welt miteinander in Freude und Wohlwollen verkehren. O Menschen, stimmt mit den Anhängern aller Religionen in Freude und Wohlwollen überein.«

'Abdu'l-Bahá sagt in einem Brief an die Bahá'í in Amerika:

»Hütet euch, hütet euch, daß ihr nicht ein Herz beleidigt! Hütet euch, hütet euch, daß ihr nicht eine Seele verletzt! Hütet euch, hütet euch, daß ihr gegen niemanden

unfreundlich handelt! Hütet euch, hütet euch, daß ihr nicht für ein Geschöpf zur Ursache der Hoffnungslosigkeit werdet! Sollte jemand für irgendein Herz zur Ursache des

Kummers oder für irgendeine Seele zur Ursache der Mutlosigkeit werden, so würde es für denselben besser sein, sich in den tiefsten Tiefen der Erde zu verbergen, als auf

ihr zu wandeln.«

'Abdu'l-Bahá lehrt, daß so, wie die Blume in der Knospe verborgen ist, in jedem Menschenherzen ein Geist von Gott wohne, einerlei wie hart und unliebsam auch sein

Äußeres sein mag. Der wahre Bahá'í wird daher jeden Menschen behandeln wie der Gärtner eine seltene und schöne Pflanze pflegt. Er weiß, daß kein ungeduldiger Eingriff

seinerseits die Knospe zur Blume entfalten kann, daß nur Gottes Sonnenschein dies zu tun vermag. Sein Bemühen ist daher, diesen lebenspendenden Sonnenschein in

jedes verdunkelte Herz und Heim zu tragen. 'Abdu'l-Bahá sagt ferner :

»In den Lehren von Bahá'u'lláh finden wir auch, daß man einem um Vergebung bittenden Menschen unter allen Bedingungen und Umständen vergeben muß, daß man

seinen Feind lieben und den übelgesinnten als wohlgesinnten betrachten soll. Es sollte aber niemand einen andern als einen Feind ansehen, alles still erdulden und ihm

verzeihen. Dies wäre Heuchelei und keine wahre Liebe. Nein, du mußt vielmehr deine Feinde wie Freunde ansehen, die dir übelwollenden als wohlwollende und sie

dementsprechend behandeln. Deine Liebe und Güte müssen echt sein ... nicht nur Nachsicht, denn Nachsicht, wenn sie nicht von Herzen kommt, ist Heuchelei.«¹

Solcher Rat erscheint uns unverständlich und widersprüchlich, bis wir einsehen, daß, obwohl im äußeren, fleischlichen Menschen Haß und übelwollen wohnen, doch in

jedem Menschen eine innere, geistige Natur liegt, die der wirkliche Mensch ist, von dem nur Liebe und Wohlwollen ausgehen können. Es ist dieser wirkliche, innere Mensch

in jedem unserer Nebenmenschen, auf den wir unsere Gedanken und unsere Liebe richten müssen. Wenn dieser zur Tätigkeit erwacht, dann wird der äußere verwandelt und

erneuert.

¹ Star of the West IV p.191