5.10 Demut


5.10 Demut

Während uns befohlen ist, die Fehler anderer zu übersehen und nur auf ihre Tugenden zu blicken, ist uns andererseits geboten, unsere eigenen Fehler herauszufinden und

von unseren Tugenden kein Aufheben zu machen. Bahá'u'lláh sagt in den Verborgenen Worten (ar.26, pers.66):

»O Sohn des Seins! Wie konntest du deine eigenen Fehler vergessen und dich mit den Fehlern der anderen befassen? Wer dies tut, wird von Mir verworfen.«

»O ihr Auswanderer! Die Sprache bestimmte Ich zu Meiner Erwähnung. Befleckt sie nicht durch Verleumdung. Sollte euch das Feuer des Selbstes übermannen, so erinnert

euch eurer eigenen Fehler und nicht der Fehler Meiner Geschöpfe, denn ein jeder von euch kennt sich selbst besser als das Wesen anderer.«

'Abdu'l-Bahá sagt:

»Laßt euer Leben eine Ausstrahlung des Reiches Christi sein. Er kam nicht, um Sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen ... In der Religion von Bahá'u'lláh sind alle

Diener und Dienerinnen, Brüder und Schwestern. Sobald einer sich für ein wenig besser, für ein wenig höher hält als die übrigen, befindet er sich in einer gefährlichen Lage,

und solange er den Keim solch übler Gedanken nicht beseitigt, ist er kein taugliches Werkzeug für den Dienst im Königreich Gottes.«¹

»Mit sich selbst unzufrieden zu sein. ist ein Zeichen des Fortschritts. Die Seele, die mit sich selbst zufrieden ist, ist die Offenbarung des Satanischen, und wer mit sich

selbst unzufrieden ist, ist die Offenbarung des Barmherzigen. Wenn ein Mensch tausend gute Eigenschaften hat, so darf er nicht auf diese blicken; nein, er soll vielmehr

danach streben, seine eigenen Mängel und Unvollkommenheiten herauszufinden ... Wie sehr ein Mensch auch Fortschritte machen mag, er ist dennoch unvollkommen, weil

es immer noch eine Stufe über ihm gibt. Zu dieser Stufe blickt er aber nicht eher empor und trachtet nicht eher danach, sie zu erlangen, bis er mit seinem eigenen Zustand

unzufrieden ist. Wenn sich jemand selbst lobt, so ist das ein Zeichen von Selbstsucht.«¹

Obschon uns befohlen ist, unsere Sünden einzusehen und sie aufrichtig zu bereuen, ist doch das übliche Bekennen der Sünden vor den Priestern und vor andern

nachdrücklich verboten. Bahá'u'lláh sagt in den Frohen Botschaften:

»Wenn das Herz des Sünders von allem frei ist außer Gott, muß er allein von Gott Vergebung erflehen. Beichte vor den Dienern (d.h. vor Menschen) ist nicht erlaubt, denn

dies ist nicht das Mittel noch die Ursache zu göttlicher Vergebung. Solche Beichte vor den Geschöpfen führt zu des Menschen Demütigung und Erniedrigung, und Gott -

erhaben sei Seine Herrlichkeit - wünscht nicht die Erniedrigung Seiner Diener. Wahrlich, Er ist mitleidig und wohltätig. Allein mit Gott muß der Sünder um Gnade aus dem

Meer der Gnade bitten und Verzeihung von dem Himmel der Vergebung erflehen.«²

¹ Aus Tagebuchnotizen von Mírzá Ahmad Sohrab, Januar 1914
² Bahá'u'lláh, Die frohen Botschaften