6.7 Befreiung aus Trübsalen


6.7 Befreiung aus Trübsalen

Nach den Lehren der Offenbarer rühren Krankheit und alle anderen Arten von Trübsal von dem Ungehorsam den Geboten Gottes gegenüber her. Selbst Unglücksfälle, die von

einer Flut, einem Orkan oder einem Erdbeben herrühren, sind nach 'Abdu'l-Bahá mittelbar dieser Ursache zuzuschreiben.

Das Leid, das dem Irrtum folgt, ist nicht rächender, sondern erzieherischer und heilsamer Natur. Es ist Gottes Stimme, die dem Menschen ankündigt, daß er vom rechten

Weg abgeirrt ist. Wenn das Leid schrecklich ist, so nur deshalb, weil die Gefahr des Unrechttuns noch schrecklicher ist, denn »der Tod ist der Sünde Sold«.

So wie Trübsal dem Ungehorsam zuzuschreiben ist, so kann die Befreiung von Trübsal nur durch Gehorsam erlangt werden. Es gibt hierin weder Zufall noch Zweifel. Sich

von Gott abzuwenden bringt unvermeidlich Mißgeschick, und sich Gott zuzuwenden bringt ebenso unvermeidlich Segen.

Da die ganze Menschheit ein Organismus ist, so hängt die Wohlfahrt jedes einzelnen nicht nur von seinem eigenen Betragen, sondern auch von dem seines Nächsten ab.

Wenn einer Unrecht tut, so leiden alle mehr oder weniger darunter; tut aber einer Gutes, so haben alle davon Nutzen. Jeder hat bis zu einem gewissen Grad seines

Nächsten Lasten zu tragen, und die Besten der Menschheit sind jene, welche die schwersten Bürden tragen. Die Heiligen haben immer überaus schwer gelitten, die

Offenbarer haben im höchsten Maße gelitten. Bahá'u'lláh sagt im Buch Iqán (S.55):

»Denn du bist doch zweifellos unterrichtet über die Trübsale, die Armut, die Übel und die Erniedrigung, die über jeden Propheten Gottes und Seine Gefährten kamen. Du

hast doch gehört, wie die Köpfe Ihrer Anhänger als Geschenke in verschiedene Städte gesandt wurden.«

Dies ist aber nicht so zu verstehen, als ob die Heiligen und Offenbarer mehr Strafe verdient hätten als andere Menschen. Nein, diese leiden oft für die Sünden anderer und

wählen das Leiden für Sich um der anderen willen. Es geht Ihnen um das Wohl der Welt und nicht um Ihr eigenes Wohl. Der, welcher die Menschheit wahrhaft liebt, bittet

nicht darum, daß er als einzelner von der Armut, der Krankheit oder dem Ungemach verschont bleibe, sondern daß die Menschheit von der Unwissenheit, dem Irrtum und

den Übeln, die diesen unvermeidlich folgen, befreit werden möge. Wenn er für sich Gesundheit oder Reichtum wünscht, dann nur, um damit dem Königreiche Gottes dienen

zu können, und wenn ihm physische Gesundheit und Reichtum versagt sind, nimmt er sein Los mit »strahlender Ergebung« an, wohl wissend, daß in allem, was ihn auf

dem Pfade Gottes befällt, eine rechte Weisheit liegt.

'Abdu'l-Bahá sagt (Paris S.36):

»Kummer und Sorge überkommen uns nicht zufällig, sie werden uns vielmehr durch die göttliche Gnade zu unserer eigenen Vervollkommnung gesandt.«

»Solange ein Mensch glücklich ist, mag er wohl Gott vergessen, doch wenn ihn Kummer ankommt und Sorge überwältigt, wird er sich des Vaters, der im Himmel ist und ihn

aus seiner Erniedrigung zu befreien vermag, erinnern ... Je mehr ein Mensch geläutert wird, desto größer ist die Ernte der geistigen Tugenden, die aus ihm hervorgehen.«

Auf den ersten Blick erscheint es uns sehr ungerecht, daß der Unschuldige für den Schuldigen leiden soll, aber 'Abdu'l-Bahá versichert uns, daß diese Ungerechtigkeit nur

eine scheinbare ist, daß aber auf weite Sicht vollkommene Gerechtigkeit herrscht. Er schreibt:

»Was nun die Säuglinge und Kinder betrifft, die unter den Händen der Unterdrücker leiden und umkommen ... so gibt es für diese Seelen eine Belohnung in einer anderen

Welt ... Dieses Leiden ist die größte Gnade Gottes. Wahrlich, diese Gnade des Herrn ist weit besser, als alle Annehmlichkeiten dieser Welt und als das Wachstum und die

Entwicklung, welche dieser Stätte der Sterblichkeit eigen sind.«¹

¹ Tablets of 'Abdu'l-Bahá, Band II, p.337