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8.1 Das Sektenwesen im neunzehnten Jahrhundert
Die Welt sah sich wohl niemals weiter von religiöser Einheit entfernt als im neunzehnten Jahrhundert. Die großen Religionsgemeinschaften der Zarathustrier, Juden,
Buddhisten, Christen, Muhammadaner und anderer bestanden jahrhundertelang nebeneinander, aber anstatt in ein harmonisches Ganzes zu verschmelzen, lebten sie
fortgesetzt in Feindschaft und Streit miteinander. Aber nicht nur dies; jede zersplitterte sich durch Trennung über Trennung in eine sich immer mehrende Anzahl von Sekten,
die sich oft erbittert bekämpften. Christus aber hatte gesprochen: »Daran wird jedermann erkennen, daß ihr Meine rechten Jünger seid, so ihr Liebe untereinander habt«, und
Muhammad hatte gesprochen:
»Diese eure Religion ist die eine Religion ... Gott hat euch den Glauben bestimmt, welchen Er einst Noah befahl und welchen Wir dir geoffenbart haben und welchen Wir
Abraham, Moses und Jesu befahlen mit den Worten: `Befolgt diesen Glauben und seid darin nicht in Sekten gespalten!`«
Die Gründer einer jeden der großen Religionen haben ihre Anhänger zu Liebe und Einigkeit gerufen, aber in jedem Falle wurde das Ziel des Gründers in weitem Maße aus
den Augen verloren in einem Durcheinander von Unduldsamkeit, Frömmelei, Formenwesen, Heuchelei, Zersetzung, Entstellungen, Kirchenspaltungen und Streitigkeiten. Die
Gesamtzahl der sich mehr oder weniger feindlichen Sekten in der Welt war wahrscheinlich zu Beginn des Bahá'í-Zeitalters größer als zu irgendeiner Periode der
Menschengeschichte. Es schien, als ob die Menschheit zu jener Zeit mit jeder nur möglichen Art religiösen Glaubens, mit jeder nur möglichen Form ritueller und
zeremonieller Handlungen, mit jeder nur möglichen Verschiedenheit sittlicher Gesetze es versuchte.
Zur selben Zeit widmete eine immer zunehmende Zahl von Menschen ihre Kräfte der furchtlosen Erforschung und kritischen Prüfung der Naturgesetze und der
Glaubensgrundlagen. Rasch wurde eine neue wissenschaftliche Erkenntnis erlangt, und neue Lösungen wurden für viele Lebensfragen gefunden. Die Entwicklung solcher
Erfindungen, wie das Dampfschiff, die Eisenbahn, das Postwesen und die Presse, half sehr zur Verbreitung von Gedanken und zu fruchtbarer Verbindung von sehr
verschiedenen Typen des Denkens und Lebens.
Der sogenannte »Streit zwischen Religion und Wissenschaft« wurde zu heftigem Kampf. In der christlichen Welt verband sich Bibelkritik mit Naturwissenschaft, um durch
gelehrten Streit bis zu einem gewissen Grad die Autorität der Bibel - eine Autorität, die jahrhundertelang die allgemein anerkannte Grundlage des Glaubens war - zu
widerlegen. Ein rasch anwachsender Teil der Bevölkerung wurde den Lehren der Kirchen gegenüber mißtrauisch. Eine große Anzahl, selbst religiöser Geistlicher, hegte im
geheimen oder öffentlich Zweifel und Vorbehalte gegenüber dem zu ihrer Konfession gehörigen Glaubensbekenntnis. Diese Gärung und dieser ständige Meinungswechsel,
mit der zunehmenden Erkenntnis der Unzulänglichkeit der alten Rechtgläubigkeit und der Dogmen, und das Umhertasten und Streben nach besserem Erkennen und
Verstehen waren aber nicht nur auf die christlichen Länder beschränkt, sondern mehr oder weniger in verschiedenen Formen auch unter den Völkern aller Länder und
Religionen zu finden.
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