8.3 Kann die menschliche Natur sich wandeln?


8.3 Kann die menschliche Natur sich wandeln?

Erziehung und Religion beruhen beide auf der Annahme, daß es möglich ist, die menschliche Natur zu verändern. In der Tat, es erfordert nur geringes Nachforschen, um zu

zeigen, daß das Einzige, das wir über ein Lebewesen mit Sicherheit sagen können, das ist, daß es tatsächlich nicht ohne Wandel sein kann. Ohne Wandel kann es kein

Leben geben. Selbst das Mineral kann sich dem Wandel nicht entziehen, und je höher wir in der Stufenleiter des Seins gehen, desto verschiedener, verwickelter und

wunderbarer wird dieser Wandel. Überdies finden wir im Fortschritt und in der Entwicklung unter den Geschöpfen aller Stufen zwei Arten von Wandel - einen langsamen,

allmählichen, oft kaum wahrnehmbaren und einen raschen, plötzlichen, ja dramatischen. Der letztere ereignet sich in den sogenannten »kritischen Stadien« der

Entwicklung. Bei den Mineralien finden wir solche kritischen Stadien in den Schmelz- und Siedepunkten, wo die feste Masse plötzlich flüssig und das Flüssige zu Gas wird.

Bei der Pflanze nehmen wir solche kritischen Stadien wahr, wenn der Samen zu keimen beginnt oder die Knospe zum Blatt aufbricht. In der Tierwelt sehen wir dasselbe

allenthalben, beispielsweise, wenn sich die Raupe plötzlich in einen Schmetterling verwandelt, das Küken aus seiner Eierschale schlüpft oder das Junge aus dem Mutterleib

geboren wird. In dem höheren Leben der Seele können wir oftmals eine ähnliche Verwandlung wahrnehmen, und zwar dann, wenn ein Mensch »wiedergeboren« wird und

sein ganzes Wesen von Grund aus in seinen Zielen, in seinem Sinnen und Trachten gewandelt wird. Solche kritischen Stadien beeinflussen oft gleichzeitig eine ganze

Gattung oder eine Vielheit von Gattungen, wie wenn im Frühling plötzlich die ganze Pflanzenwelt in das neue Lenzesleben aufsprießt.

Bahá'u'lláh erklärt: So wie es für die niederen Lebewesen Zeiten gibt, in denen sie plötzlich in ein neues und reiferes Leben eintreten, so gibt es auch für die Menschheit ein

»kritisches Stadium«, eine Zeit der Wiedergeburt. Dann wird die Lebensweise, die seit Beginn der Geschichte bis heute besteht, rasch und unwiderruflich verändert werden,

und die Menschheit wird in eine neue Lebensphase eintreten, die von der alten so verschieden ist wie der Schmetterling von der Raupe oder der Vogel vom Ei. Die

Menschheit als Ganzes wird im Lichte einer neuen Offenbarung zu einer neuen Schau der Wahrheit gelangen, wie ein ganzes Land durch den Sonnenaufgang erhellt wird,

so daß alle Menschen dort klar sehen, wo eine Stunde zuvor noch alles dunkel und düster war.

»Dies ist ein neuer Zyklus menschlicher Macht«, sagt 'Abdu'l-Bahá. »Alle Horizonte der Welt sind erleuchtet, und die Welt wird in der Tat wie ein Rosengarten und ein

Paradies werden.«

Die Vergleiche mit der Natur sprechen alle für eine solche Anschauung. In völliger Übereinstimmung haben die Offenbarer vor alters das Kommen eines solch herrlichen

Tages vorausgesagt. Die Zeichen der Zeit zeigen klar, daß tiefe und umstürzende Veränderungen in den menschlichen Ideen und Einrichtungen gerade jetzt im Werden sind.

Was könnte daher nutzloser und grundloser sein, als die schwarzseherische Beweisführung, daß, wenn sich auch alle andern Dinge wandeln, die menschliche Natur sich

doch nicht wandeln könne?