8.6 Fortschreitende Offenbarung


8.6 Fortschreitende Offenbarung

Ein großer Stein des Anstoßes, der für viele auf dem Weg zur religiösen Einheit liegt, ist der Unterschied zwischen den durch die verschiedenen Gottgesandten gebrachten

Offenbarungen. Was vom einen befohlen ist, ist vom andern verboten. Wie können beide recht haben? Wie können beide den Willen Gottes verkündigen? Es gibt doch

sicherlich nur eine Wahrheit, und die kann nicht verändert werden. Ja die absolute Wahrheit ist eine und kann nicht verändert werden. Aber die absolute Wahrheit steht

unendlich über der gegenwärtigen Stufe menschlichen Verstehens, und unsere Vorstellung von ihr muß sich beständig ändern. Unsere früheren unvollkommenen Gedanken

werden durch die Gnade Gottes im Laufe der Zeit durch immer mehr zutreffende Vorstellungen ersetzt. In einem Tablet an einige persische Bahá'í schreibt Bahá'u'lláh:

»O Menschenkinder! Die Worte werden geoffenbart der Fassungskraft gemäß, damit die Anfänger Fortschritte machen können. Die Milch muß im richtigen Verhältnis

gegeben werden, damit der Säugling der Welt in das Reich der Größe gelange und in den Hof der Einheit eingeführt werde.«

Es ist die Milch, die den Säugling kräftigt, damit er später imstande ist, festere Speisen zu verdauen. Wenn wir daher sagen wollten, weil der eine Offenbarer, der zu einer

gewissen Zeit eine bestimmte Lehre bringt, der richtige ist, müsse ein anderer, der zu einer anderen Zeit eine von der ersteren abweichende Lehre bringt, ein falscher

Offenbarer sein, so wäre dies gleichbedeutend als wenn man sagen würde, da Milch die beste Nahrung für das neugeborene Kind ist, so müsse Milch und nichts als Milch

auch die Nahrung der Erwachsenen sein und jede andere Kost sei falsch.

'Abdu'l-Bahá sagt:

»Jede göttliche Offenbarung besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil ist der wesentliche und gehört der ewigen Welt an. Er besteht in der Darlegung der göttlichen Wahrheiten

und der Hauptgrundsätze. Er ist der Ausdruck der Liebe Gottes. Dieser Teil ist der gleiche in allen Religionen, unveränderlich und unwandelbar. Der zweite Teil ist nicht ewig.

Er befaßt sich mit dem praktischen Leben, mit geschäftlichen Dingen und ändert sich je nach der Entwicklung des Menschen und den Erfordernissen der Zeit eines jeden

Offenbarers. Zum Beispiel: ...Im mosaischen Zeitalter wurde einem Menschen zur Strafe für einen kleinen Diebstahl die Hand abgehauen. Es gab ein Gesetz, das hieß:

`Auge um Auge, Zahn um Zahn`. Da aber zur Zeit Christi diese Gesetze nicht mehr angemessen waren, so wurden sie abgeschafft. So waren auch die Ehescheidungen

derart allgemein geworden, daß keine bestimmten Ehegesetze mehr vorhanden waren, weshalb Seine Heiligkeit Christus die Ehescheidung verbot.«

»Den Erfordernissen der Zeit entsprechend offenbarte Seine Heiligkeit Moses zehn Gesetze für schwere Bestrafung. Zu jener Zeit war es unmöglich, die Gemeinschaft zu

beschützen und eine soziale Sicherheit zu gewährleisten ohne diese strengen Maßnahmen, denn die Kinder Israel lebten in der Wüste Tah, wo kein Gerichtshof und keine

Strafanstalten vorhanden waren. Aber zur Zeit Christi waren diese Lebensgesetze nicht mehr nötig. Die Geschichte des zweiten Teils der Religion ist unwichtig, weil sie sich

nur auf die Gebräuche dieses Lebens bezieht. Die Grundlage der Religion Gottes aber ist eine, und Seine Heiligkeit Bahá'u'lláh hat diese Grundlage erneuert.«¹

Die Religion Gottes ist eine Religion, und alle Offenbarer haben sie gelehrt. Sie ist aber etwas Lebendiges und Weiterwachsendes, nichts Lebloses und Unverständliches. In

den Lehren von Moses sehen wir die Knospe, in denen von Christus die Blüte, in denen von Bahá'u'lláh die Frucht. Die Blüte vernichtet die Knospe nicht, noch zerstört die

Frucht die Blüte. Sie zerstören nicht, sondern sie erfüllen. Die Knospenschalen müssen abfallen, damit die Blüte blühen kann, und die Blütenblätter müssen abfallen, damit

die Frucht wachsen und reifen kann. Waren alsdann die Knospenschalen und die Blütenblätter schlecht oder nutzlos, daß sie abgeworfen werden mußten? Nein, beide

waren zu ihrer Zeit gut und notwendig; ohne sie hätte sich keine Frucht entwickeln können. So ist es auch mit den verschiedenen Lehren der Offenbarer. Ihr Äußeres

verändert sich von Zeit zu Zeit, aber jede Offenbarung ist die Erfüllung der vorhergehenden. Sie sind nicht getrennt, auch sind sie nicht ohne Übereinstimmung miteinander.

Sie sind vielmehr verschiedene Stufen in der Lebensgeschichte der einen Religion, die schrittweise geoffenbart wurde als Samen, als Knospe und als Blüte, und die nun in

die Stufe der Fruchtreife eingetreten ist.

¹ Abdu'l-Bahá, Divine Philosophy p.150

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