8.11 Das Bahá'í-Bündnis


8.11 Das Bahá'í-Bündnis

Beispiellos und unerreicht ist die Bahá'í-Offenbarung auch in anderer Weise. Bevor Bahá'u'lláh diese Welt verließ, legte Er wiederholt ein Bündnis schriftlich nieder und

bestimmte darin Seinen ältesten Sohn 'Abdu'l-Bahá, auf den Er öfters als den »Ast« oder den »Größten Ast« hinwies, zum bevollmächtigten Ausleger der Lehren und

erklärte, daß die von 'Abdu'l-Bahá erteilten Erklärungen oder Auslegungen als ebenso bevollmächtigt anzunehmen seien wie die Worte von Bahá'u'lláh selbst. In Seinem

Willen und Testament schrieb Er:

»Betrachtet, was in Meinem Buche Aqdas geoffenbart wurde: `Wenn das Meer Meiner Gegenwart verebbt und das Buch Meiner Offenbarung beendet ist, dann wendet euch

Ihm zu ('Abdu'l-Bahá), den Gott bestimmt hat - Ihm, der dieser altehrwürdigen Wurzel entsprungen ist.` Der Sinn dieses heiligen Verses ist der größte Zweig.«

Und in dem Tablet vom Zweig, in dem Bahá'u'lláh die Stufe 'Abdu'l-Bahás erklärt, sprach Er:

»Danke Gott, o Volk, daß Er erschienen ist, denn wahrlich, Er ist für euch die größte Gnade, die vollkommenste Güte, und durch Ihn wird jedes modernde Gebein lebendig.

Wer Ihm sich zuwendet, hat sich zu Gott gewendet, und wer sich von Ihm abkehrt, hat sich von Meiner Schönheit abgekehrt, hat Meinen Beweis verworfen und sich gegen

Mich vergangen«

Nach dem Hinscheiden von Bahá'u'lláh hatte 'Abdu'l-Bahá sowohl zu Hause als auf seinen weiten Reisen vollauf Gelegenheit, mit Menschen aller Teile der Welt und aller

Anschauungen zusammenzukommen. Er hörte alle ihre Fragen, ihre Schwierigkeiten und Einwendungen an und gab ihnen darauf eingehende Erklärungen, die in den

Schriften sorgfältig niedergelegt sind. 'Abdu'l-Bahá führte Sein Werk der Erklärung der Lehren während einer langen Reihe von Jahren fort und zeigte ihre Anwendung auf die

verschiedensten Probleme des Lebens. Meinungsverschiedenheiten, die sich zwischen Gläubigen erhoben, wurden Ihm berichtet und von Ihm endgültig beigelegt, wodurch

die Gefahr zukünftiger Mißverständnisse bedeutend verringert ist.

Bahá'u'lláh sah ferner vor, daß als Vertretung aller Bahá'í in der ganzen Welt ein Internationales Haus der Gerechtigkeit gewählt werden solle, das alle Angelegenheiten des

Bahá'í-Glaubens leiten, alle seine Tätigkeiten überwachen und koordinieren, Uneinigkeit und Spaltung verhüten, Unklarheiten aufklären und die Lehren vor Entstellung und

falscher Darstellung schützen soll. Daß diese höchste administrative Körperschaft sowohl gesetzgebend tätig werden kann in allen durch die Lehren nicht endgültig

festgelegten Angelegenheiten, wie daß sie ihre eigenen Gesetze auch wieder aufheben kann, wenn neue Bedingungen andere Maßnahmen erfordern, diese Tatsache gibt

dem Bahá'í-Glauben die Fähigkeit, sich auszubreiten und wie ein lebender Organismus den Notwendigkeiten und Erfordernissen einer sich ändernden Gesellschaft

anzupassen.

Darüber hinaus hat Bahá'u'lláh die Auslegung der Lehren durch jemand anderen als den bevollmächtigten Ausleger ausdrücklich verboten. 'Abdu'l-Bahá ernannte in seinem

Willen und Testament als seinen Nachfolger Shoghi Effendi zum Hüter des Glaubens und ermächtigte ihn zur Auslegung der Schriften. In einem Jahrtausend oder später

wird unter dem Schatten Bahá'u'lláhs eine andere Manifestation mit klaren Beweisen Ihrer Sendung erscheinen; aber bis dahin bilden die Worte von Bahá'u'lláh, 'Abdu'l-Bahá

und dem Hüter, sowie die Entscheidungen des Internationalen Hauses der Gerechtigkeit die Autorität, an die sich alle Gläubigen um Führung wenden müssen. Kein Bahá'í

kann eine Schule oder Sekte gründen auf irgend einer besonderen Auslegung der Lehren oder einer vorgeblichen göttlichen Offenbarung. Jeder, der diesen Verfügungen

zuwiderhandelt, wird als »Bündnisbrecher« angesehen¹.

'Abdu'l-Bahá sagt:

»Ein Feind der Sache ist, wer danach trachtet, die Worte von Bahá'u'lláh auszulegen, und dabei deren Bedeutung nach seinen eigenen Fähigkeiten färbt, Anhänger um sich

sammelt, eine besondere Sekte bildet, seine eigene Stellung in den Vordergrund rückt und eine Spaltung in der Sache herbeiführt.«²

In einem andern Tablet schreibt 'Abdu'l-Bahá:

»Diese Leute (die Träger der Spaltungen) gleichen dem Schaum, der sich auf der Oberfläche des Meeres ansammelt. Es wird eine Woge vom Ozean des Bündnisses

ausgehen und diesen Gischt durch die Macht des Königreiches Abhá an die Küste werfen ... Diese von persönlichen und böswilligen Absichten ausgehenden verderblichen

Gedanken werden alle verschwinden, aber das Bündnis Gottes wird fest und sicher bleiben.«³

Es gibt nichts, das den Menschen am Aufgeben der Religion hindern könnte, sofern er dies tun will. 'Abdu'l-Bahá sagt:

»Selbst Gott zwingt die Seele nicht, geistig zu werden. Der Einsatz des freien menschlichen Willens ist hierzu notwendig.«

Es ist jedoch klar, daß das geistige Bündnis die Sektiererei innerhalb der Bahá'í-Gemeinschaft gänzlich unmöglich macht.

¹ Weitere Erläuterungen über das Hütertum und das Internationale Haus der Gerechtigkeit siehe Kap.15:8 S.293
² Abdu'l-Bahá, Star of the West III p.8
³ Abdu'l-Bahá, Star of the West X p.95