9.2 Gerechtigkeit


9.2 Gerechtigkeit

In dem Büchlein Verborgene Worte, worin Bahá'u'lláh kurz das Wesentlichste der prophetischen Lehren gibt, bezieht sich sein erster Rat auf das Leben des einzelnen:

»Besitze ein reines, gütiges und strahlendes Herz.«

Der nächste Rat zeigt uns das Hauptprinzip des wahren Gemeinschaftslebens (VW ar.2):

»O Sohn der Geistes! Gerechtigkeit ist in Meinen Augen das Kostbarste; wende dich nicht von ihr ab, wenn du nach Mir verlangst, und mißachte sie nicht, damit Ich dir

vertrauen kann. Durch ihre Hilfe wirst du mit deinen eigenen Augen und nicht mit denen anderer sehen und durch die eigene Erkenntnis und nicht durch die deines Nächsten

Wissen erlangen. Erwäge in deinem Herzen, wie du sein solltest. Wahrlich: Gerechtigkeit ist Meine Gabe an dich und das Zeichen Meiner liebenden Güte. Halte sie dir

immer vor Augen.«

Das Wesentlichste für das Gemeinschaftsleben ist, daß der einzelne fähig wird, das Wahre vom Falschen und das Recht vom Unrecht zu unterscheiden, und daß er die

Dinge stets in ihrem richtigen Verhältnis sieht. Die Selbstsucht ist die größte Ursache geistiger und sozialer Blindheit und der größte Feind gemeinschaftlichen Fortschritts.

Bahá'u'lláh spricht:

»O ihr Söhne der Einsicht! Das dünne Augenlid verhindert das Auge, die Welt und das, was in ihr ist, zu sehen. Denkt nun aber, wie es sein wird, wenn der Vorhang der Gier

das Gesicht des Herzens bedeckt!«¹

»O Menschen! Die Finsternis der Gier und des Neides verdunkelt das Licht der Seele, wie die Wolke das Durchdringen der Sonnenstrahlen verhindert.«¹

Lange Erfahrung überzeugt den Menschen schließlich von der Wahrheit der prophetischen Lehren, daß selbstsüchtige Anschauungen und Taten unvermeidlich zu sozialem

Unheil führen, und daß jeder, wenn die Menschheit nicht schimpflich umkommen will, auf das, was seines Nebenmenschen ist, mit demselben Nachdruck sehen muß wie

auf seinen eigenen Vorteil, daß er überhaupt seinen eigenen Nutzen dem der Menschheit als eines Ganzen unterordnen muß. In dieser Weise wird zuletzt der Nutzen eines

jeden und aller am besten gewahrt. Bahá'u'lláh spricht:

»O Sohn des Menschen! Würdest du Barmherzigkeit beachten, dann würdest du nicht auf deinen eigenen Nutzen, sondern auf den Nutzen der Menschheit sehen. Würdest

du Gerechtigkeit beachten dann würdest du für andere nur wählen, was du für dich selbst erwählst.«²

¹ Bahá'u'lláh, Tablet to some Persian Zoroastrian Bahá'í
² Bahá'u'lláh, Worte des Paradieses