9.3 Regierung


9.3 Regierung

Die Lehren von Bahá'u'lláh enthalten zwei verschiedene Arten von Hinweisen auf die Frage wahrer sozialer Ordnung. Ein Vorbild ist in den Sendschreiben erläutert, die an die

Könige offenbart sind, die es mit dem Problem der Regierung zu tun haben, wie sie in der Welt während Bahá'u'lláhs Erdenleben bestanden hat. Die anderen Hinweise sind

für die neue Ordnung, die in der Bahá'í-Gemeinschaft selbst zu entwickeln ist. Hierdurch entsteht der scharfe Gegensatz zwischen solchen stellen wie (ÄL Kap.CII):

»Der eine, wahre Gott - erhaben sei seine Herrlichkeit - hat immer die Herzen der Menschen als seinen eigenen, ausschließlichen Besitz angesehen und wird dies immer

tun. Alles andere, ob zu Land oder zur See, ob Reichtum oder Ruhm, hat Er den Königen und Herrschern der Erde gegeben«

und (ÄL Kap.C):

»Heute geziemt es allen Menschen, sich an den Größten Namen zu klammern und die Einheit der ganzen Menschheit zu errichten. Außer Ihm gibt es keinen Ort, wohin

man fliehen, und keine Zuflucht, die man suchen könnte.«

Die scheinbare Unvereinbarkeit dieser beiden Gesichtspunkte ist beseitigt, wenn wir den Unterschied beachten, den Bahá'u'lláh zwischen dem »Geringeren Frieden« und

dem »Größten Frieden« macht. In seinen Sendschreiben an die Könige fordert sie Bahá'u'lláh auf, zusammenzukommen und Maßnahmen zur Verwirklichung des

politischen Friedens, der Beschränkung der Kriegsrüstungen und der Beseitigung der Belastung und Unsicherheit der Schwachen zu ergreifen. Jedoch lassen seine Worte

vollkommen klar erkennen, daß ihr Nichteingehen auf die Erfordernisse der Zeit Kriege und Aufstände zur Folge haben würden, die zum Untergang der alten Ordnung führen

würden. Daher sagt Er einerseits (ÄL S.135):

»Heute muß die Menschheit Gehorsam gegenüber den Mächtigen erzeigen ...«

und andererseits (ÄL Kap. CIII, CVIII, CX, CXVI, CXVII):

»Die Menschen, die den Tand und Zierrat der Erde angehäuft und sich verächtlich von Gott abgewandt haben, haben sowohl diese als auch die kommende Welt verloren.

Bald wird ihnen Gott mit mächtiger Hand ihre Besitztümer nehmen und sie des Gewandes seiner Güte berauben ...«

»Wir haben eine festgesetzte Frist für euch, o Völker! Wenn ihr verfehlt, euch zu jener bestimmten Stunde Gott zuzuwenden, wird Er euch wahrlich gewaltsam erfassen und

schreckliche Not von allen Seiten über euch kommen lassen ...«

»Die Zeichen drohender Schwäche und des nahen Chaos sind heute zu erkennen, da die bestehende Ordnung bejammernswert unvollkommen erscheint ...«

»Wir haben Uns gelobt, deinen Sieg auf Erden zu sichern und Unsere Sache über alle Menschen zu erheben, selbst wenn sich kein König fände, der dir seinen Blick

zuwendete.«

»In dem Wunsche, die Vorbedingungen für den Frieden und die Ruhe der Welt und für den Fortschritt ihrer Völker zu offenbaren, hat das Erhabene Wesen geschrieben: Die

Zeit muß kommen, da die gebieterische Notwendigkeit zur Abhaltung einer ausgedehnten und allumfassenden Versammlung der Menschen universal erkannt wird. Die

Herrscher und Könige der Erde müssen ihr unbedingt beiwohnen und, an ihren Beratungen teilnehmend, solche Wege und Mittel erwägen, die den Grund zum Größten

Weltfrieden unter den Menschen legen. Ein solcher Friede erfordert, um der Ruhe der Völker der Erde willen, daß die Großmächte sich zu völliger Versöhnung untereinander

entschließen. Sollte ein König die Waffen gegen einen anderen ergreifen, so müssen sich alle vereint erheben und ihn daran hindern.«

Durch solchen Ratschlag offenbarte Bahá'u'lláh die Bedingungen unter denen die öffentliche Verantwortlichkeit an diesem Tage Gottes erfüllt werden muß. Indem Er auf der

einen Seite den internationalen Zusammenschluß forderte, warnte Er die Herrscher nicht weniger deutlich, daß die Fortdauer des Streites ihre Macht vernichten würde. Wie

die neue Geschichte diese Warnung ja bestätigt: in dem Anschwellen jener zwangsläufigen Bewegungen, die in allen zivilisierten Nationen solche zerstörende Kraft erreicht

haben, und in der Entwicklung des Kriegswesens bis zu dem Grade, daß der Sieg nicht mehr von irgendeinem Beteiligten erreichbar ist.

»Da ihr den Allergrößten Frieden zurückgewiesen habt, haltet euch nun fest an diesen, den Geringeren Frieden, damit ihr bis zu einem gewissen Grade wenigstens eure

eigene Lage und die eurer Untertanen bessert ...«¹

»Was der Herr als höchstes Mittel und mächtigstes Werkzeug für die Heilung der ganzen Welt bestimmt hat, ist die Vereinigung aller ihrer Völker in einer allumfassenden

Sache, einem gemeinsamen Glauben. Das kann nicht anders erreicht werden als durch die Kraft eines erfahrenen, allgewaltigen und erleuchteten Arztes.«²

Mit dem Geringeren Frieden ist eine politische Staateneinheit gemeint, während der Größte Friede eine Einheit ist, die sowohl geistige als auch politische und

wirtschaftliche Faktoren umfaßt.

»Bald wird die heutige Ordnung aufgerollt und eine neue an ihrer statt entfaltet werden.«³

In früheren Zeiten konnte eine Regierung sich mit äußerlichen Fragen und materiellen Angelegenheiten beschäftigen, heute aber verlangt die Regierungstätigkeit die

Eigenschaften des Führertums, der Heiligung und der geistigen Erkenntnis, die nur für diejenigen möglich ist, die sich Gott zugewandt haben.

¹ Bahá'u'llah, ÄL Kap.CXIX
³ Bahá'u'lláh, ÄL Kap.IV