9.13 Gleichberechtigung von Mann und Frau


9.13 Gleichberechtigung von Mann und Frau

Einer der sozialen Grundsätze, dem Bahá'u'lláh große Bedeutung zumißt, ist, daß die Frau dem Manne gleich geachtet werde. Die Frau soll sich gleicher Rechte, gleicher

Erziehung und gleicher Förderung erfreuen.

Das Hauptmittel, auf das sich Bahá'u'lláh bei der Gleichstellung der Frauen stützt, ist die umfassende Erziehung. Die Mädchen sollen die gleiche gute Erziehung genießen

wie die Knaben. In der Tat ist die Erziehung der Mädchen noch wichtiger als die der Knaben, denn die Mädchen werden später Mütter, und als Mütter sind sie die ersten

Lehrer des kommenden Geschlechtes. Kinder gleichen grünen und zarten Zweigen; wenn ihre erste Erziehung richtig ist, wachsen sie gerade, wenn diese schlecht ist,

wachsen sie krumm. Bis zum Ende ihres Lebens sind sie von der Erziehung ihrer ersten Jahre beeinflußt. Wie wichtig ist es daher, daß die Mädchen gut und weise erzogen

werden.

'Abdu'l-Bahá hatte bei seinen Reisen durch die westlichen Länder häufig Gelegenheit, die Bahá'í-Lehren bezüglich dieses Themas zu erläutern. In einer Versammlung der

Frauenliga für Frieden und Freiheit in London im Jahre 1913 sagte Er:

»Die Menschheit gleicht einem Vogel mit seinen zwei Schwingen: die eine ist das männliche, die andere das weibliche Geschlecht. Sofern nicht beide Schwingen stark sind

und durch eine gemeinsame Kraft bewegt werden, kann sich der Vogel nicht himmelwärts schwingen. Dem Geiste dieses Zeitalters entsprechend müssen die Frauen

Fortschritte machen und ihre Aufgaben in allen Zweigen des Lebens erfüllen, um den Männern gleichzukommen. Sie müssen auf die gleiche Höhe gelangen wie die Männer

und sich gleicher Rechte erfreuen. Dies ist meine inständige Bitte und einer der Hauptgrundsätze von Bahá'u'lláh.«

»Manche Wissenschaftler haben erklärt, das Gehirn des Mannes wiege schwerer als das des Weibes, und sie beanspruchten dies als Beweis für die Überlegenheit des

Mannes. Wenn wir jedoch um uns blicken, so sehen wir Leute mit kleinem Kopf, deren Gehirn leicht sein muß, die jedoch größte Intelligenz und große Verstandeskraft

aufweisen, und andere mit großem Kopf, deren Gehirn schwer sein muß, die aber doch einfältig sind. Deshalb ist das Gewicht des Gehirns kein zuverlässiger Maßstab für

Intelligenz oder Überlegenheit.«

»Wenn die Männer als einen zweiten Beweis ihrer Überlegenheit die Behauptung aufstellen, die Frauen hätten nicht so viel geleistet wie die Männer, so führen sie armselige

Argumente an, wobei die Geschichte außer Betracht gelassen wird. Wenn sie sich geschichtlich besser unterrichtet hätten, dann würden sie wissen, daß große Frauen

gelebt und Großes in der Vergangenheit vollbracht haben, und daß auch heute viele leben, die Großes vollbringen.«

Hier erzählte 'Abdu'l-Bahá die Taten der Zenobia¹ und anderer großer Frauen der Vergangenheit und schloß mit beredtem Lob der mutigen Maria Magdalena, deren Glaube

fest blieb, als die Apostel ins Wanken geraten waren. Er fuhr fort:

»Unter den Frauen unserer Zeit ragt Qurratu'l-'Ayn² hervor, die Tochter eines muhammadanischen Priesters. Zur Zeit des Auftretens des Báb zeigte sie so überwältigenden

Mut und Kraft, daß alle, die sie hörten, erstaunt waren. Sie warf ihren Schleier beiseite, den uralten Gebräuchen der Perser zum Trotz, und obschon es als ungehörig galt,

mit Männern zu sprechen, unternahm es diese heldenhafte Frau, sich mit den gelehrtesten Männern auseinanderzusetzen, und trug auch in jeder derartigen Zusammenkunft

den Sieg davon. Die persische Regierung nahm sie gefangen. Sie wurde in den Straßen mit Steinen beworfen, aus dem Islam ausgestoßen, von einer Stadt zur anderen

verbannt, mit dem Tode bedroht, aber nie wich sie von ihrem Entschluß ab, für die Freiheit ihrer Schwestern einzutreten. Sie ertrug Verfolgung und Leiden mit größtem

Heldenmut. Selbst im Gefängnis gewann sie noch Menschen. Zu einem persischen Minister, in dessen Haus sie gefangen war, sagte sie: `Du kannst mich töten, sobald es

dir beliebt; aber du kannst die Befreiung der Frauen nicht aufhalten.` Schließlich nahte das Ende ihres tragischen Lebens; man brachte sie in einen Garten und erdrosselte

sie. Sie aber hatte ihr schönstes Kleid angezogen und sich geschmückt, als ob sie eine Brautfahrt machen wollte. Mit solcher Seelengröße und solchem Mut gab sie ihr

Leben dahin, daß alle, die sie sahen ergriffen und erschüttert waren. Sie war wahrlich eine große Heldin. Auch heute gibt es unter den Bahá'í in Persien Frauen, die

unentwegten Mut zeigen und dichterisch hoch begabt sind. Sie sind sehr beredt und sprechen vor großen Versammlungen.«

»Die Frauen müssen fortschrittlich gesinnt sein und zur Vervollkommnung der Menschheit ihre Kenntnisse über Wissenschaft, Literatur und Geschichte erweitern. Binnen

kurzem werden sie zu ihrem Rechte kommen. Die Männer werden sehen, wie die Frauen ernsthaft und würdig an der Besserung des bürgerlichen und politischen Lebens

arbeiten, wie sie sich dem Krieg widersetzen und Stimmrecht und gleiche Möglichkeiten fordern. Ich hoffe, daß ihr Frauen in allen Phasen des Lebens Fortschritte macht;

dann werden eure Stirnen mit dem Diadem unvergänglichen Ruhmes gekrönt sein.«³

¹ Königin von Palmyra seit 267 n.Chr., die Syrien und Ägypten eroberte
² Einer der Buchstaben des Lebendigen, d.h. Jünger des Báb
³ 1913 in London bei einer Versammlung der Frauenliga