10.1 Kampf und Eintracht


10.1 Kampf und Eintracht

Im Laufe des letzten Jahrhunderts haben die Wissenschaftler mit unendlicher Mühe den Kampf ums Dasein in der Pflanzen- und Tierwelt studiert, und inmitten der Verwirrungen des sozialen Lebens haben viele geglaubt, diejenigen Grundsätze als Richtschnur ansehen zu müssen, die man in der niederen Welt der Natur für gut befunden hatte. Auf diese Weise kamen sie dazu, Wetteifer und Kampf als Notwendigkeiten des Lebens zu betrachten und das unbarmherzige Vernichten der schwächeren Glieder der Gesellschaft als ein gesetzmäßiges oder sogar notwendiges Mittel zur Verbesserung der Rasse zu halten. Demgegenüber sagt uns Bahá'u'lláh, daß, sofern wir auf der Stufenleiter des Fortschritts emporklimmen wollen, wir, anstatt rückwärts auf die Tierwelt zu blicken, unseren Blick vorwärts und aufwärts richten müssen. Wir sollen nicht die Tiere, sondern die Offenbarer zu unseren Führern wählen. Nach Ihren Lehren stehen die Grundsätze der Einheit, der Eintracht und des Mitgefühls im Gegensatz zu diesem im Tierreich herrschenden Ringen um die Selbsterhaltung, und wir müssen zwischen ihnen wählen, denn sie können nicht miteinander versöhnt werden. 'Abdu'l-Bahá sagt:

»Im Reich der Natur spielt der Kampf ums Dasein die herrschende Rolle - das Ergebnis davon ist das Überleben des Gewandteren. Das Gesetz des Überlebens des Gewandteren ist der Ursprung aller Schwierigkeiten. Es ist die Ursache von Krieg, Streit, Haß und Feindseligkeit unter den menschlichen Wesen. Im Reich der Natur herrschen Tyrannei, Selbstsucht, Angriffslust, übergriffe, Aneignung der Rechte anderer und andere tadelnswerte Eigenschaften, welche Mängel der Tierwelt sind. Solange daher die Forderungen der Naturwelt die Hauptrolle unter den Menschenkindern spielen, sind Erfolg und Wohlergehen unmöglich. Die Natur ist kriegerisch, die Natur ist blutdürstig, die Natur ist tyrannisch, denn die Natur ist sich Gottes, des Allmächtigen nicht bewußt. Daher kommt es, daß diese grausamen Eigenschaften in der Tierwelt natürlich sind.«

»Deshalb hat der Herr der Menschheit aus großer Liebe und Barmherzigkeit das Erscheinen der Offenbarer und die Verkündung der heiligen Bücher veranlaßt, auf daß die Menschheit durch göttliche Erziehung aus der Zerstörung der Natur und der Finsternis der Unwissenheit erlöst, mit idealen Tugenden und geistigen Eigenschaften ausgestattet und zum Dämmerungsort barmherziger Gefühle werde.«

»Leider - ach hunderttausendmal sei es geklagt! - werden immer noch Vorurteile aus Unwissen, unnatürliche Meinungsverschiedenheiten und gegnerische Grundsätze gegenseitig unter den Nationen der Welt verbreitet und verschulden damit die Verzögerung des allgemeinen Fortschritts. Dieser Rückschritt rührt von der Tatsache her, daß die Grundsätze göttlicher Zivilisation gänzlich abgetan und die Lehren der Offenbarer vergessen sind.«¹

¹ Abdu'l-Bahá, Star of the West VIII p.15