10.6 Weltsprache


10.6 Weltsprache

Da wir nun einen Blick auf die Hauptursachen des Krieges geworfen und gesehen haben, wie sie zu vermeiden sind, wollen wir gewisse aufbauende Vorschläge, die Bahá'u'lláh in der Absicht, den dauernden Frieden herbeizuführen, machte, näher untersuchen.

Der erste dieser Vorschläge betrifft die Einführung einer Welthilfssprache. Bahá'u'lláh schreibt hierüber in dem Buch Aqdas und in vielen Tablets. So spricht Er in dem Tablet Ishráqát:

»Das sechste Ishráq bezieht sich auf die Eintracht und Harmonie unter den Menschen. Durch die Strahlen der Einigung wurden die Regionen der Welt zu allen Zeiten erleuchtet und das beste Mittel hierzu ist, sich mit Sprache und Schrift anderer Völker bekannt zu machen. Wir haben schon in früheren Sendschreiben den Bevollmächtigten des `Hauses der Gerechtigkeit` befohlen, entweder aus den bestehenden Sprachen eine auszuwählen oder eine neue zu schaffen, und in gleicher Weise eine allgemeine Schrift zu übernehmen, und diese den Kindern in allen Schulen der Welt zu lehren, auf daß die Welt wie ein Land und eine Heimat werde.«

Zur Zeit, da Bahá'u'lláh der Welt diesen Vorschlag brachte, wurde in Polen ein Knabe namens Ludwig Zamenhof geboren, dem in der Ausführung dieses Vorschlags eine führende Rolle zu spielen bestimmt war. Von seiner Kindheit an wurde das Ideal einer Weltsprache ein vorherrschendes Motiv in Zamenhofs Leben, und das Ergebnis seiner aufopfernden Arbeit war die Ausarbeitung und weite Verbreitung einer unter dem Namen Esperanto bekannt gewordenen Sprache, die den Prüfungen bereits fünfunddreißig Jahre standhielt und sich als ein sehr befriedigendes Mittel für den internationalen Verkehr erwiesen hat. Diese Sprache hat den großen Vorteil, daß es, um sie zu beherrschen, nur den zwanzigsten Teil der Zeit erfordert, die dazu notwendig ist, andere Sprachen, wie beispielsweise Englisch, Französisch oder Deutsch zu beherrschen. Gelegentlich eines Esperantotreffens im Februar 1913 in Paris sprach 'Abdu'l-Bahá folgendes:

»Eine der Hauptursachen der Schwierigkeiten heute in Europa ist die Verschiedenheit der Sprachen. Wir sagen, dieser Mann ist ein Deutscher, der andere ist ein Italiener, dann begegnen wir einem Engländer, dann wieder einem Franzosen. Obwohl sie alle derselben (ursprünglichen) Rasse angehören, bildet doch die Sprache die größte Schranke zwischen ihnen. Wäre eine Welthilfssprache eingeführt, dann würden sie alle als eins betrachtet werden.«

»Seine Heiligkeit Bahá'u'lláh schrieb vor mehr als vierzig Jahren über diese internationale Sprache. Er sagte, solange keine internationale Sprache eingeführt sei, werde es nicht zu einer völligen Einigung der verschiedenen Teile der Welt kommen, denn wir sehen, daß die Mißverständnisse die Völker von gegenseitiger Verbindung abhalten, und diese Mißverständnisse werden auf keine andere Weise beseitigt werden als durch eine internationale Hilfssprache.«

»Allgemein gesprochen: weder sind alle Menschen des Ostens völlig über die Ereignisse im Westen unterrichtet noch können sich die Bewohner des Westens in eine gleichgestimmte Verbindung mit den Orientalen setzen. Ihre Gedanken sind wie in einer Büchse verschlossen, und diese zu öffnen, wird die internationale Sprache der Hauptschlüssel sein. Wären wir im Besitz einer Weltsprache, dann könnten die Bücher des Westens leicht in diese Sprache übersetzt werden, und die östlichen Völker würden von ihrem Inhalt unterrichtet werden. In gleicher Weise könnten die Bücher des Ostens zum Nutzen der westlichen Völker in diese Sprache übersetzt werden. Das beste Mittel für den Fortschritt hinsichtlich der Vereinigung des Ostens und des Westens wird eine gemeinsame Sprache sein. Sie wird die ganze Welt zu einer Heimat machen und der stärkste Antrieb für den menschlichen Fortschritt werden. Sie wird die Fahne der Einheit der Menschheit hochhalten. Sie wird die Erde zu einem Weltgemeinwesen machen. Sie wird die Ursache der Liebe unter den Menschenkindern sein. Sie wird gute Kameradschaft schaffen zwischen den verschiedenen Rassen.«

»Preis sei Gott, daß nun Dr. Zamenhof¹ die Esperantosprache erfunden hat. Diese hat alle wirksamen Eigenschaften, die erforderlich sind, um das internationale Verbindungsmittel zu werden. Wir müssen ihm alle verbunden und dankbar sein für diese edlen Bemühungen, denn damit hat er seinen Mitmenschen hervorragende Dienste geleistet. Durch die unermüdlichen Bemühungen und die Selbstaufopferung seiner Anhänger wird Esperanto Allgemeingut werden. Deshalb müssen wir alle diese Sprache erlernen und so weit wie möglich verbreiten, damit sie Tag für Tag mehr Anerkennung findet, von allen Völkern und Regierungen angenommen und ein Teil des Lehrstoffs in allen öffentlichen Schulen wird. Ich hoffe, daß Esperanto als die Sprache für alle künftigen internationalen Konferenzen und Kongresse angenommen wird, damit alle Menschen nur zwei Sprachen zu erlernen brauchen: ihre Muttersprache und die internationale Sprache. Alsdann wird eine völlige Vereinigung zwischen allen Menschen der Welt hergestellt sein. Seht, wie schwierig es heute ist, mit verschiedenen Völkern zu verkehren. Wenn jemand fünfzig Sprachen erlernt, so mag es dennoch vorkommen, daß er durch ein Land reist, dessen Sprache er nicht kennt. Deshalb hoffe ich, daß ihr die größten Anstrengungen machen werdet, damit diese Esperantosprache weit verbreitet werde.«

Während zwar diese Anspielungen auf Esperanto bestimmt und ermutigend sind, bleibt es doch wahr, daß, bis das Haus der Gerechtigkeit die Sache nach Bahá'u'lláhs Anweisung behandelt hat, der Bahá'í-Glaube nicht an Esperanto oder an sonst eine lebende oder künstliche Sprache gebunden ist. 'Abdu'l-Bahá selbst sagte: »Die für Esperanto aufgewendete Liebe und Mühe wird nicht verloren sein, aber es kann nicht `ein` Mensch eine allgemeinverbindliche Sprache konstruieren«².

Welche Sprache nun angenommen werden soll, und ob es eine lebende Sprache oder eine konstruierte sein wird, ist eine Entscheidung, welche die Völker der Welt noch treffen müssen.

¹ Es ist von Interesse daß Zamenhofs Tochter Lydia eine aktive Bahá'í wurde
² Abdu'l-Bahá in London p.95
³ Die obige Ansprache Abdu'l-Bahás vom Februar 1913 in Paris ist nicht in dem Buch »Ansprachen in Paris« abgedruckt !!