10.11 Berechtigte Kriegführung


10.11 Berechtigte Kriegführung

Obschon Bahá'u'lláh gleich Christus seinen Gläubigen als Einzelmenschen und als religiöse Körperschaft rät, ihren Feinden keinen Widerstand zu leisten, sondern vielmehr ihnen zu vergeben, so lehrt Er doch, daß es Pflicht der Gesamtheit sei, Ungerechtigkeit und Unterdrückung zu verhindern. Wenn die einzelnen verfolgt werden und ihnen Unrecht geschieht, so sei es recht für sie, zu vergeben und sich der Vergeltung zu enthalten. Es wäre aber unrecht von der Gesamtheit, Plünderung und Mordtaten innerhalb ihrer Grenzen immerfort ungehindert geschehen zu lassen. Es ist Pflicht einer guten Regierung, Übeltaten zu verhindern und die Schuldigen zu bestrafen¹

So ist es auch mit der Völkergemeinschaft. Wenn eine Nation die andere unterdrückt oder ihr Unrecht zufügt, so ist es Pflicht aller anderen Nationen, sich zusammenzuschließen, um eine solche Unterdrückung zu verhindern. 'Abdu'l-Bahá sagt:

»Es mag vorkommen, daß zu gegebener Zeit kriegerische und wilde Horden den politischen Körper eines Volkes wütend angreifen, in der Absicht, seine Glieder gänzlich niederzumachen. Unter solchen Umständen ist eine Verteidigung notwendig.«

Bisher war es unter der Menschheit üblich, daß, wenn ein Volk das andere angriff, die anderen Nationen der Welt neutral blieben und, sofern ihre eigenen Interessen nicht berührt oder bedroht wurden, keine Verantwortung in diesen Angelegenheiten auf sich nahmen. Die ganze Bürde der Verteidigung wurde der angegriffenen Nation überlassen, so schwach und hilflos sie auch sein mochte. Die Lehren von Bahá'u'lláh kehren diese Stellungnahme um und legen die Verantwortung der Verteidigung nicht nur auf die angegriffene Nation, sondern ebenso auf alle andern, einzeln und gesamt. Da die ganze Menschheit eine Gemeinschaft ist, so ist ein Angriff auf eine Nation ein Angriff auf die Gemeinschaft und sollte daher von der Gemeinschaft abgewiesen werden. Wenn diese Lehre allgemein anerkannt und wenn nach ihr gehandelt würde, so wüßte eine Nation die einen Angriff auf eine andere im Sinn hätte, schon im voraus daß sie mit dem Widerstand nicht nur dieser Nation, sondern mit dem aller anderen Nationen der Welt zu rechnen hätte. Diese Erkenntnis würde genügen, selbst die keckste und kriegslustigste Nation abzuschrecken. Wenn ein genügend starker Bund friedlicher Nationen geschlossen ist, dann wird der Krieg der Vergangenheit angehören. In der Übergangszeit vom alten Zustand internationaler Gesetzlosigkeit zum neuen Zustand internationalen Zusammenhalts werden Angriffskriege immer noch möglich sein und unter diesen Umständen mag militärische oder andere zwangsweise Tätigkeit in Sachen der internationalen Gerechtigkeit der Einigkeit und des Friedens eine ausdrückliche Pflicht sein. 'Abdu'l-Bahá schreibt über einen solchen Fall:

»Ein Feldzug kann eine lobenswerte Tat sein, und es gibt Zeiten, zu denen der Krieg die mächtige Grundlage des Friedens, der Untergang das Mittel zum Wiederaufbau ist. Wenn zum Beispiel ein hochgesinnter Herrscher seine Truppen ins Feld führt, um das Vordringen eines Aufrührers oder eines Angreifers von außen abzuwenden, wenn er sich mit Heeresmacht anschickt, ein entzweites Staatsvolk zu einigen, kurz, wenn er eine gerechte Sache verficht, dann ist dieser scheinbare Grimm Gnade, diese äußerliche Gewaltanwendung wirkliche Gerechtigkeit und ein Feldzug der Grundstein des Friedens. Heute ist jedoch die Aufgabe, die einem großen Herrscher zukommt, die Errichtung des Weltfriedens, denn darin liegt die Freiheit aller Völker beschlossen.«²

¹ siehe auch Abschnitt 9:21 #178 über die Behandlung der Verbrecher
² Abdu'l-Bahá, Das Geheimnis göttlicher Kultur