11.15 Nichtdasein des Übels


11.15 Nichtdasein des Übels

Nach der Bahá'í-Philosophie folgt aus der Lehre von der Einheit Gottes, daß es so etwas, wie unbedingtes übel, nicht geben kann. Es kann nur eine Unendlichkeit geben. Gäbe es im Weltall irgendeine andere Kraft außerhalb des Einen oder entgegengesetzt dem Einen, dann würde der Eine nicht unendlich sein. Wie Dunkelheit nur das Fehlen oder ein geringerer Grad von Licht ist, so ist Übel nichts als das Fehlen des Guten oder ein geringerer Grad davon, der unentwickelte Zustand. Ein schlimmer Mensch ist ein Mensch, bei dem die höhere Seite seiner Natur noch unentwickelt ist. Wenn er eigensüchtig ist, so liegt das übel nicht in seiner Liebe zum eigenen selbst - alle Liebe, selbst Eigenliebe, ist gut, ist göttlich. Das übel liegt darin, daß er eine arme, unangebrachte, mißleitete Liebe zum eigenen Selbst und einen Mangel an Liebe für die andern und für Gott hat. Er blickt auf sich, als ob er allein eine höhere Art von Geschöpf wäre, und hätschelt seine niedere Natur, wie man sein Schoßhündchen hätschelt - mit schlimmeren Folgen in seinem Fall als in dem des Hundes.

In einem seiner Briefe schreibt 'Abdu'l-Bahá:

»Was deine Bemerkung anbetrifft, daß Abdu'l-Bahá zu verschiedenen der Gläubigen gesagt hat, daß es nie ein übel gäbe, daß es vielmehr nichtexistent sei, so ist dies nur Wahrheit, weil es ja das größte übel ist, daß die Menschen vom richtigen Weg abweichen und für die Wahrheit verhüllt sind. Irrtum ist Mangel an Führung, Dunkelheit ist Fehlen von Licht, Unwissenheit ist Mangel an Erkenntnis, Falschheit ist Mangel an Wahrhaftigkeit, Blindheit ist Mangel an Gesicht und Taubheit ist Mangel an Gehör. Daher sind Irrtum, Blindheit, Taubheit und Unwissenheit nichtbestehende Dinge.«

Ferner sagt Er (BF Kap.57 S.211):

»In der Schöpfung gibt es nichts Böses; alles ist gut. Gewisse Eigenschaften und Charakterzüge, die manchen Menschen angeboren und scheinbar tadelnswert sind, sind es nicht in Wirklichkeit. Zum Beispiel kann man bei einem Säugling schon von Anfang seines Lebens an die Zeichen von Begierde, Ärger und Zorn bemerken. Es könnte also gesagt werden, Gut und Böse seien der Wirklichkeit des Menschen angeboren und dies stehe im Widerspruch zum reinen Gutsein der Natur und Schöpfung. Die Antwort darauf ist, daß Begierde, die ja ein Verlangen nach Mehr bedeutet, eine lobenswerte Eigenschaft ist, vorausgesetzt, daß sie am rechten Platz angewandt wird. Wenn also ein Mensch begierig ist, sich Wissen und Kenntnisse zu erwerben oder mitfühlend, großmütig und gerecht zu werden, so ist dies sehr anerkennenswert. Wenn er seinen Ärger und Zorn gegen blutdürstige Unterdrücker, die wilden Tieren gleichen, richtet, so ist dies ebenfalls sehr lobenswert; wenn er aber diese Eigenschaften nicht in der richtigen Weise anwendet, so sind sie zu tadeln ... Ebenso ist es mit allen natürlichen menschlichen Eigenschaften, die das Kapital des Lebens bilden; wenn sie auf unrechte Weise sich zeigen und angewandt werden, werden sie tadelnswert. Es ist daher klar, daß die Schöpfung absolut gut ist.«

Ein Übel ist immer Mangel an Leben. Wenn die niedere Seite der menschlichen Natur unverhältnismäßig stark entwickelt ist, so ist das Heilmittel nicht weniger Leben für diese Seite, sondern mehr Leben für die höhere Seite, auf daß das Gleichgewicht wieder hergestellt werde. Christus sprach: »Ich bin gekommen, damit ihr Leben habt, und damit ihr es im Überfluß habt«. (Joh.10:11) Das ist es, was wir alle brauchen, Leben, mehr Leben, das Leben, das in der Tat Leben ist! Die Botschaft von Bahá'u'lláh ist die gleiche wie die von Christus. Er spricht: »Heute ist dieser Diener wirklich gekommen, die Welt zu beleben«.¹ Und zu seinen Anhängern sprach Er »Folget Mir nach, damit Wir euch zu Lebensspendern der Menschheit machen.«²

¹ Tablet an Ra'is ² Tablet an den Papst