12.3 Das Dämmern der Aussöhnung


12.3 Das Dämmern der Aussöhnung

Während des letzten halben Jahrhunderts trat jedoch eine Änderung im Geiste des Zeitalters zu Tage, ein neues Licht der Wahrheit war aufgegangen, das die Streitfragen des letzten Jahrhunderts als sonderbar rückständig erscheinen ließ. Wo sind die Priester, die alle, die ihre Glaubensformeln nicht annahmen, so dreist für das Feuer der Hölle und die Qualen der Verdammnis bestimmten? Der Widerhall ihres Geschreis ist noch hörbar, aber ihre Zeit ist zu Ende und ihre Lehren geraten in Verruf. Heute können wir sehen, daß die Lehren, um die sich die Streitfragen am schärfsten drehten, weder echte Wissenschaft noch echte Religion waren. Welcher Gelehrte dürfte im Lichte der modernen Seelenforschung noch behaupten, daß »das Gehirn den Gedanken ausscheidet, so wie die Leber die Galle absondert«? oder daß der Verfall des Körpers notwendigerweise begleitet wird vom Verfall der Seele? Wir sehen jetzt, daß der Gedanke, um wahrhaft frei zu sein, sich zu den Reichen der seelischen und geistigen Erscheinungen erheben muß und sich nicht nur auf das Stoffliche beschränken darf. Wir verstehen, daß das, was wir von der Natur jetzt wissen, gleichsam nur ein Tropfen im Ozean ist demgegenüber, was der Entdeckung noch harrt. Wir geben deshalb gerne die Möglichkeit von Wundern zu, aber freilich nicht in dem Sinn, daß sie die Naturgesetze brechen, sondern als Offenbarungen der Wirkung feinster Kräfte, die uns noch unbekannt sind, wie es die Elektrizität und die Röntgenstrahlen unsern Vorfahren waren. Welcher von unseren führenden Religionslehrern würde andererseits noch behaupten, daß man, um erlöst zu werden, glauben müsse, die Welt sei in sechs Tagen erschaffen worden, oder die Beschreibung der Plagen in Ägypten, die im zweiten Buch Mose verzeichnet sind, sei wörtlich wahr, oder daß die Sonne stillestand am Himmel (d.h., daß die Erde aufhörte sich zu drehen), damit Josua seine Feinde verfolgen konnte? oder daß, wenn man das Glaubensbekenntnis des heiligen Athanasius nicht annimmt, man »ohne Zweifel in Ewigkeit verdammt« sei? Solche Glaubenssätze mögen noch der Form wegen wiederholt werden, aber wer nimmt sie in ihrem wörtlichen Sinn und ohne Vorbehalt hin? Sie hörten schon lange auf oder werden bald aufhören, der Menschen Herz und Verstand zu beschäftigen. Die religiöse Welt schuldet den Männern der Wissenschaft großen Dank, die solche abgenutzten Glaubenssätze und Dogmen zunichte machen, und die der Wahrheit zum Siege verhelfen. Die wissenschaftliche Welt aber schuldet einen noch größeren Dank den wahren Heiligen und Mystikern, die sich in guten und bösen Tagen an die Lebenswahrheiten geistiger Erfahrung hielten und einer ungläubigen Welt bewiesen, daß das Leben mehr fordert als Nahrung, und daß das Unsichtbare größer ist als das sichtbare. Diese Gelehrten und Heiligen glichen Bergesgipfeln, die die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne auffingen und sie widerspiegelten auf die tiefer liegende Welt. Jetzt aber ist die Sonne aufgegangen und ihre Strahlen erhellen die Welt. In den Lehren von Bahá'u'lláh besitzen wir eine herrliche Offenbarung der Wahrheit, die Herz wie Verstand befriedigt, in der Religion und Wissenschaft eins sind.