12.5 Wahrer Agnostizismus


12.5 Wahrer Agnostizismus

Die Bahá'í-Lehre stimmt mit Wissenschaft und Philosophie in der Erklärung überein, daß die Wesenheit Gottes völlig außerhalb des menschlichen Fassungsvermögens steht. So nachdrücklich, wie Thomas Huxley und Herbert Spencer lehren, daß das Wesen der »großen ersten Ursache« unerkennbar ist, lehrt Bahá'u'lláh: »Gott umfaßt alles. Er kann nicht umfaßt werden.« Zur Erkenntnis der göttlichen Wesenheit ist »der Weg versperrt und die Straße unbegehbar.« Denn wie kann das Endliche das Unendliche begreifen? Wie kann ein Tropfen den Ozean enthalten oder ein im Sonnenschein tanzendes Stäubchen das Weltall umfassen? Und dennoch spricht das ganze Weltall von Gott. In jedem Wassertropfen sind Weltmeere von Bedeutung verborgen, und in jedem Sonnenstäubchen ist ein ganzes Weltall von Bedeutsamkeiten eingeschlossen, weit über den Gesichtskreis des gelehrtesten Wissenschaftlers reichend. Der Chemiker und der Physiker sind in Verfolg ihrer Forschungen nach der Natur der Dinge fortgeschritten von der Masse zu den Molekülen, von den Molekülen zu den Atomen, von den Atomen zu den Elektronen und zum Äther, aber mit jedem Schritt wachsen die Schwierigkeiten der Forschung, bis auch der tiefgründigste Verstand nicht weiter vordringen kann und sich in stiller Ehrfurcht beugen muß vor dem unbekannten Unendlichen, das immer in unerforschliches Geheimnis gehüllt bleiben wird.

»Blume in der rissigen Mauer,

ich pflücke dich aus dem Spalt.

Ich halte dich hier, Wurzel und alles, in meiner Hand,

kleine Blume ; doch wenn ich verstehen könnte,

was du bist, Wurzel und alles, alles in allem,

so würde ich wissen, was Gott und der Mensch ist.«

(Tennyson)

Wenn die Blume in der rissigen Mauer, wenn selbst ein einziges Atom des Stoffes Geheimnisse zeigen, die der tiefgründigste Verstand nicht zu lösen vermag, wie ist es dann für den Menschen möglich, das Weltall zu begreifen? Wie darf er sich erdreisten, die unendliche Ursache aller Dinge zu bestimmen oder zu beschreiben? Alle theologischen Spekulationen über die Natur von Gottes Wesen werden auf diese Weise als töricht und nichtig abgetan.