12.8 Schöpfung


12.8 Schöpfung

Bahá'u'lláh lehrt, daß das Weltall keinen zeitlichen Anfang hat. Es ist ein fortwährendes Entströmen aus der großen ersten Ursache. Der Schöpfer hatte immer Seine Schöpfung und wird sie immer haben. Welten und Weltensysteme mögen kommen und vergehen, aber das Weltall bleibt bestehen. Alle Dinge, die eine Verbindung eingegangen sind, unterziehen sich im Laufe der Zeit auch einmal der Trennung, jedoch die Elemente, welche die Zusammensetzung bilden, bleiben bestehen. Die Erschaffung einer Welt, einer Blume oder eines menschlichen Körpers ist nicht »ein Erschaffen aus Nichts«, sie ist vielmehr ein Zusammenfügen von Elementen, die vorher getrennt waren, ein Sichtbarmachen von etwas, das zuvor verborgen war. Nach und nach mögen die Elemente getrennt werden, die Form mag verschwinden, aber nichts ist wirklich verloren oder vernichtet. Immer neue Verbindungen und Formen werden aus den Trümmern des Alten hervorgehen. Bahá'u'lláh bestätigt die Gelehrten, die nicht sechstausend, sondern Millionen und Milliarden von Jahren für die Geschichte der Erschaffung der Erde annehmen. Die Theorie der Evolution (Entwicklung) verneint keineswegs eine schöpferische Macht, sie bemüht sich nur, die Art und Weise ihrer Sichtbarwerdung zu beschreiben, und die wundersame Geschichte des materiellen Weltalls, die der Astronom, der Geologe, der Physiker und der Biologe nach und nach vor uns ausbreiten, ist, wenn richtig bewertet, bei weitem fähiger, die tiefste Anbetung und Verehrung wachzurufen, als es die dürftige und primitive Schilderung der Schöpfung vermag, wie sie die hebräischen Schriften wiedergeben. Die älteste Kunde im ersten Buche Moses hat jedoch den Vorzug, in wenigen kühnen sinnbildlichen Strichen die wesentliche geistige Bedeutung der Geschichte aufzuzeichnen, wie ein meisterhafter Maler, der mit wenigen Pinselstrichen Gesichtszüge hinwirft, die der Stümper in angestrengtester Bemühung um die Einzelheiten ganz unmöglich wiedergeben kann. Wenn die materiellen Einzelheiten uns für die geistige Bedeutung blind machen, so wären wir besser ohne sie, aber wenn wir die wesentliche Bedeutung des ganzen Plans einmal fest erfaßt haben, dann wird die Kenntnis von den Einzelheiten unserem Verständnis einen weit höheren Reichtum und Glanz verleihen und wird uns statt eines einfachen Entwurfs ein herrliches vollendetes Bild zeigen.

'Abdu'l-Bahá sagt:

»Wisse, daß es eine der am schwierigsten zu verstehenden geistigen Wahrheiten ist, daß die Welt des Daseins, das heißt dieses unendliche Weltall, keinen Anfang hat ... Wisse, daß ... ein Schöpfer ohne ein Geschöpf unmöglich wäre und ein Versorger ohne Versorgte nicht ausgedacht werden könnte; denn alle göttlichen Namen und Eigenschaften setzen das Dasein von Geschöpfen voraus. Sich eine Zeit vorzustellen, in der es überhaupt keine Geschöpfe gegeben habe, hieße die Göttlichkeit Gottes leugnen. Überdies kann völliges Nichtsein nicht zum Dasein werden. Wenn die Geschöpfe überhaupt nicht existiert hätten, wäre Dasein nicht ins Leben getreten. Weil nun das innerste Wesen der Einheit, das göttliche Sein, von aller Ewigkeit her besteht und immerwährend ist, das heißt weder Anfang noch Ende hat, darum hat sicherlich diese Welt des Daseins, dieses unendliche Weltall, weder Anfang noch Ende. Es mag wohl sein, daß ein Teil des Weltalls, zum Beispiel einer der Himmelskörper, ins Dasein tritt oder verfällt, aber die anderen, unendlich vielen Himmelskörper bestehen weiter ... Da das einzelne Gestirn einen Anfang hat, muß es auch ein Ende haben, denn jede Zusammensetzung, im verband oder im einzelnen, muß notwendigerweise aufgelöst werden; der einzige Unterschied ist, daß einige schnell und andere langsamer aufgelöst werden, aber es ist unmöglich, daß etwas Zusammengesetztes sich schließlich nicht auflöst.«¹

¹ Abdu'l-Bahá, Beantwortete Fragen, Kap.47, S.180