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Die an sich unverständliche Schilderung der Tatsache, dass der junge Mann, der Jesus zu folgen versuchte, nur mit einem Leinentuch bekleidet war, ergibt, wenn man die sehr ähnliche Passage aus dem geheimen Evangelium hinzunimmt, auf einmal einen intertextuellen Sinn. Es handelt sich demnach um den Jüngling, den Jesus zuvor in Betanien von den Toten auferweckt hatte (nach Joh 12,1 also um Lazarus). Die These, dass dieser Jüngling Lazarus war, wird auch von Autoren vertreten, die sich nicht auf das geheime Markus-Evangelium beziehen. Die allgemeine kirchliche Tradition geht allerdings davon aus, der Jüngling sei Markus selbst gewesen.
Ebenso kann der abrupte Übergang in Mk 10,46 (im ersten Satz kommen die Jünger nach Jericho, im zweiten Satz verlassen sie es bereits wieder) mit Hilfe des geheimen Evangeliums als Folge einer Kürzung erklärt werden.
Die ungewöhnliche Schrumpfung des Markus-Evangeliums wird von den Befürwortern der These mit der Zensur von Stellen erklärt, die nicht mit der späteren kirchlichen Lehre übereinstimmten. So verurteilt etwa Paulus an verschiedenen Stellen die gleichgeschlechtliche Begierde zwischen Männern (Röm 1,27). Dies könnte ein Grund sein, warum das längere der beiden oben zitierten Fragmente gestrichen wurde. Die Streichung des kürzeren Fragments dürfte sich dagegen der Erwähnung Salomes verdanken. In gnostischen Schriften wird Salome, ebenso wie Maria Magdalena, zu den Jüngern gerechnet. Einige Autoren gehen davon aus, dass in den kanonischen Evangelien Texte gestrichen wurden, um ihre Bedeutung nachträglich zu schmälern.
Kritik: Gegen diese These wird ins Feld geführt, dass die kürzere von zwei Textvarianten meistens auch die ältere ist. Ebenso gibt es keine wissenschaftlichen Belege für eine Zensur der Evangelien, die nur von Zeit zu Zeit als Hypothese auftaucht, mit der eine theologische Richtung das Neue Testament ihrer Sichtweise anpassen will.
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Pastiche
Eine weitere angenommene Hypothese ist auch, dass es sich um eine so genannte Pastiche handle, also eine Zusammenstellung von Texten aus verschiedenen Evangelien unter möglicher Verwendung von älterem Material. Solche Pastichen sind aus etwas späterer Zeit vielfach überliefert.
Kritik: Auch hier bleiben die Inkonsistenzen im kanonischen Markus-Evangelium und die Frage, warum sie im geheimen Evangelium aufgelöst sind, ein offenes Problem.
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Umstrittene Auslegung
Die von Smith publizierten Schlussfolgerungen in seinen Büchern "The secret Gospel: The discovery and interpretation of the secret Gospel according to Mark" (1974) und "Jesus the Magician" (1981) werden von der großen Mehrheit der Forscher abgelehnt.
Von den verstreuten Andeutungen in den kanonischen Evangelien und dem geheimen Markus-Evangelium können wir uns ein Bild machen von der Taufe von Jesus, dem "Geheimnis des Reiches Gottes". Es war eine Wassertaufe, die Jesus bei ausgewählten Jüngern vollzog, einzeln und des Nachts. Der Jünger trug dabei ein leinenes Tuch über dem nackten Körper. Dieses Tuch wurde wahrscheinlich für die eigentliche Taufe, das Eintauchen ins Wasser, entfernt. Dieses Eintauchen war eine vorbereitende Reinigung. Danach wurde der Jünger durch unbekannte Zeremonien mit dem Geist von Jesus vereinigt. Eins mit Jesus, nahm er so durch Halluzination an dessen Aufstieg in den Himmel teil, er trat ins Reich Gottes ein und wurde dadurch von den Gesetzen der niedrigeren Welt befreit. Freiheit vom Gesetz könnte die Vollendung der geistigen Vereinigung durch eine körperliche Vereinigung gewesen sein. Das geschah sicher in vielen Formen des gnostischen Christentums. Wie früh es begann, lässt sich nicht sagen. Morton Smith, The Secret Gospel (1974)
Eine radikalere Interpretation im Internet zog den Schluss, dass Jesus und der unbekannte junge Mann in der Nacht eine sexuelle Beziehung eingegangen wären. [1] Die Implikation war, dass Jesus entweder homosexuell oder bisexuell orientiert gewesen sei. Allerdings ist diese Interpretation als anachronistisch zu bezeichnen, da das Altertum über das heutige psychologische Konzept der sexuellen Orientierung gar nicht verfügte. In der Antike haben geschlechtliche Handlungen zwischen zwei Männern nicht dazu geführt, diese als anders beziehungsweise als "schwul" einzuordnen. Die nächtliche Belehrung entspricht eher einem jüdischen Topos, wie er im Jubiläenbuch erhalten ist. Man wird nicht aus dem kanonischen Johannes Evangelium herauslesen können, das Lazarus der Lieblingsjünger Jesu ist. (Das Neue Testament und Frühchristliche Schriften; Klaus Berger und Christiane Nord; Frankfrut 1999, S.924)
In den Achtzigerjahren wurde das apokryphe Markus-Evangelium von der Adidam, einer für viele sexuelle Varianten offenen kalifornischen religiösen Gruppe in Hindu-Tradition vereinnahmt und publiziert. Der Guru der Bewegung meinte, Smith habe in diesem Brief das Herz-Meister-Da entdeckt, eine alte Bestätigung, dass auch Jesus ein Geisttäufer gewesen sei, der Jünger in den echten spirituellen Yoga-Vorgang eingeweiht habe.
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