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Mystik
aus Wikipedia
Begriffsbestimmung
Etymologie
Etymologisch lässt sich der Begriff Mystik von dem lateinischen mysticus: geheimnisvoll, geheim; bzw. dem griechischen Wort mystikos zu myein: (Augen und Lippen) schließen, herleiten.
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Definition, Zweck und Problemhorizont
Mystik bezeichnet Berichte und Aussagen über die Erfahrung einer höchsten Wirklichkeit. Diese wird oft, aber nicht notwendigerweise, als göttliche Erfahrung bezeichnet. Es läßt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob diese höchste Wirklichkeit in den unterschiedlichen Strömungen ein und dieselbe Erfahrung kennzeichnen.
Religionsgeschichtlich versteht man unter Mystik eine Sonderform religiösen Verhaltens, der mit einem bestimmten Frömmigkeitstypus verbunden ist.
Die mystische Gotteserfahrung ist auch in den mystischen Strömungen der abrahamitischen Hochreligionen bekannt, dort wird sie aber mit unterschiedlichen Begriffen wiedergegeben: Das Eine (Platonismus), göttliches Du (Kabbala, Gnosis, Sufismus).
In den Hochreligionen Buddhismus, Taoismus und im Jainismus werden mystische Erfahrungen einer letztendlichen Wirklichkeit ohne Bezug auf göttliche Wesenheiten formuliert und gedacht.
Von Mystik abgeleitet ist mystisch, ein oft im abwertenden Sinne gebrauchtes Adjektiv, das unverständliches, rätselhaftes und unsinniges Reden bezeichnet, aber oft auch nur „geheimnisvoll" bedeutet.
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Mystik im abendländischen Denken
Es seien hier Zeugnisse von oder über mystische Erfahrungen bekannter selbstkritischer Persönlichkeiten vorgestellt (Carl Friedrich von Weizsäcker , Bertrand Russell , Rupert Lay , Blaise Pascal , Paul Watzlawick ), um dem verbreiteten Vorurteil von vornherein entgegenzutreten, dass „Mystik“ eher spinnerte Erfahrungen von weltfernen Nonnen und Mönchen sei.
Dann seien diese Erfahrungen interpretiert und wissenschaftstheoretisch bezüglich ihres Wirklichkeitsgehaltes nach diskutiert.
Manche Menschen glauben nur deshalb an Gott, weil sie nicht akzeptieren wollen, dass der Mensch „seinen Platz wie ein Zigeuner am Rande des Universums hat, das für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden und Verbrechen“ (Jacques Monod), sondern weil sie die Hoffnung haben wollen, "dass es bei den geschichtlichen Ungerechtigkeiten nicht bleibt, dass der Mörder nicht über sein Opfer triumphiert" (Max Horkheimer), was nur möglich wäre, wenn es ein ewiges Leben gäbe. Manche Menschen glauben an Gott, weil sie kein aufgeklärt-egoistisches Moral-Ethos akzeptieren wollen sondern auch gesellschaftlich nach einem selbstlosen Moral-Ethos handeln wollen, das unter Umständen erhebliche Verzichte und Selbstopfer verlangt, wenn sie sich für die Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse einsetzen, und das nur dann nicht irrational für den sich für die Gesellschaft einsetzenden Einzelnen ist, wenn sie teilhaben an einem ewigen Leben (vollendeten Reich des Gewissens, vollendeten Reich der Zwecke, vollendeten Reich Gottes, Glückseligkeit). (Nähere Erläuterung hierzu unter dem Link „Postulatorische Glaubensbegründung“
Manche Menschen verbieten sich aber den Glauben an Gott, weil sie sich schämen, im Glauben einer Illusion anheim zu fallen. Für sie wäre der Glaube an Gott nur akzeptabel, wenn etwas von Gott wirklich erfahrbar wäre. Auf dieses Problem kann die Mystik eine gute Antwort geben. (Näheres hierzu unter dem Link „kritisch-rationale Glaubensbegründung“)
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Zur Schwierigkeit, über die höchste erfahrbare Wirklichkeit zu reden
Menschen, die die mystische Erfahrung gemacht haben, weisen darauf hin, dass kein Begriff und keine Aussage das Erfahrene auch nur annähernd beschreibt, "dass alle diese Vokabeln irreführender sind, wahrscheinlich irreführender, als wenn man darüber schlicht schweigt". (Carl Friedrich von Weizsäcker, Der Garten des Menschlichen. Beiträge zur geschichtlichen Anthropologie, Hanser 1978(5), 536)
Mystiker reden nicht gerne über ihre Erfahrung, weil alle zur Verfügung stehenden Begriffe und Aussagen dem Erfahrenen gegenüber viel mehr falsch als richtig sind. R. Lay beschreibt das so: "Diese Erfahrungserkenntnis Gottes [...] geht einher mit der Unfähigkeit, über Gott zu sprechen. Genauer: Jetzt weiß ein Mensch von einem Gott – aber sein Wissen muss sprachlos bleiben. Wenn er zu sprechen beginnt, weiß er, dass er über etwas anderes spricht, als über Gott. Und das ist ihm peinlich und unangenehm." (Rupert Lay, Credo. Wege zum Christentum in der modernen Gesellschaft, Langen-Müller/Herbig 1981, 93)
Von Thomas von Aquin, dem größten mittelalterlichen Theologen, wird berichtet, dass er alle seine Bücher verbrennen wollte, nachdem er diese Gotteserfahrung gemacht hatte, weil er eben erkennen musste, dass all die Begriffsinhalte des Wortes "Gott" mehr falsch als richtig sind für die Beschreibung dieser Erfahrung.
Buddha wollte das mystisch Erfahrene nicht Gott nennen, weil das, was man allzu oft unter Gott verstehe, die erfahrene höchste Wirklichkeit nicht sei. Denn diese höchste Wirklichkeit sei kein Wesen, das mit Verstand und Willen ausgestattet sei und handele, sondern die höchste Wirklichkeit sei einfach nur da als alles überstrahlender Friede und glückselige Wirklichkeit. Die höchste Wirklichkeit bewahre Menschen auch nicht vor Unglück oder befreie auch nicht aus Lebensgefahren, wenn man sie in Gebeten inständig darum bäte, sondern in der Welt geschehe viel unabänderliches Leid, und dennoch sei alles in dieser höchsten Wirklichkeit geborgen. Die höchste Wirklichkeit erschaffe auch nicht die vielen Weltdinge wie die Quelle einen Bach hervorbringe oder wie ein Künstler sein Kunstwerk erschaffe. Man wisse nichts darüber, wie das Entstehungsverhältnis sei von der letzten Wirklichkeit und den Weltdingen. Möglicherweise sei es auch so, dass das Universum zeitlich immer dauere, weil es ein Ausdruck der höchsten Wirklichkeit sei. Die höchste Wirklichkeit sei einfach da als souveräne, unantastbare, absolut erfüllende Wirklichkeit, die prinzipiell von Menschen wahrgenommen werden könne.
Das mystisch Erfahrene wird manchmal als Leerheit (Nichts) beschrieben. Das bedeutet nicht, dass das mystisch Erfahrene nichts wäre, sondern Leerheit besagt, dass das mystisch Erfahrene nicht wie die Weltdinge aus mehreren Einzelheiten zusammengesetzt ist und deshalb im Vergleich zur Welt Leerheit genannt werden kann. Das mystisch Erfahrene wird aber auch als Wirklichkeit beschrieben, in der es kein Leid, keinen Tod und keine Entwicklung mehr gibt, die eine absolute Erfüllung und Seligkeit bedeutet – aber ganz anders, als man sich Glückseligkeit vorstellen kann und zu sagen wüsste.
Das mystisch Erfahrene ist aber so gewaltig und wunderbar, dass theistisch geprägte Menschen dafür kein anderes Wort haben als das Wort für die höchste Wirklichkeit, das Wort Gott. Atheistisch geprägte Menschen, die die mystische Erfahrung gemacht haben, werden diese Erfahrung eher aussagen als die Erfahrung der wahren Natur allen Seins, als die tiefe kosmische Einheit aller Dinge. Denn die höchste Wirklichkeit kann nur in den Begriffen und Vorstellungsformen erfahren und ausgesagt werden, die durch die Sozialisation im Bewusstsein vorhanden sind. Theistisch geprägte Menschen werden gegenüber einer nicht-theistischen Beschreibungsweise kritisch fragen, warum man die absolute Erfüllung gebende Wirklichkeit nur als tiefe naturhafte Weltkraft oder als unpersönlich-kosmischen Weltgrund aussagt und nicht als überpersonale göttliche Wirklichkeit.
Man darf sich nicht vorstellen, dass man in der mystischen Erfahrung Gott erfährt als ein sichtbares Gegenüber, wie man es sonst von der weltlichen Objekterkenntnis her kennt. Von einer "direkten" Erfahrung Gottes kann also insofern nicht die Rede sein, als das Ich diesem Höheren nicht gegenübersteht, sondern umfasst wird von diesem Höheren. Das Ich erfährt "nur", dass es grenzenlos in etwas anderem geborgen ist. Primär erfährt es also eine Wirklichkeit über sich selbst. "Nur" sekundär erfährt es Gott "direkt", inso-fern das Ich mit-wahrnimmt, in was es geborgen ist. Man kann also sagen, Gott selbst sei unsichtbar (vgl. 1 Tim 6,16: "Gott, der in unzugänglichem Licht wohnt, den kein Mensch gesehen hat.").
Zum Problem des vernünftigen Sprechens über Gott siehe Näheres unter dem Link „Analogielehre – vernünftig über Gott sprechen? (Sprachphilosophie und Theologie)“
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Mystische Erfahrung Carl Friedrich von Weizäckers
Text aus: Carl Friedrich von Weizsäcker, Der Garten des Menschlichen. Beiträge zur geschichtlichen Anthropologie, Hanser 1978 (5), 592, 593, 595f.
Bis zu meinem vierzigsten Jahr war "das moralische Gesetz über mir". Ich wusste, was von mir verlangt wurde, und tat es nicht. Ich wusste, dass die Menschheit in die Katastrophe treibt, und dass ihr nur helfen kann, wer diesen Weg geht. Mit Depressionen quittierte ich, dass ich zur "Stütze der Gesellschaft" wurde. Eine persönliche Krise, in der ich an Menschen schuldig wurde, befreite mich. Mit einem Schlag sah ich den persönlichen Ehrgeiz im Selbstanspruch der Vollkommenheit, im Postulat, der Welt zu helfen. Ich erfuhr, dass es eine innere Stimme gibt, die eindeutig und unmittelbar verständlich lehrt, wenn wir sie unter völligem Verzicht auf Eigenwillen fragen; sie fordert, wo es am meisten wehtut, und sie tröstet, wo wir es nicht erhofft hätten. Ich schränkte mich auf den engsten Kreis der Pflichten ein, opferte den Ehrgeiz der Erkenntnis und der Politik. Und dann kam der erste Durchbruch zur philosophischen Physik und zur politischen Wirkung. [...] Der Bericht über Erfahrungen muss [...] noch einen Schritt weitergeführt werden. Vor nun zwanzig Jahren sagte mir ein Besucher [...], um der hochnotwendigen Verbindung zwischen östlicher Weisheit und westlicher Wissenschaft willen solle ich den Kontakt mit bestimmten indischen Weisen suchen. Ich antwortete spontan, dies sei in mir nicht reif, und kein Willensakt sei hier von Nutzen. Ich sei überzeugt, dass die Inder Wahrheit lehren, und wenn ihre Lehre wahr sei, so sei auch wahr, dass das tiefere Selbst die Bewegung macht, wenn sie an der Zeit ist. Sie würde mir zur rechten Zeit begegnen. In dieser Haltung blieb ich lange. [...] Der Leser möge entschuldigen, dass ich das, was nicht zu schildern ist, nicht eigentlich schildere, und doch davon spreche; denn andernfalls hätte ich diesen Lebensbericht nicht beginnen dürfen. Als ich die Schuhe ausgezogen hatte und im Ashram vor das Grab des Maharshi trat, wusste ich im Blitz: "Ja, das ist es." Eigentlich waren schon alle Fragen beantwortet. Wir erhielten im freundlichen Kreis auf grünen großen Blättern ein wohlschmeckendes Mittagessen. Danach saß ich neben dem Grab auf dem Steinboden. Das Wissen war da, und in einer halben Stunde war alles geschehen. Ich nahm die Umwelt noch wahr, den harten Sitz, die surrenden Moskitos, das Licht auf den Steinen. Aber im Flug waren die Schichten, die Zwiebelschalen durchstoßen, die durch Worte nur anzudeuten sind: "Du"- "Ich"-"Ja". Tränen der Seligkeit. Seligkeit ohne Tränen. Ganz behutsam ließ die Erfahrung mich zur Erde zurück. Ich wusste nun, welche Liebe der Sinn der irdischen Liebe ist. Ich wusste alle Gefahren, alle Schrecken, aber in dieser Erfahrung waren sie keine Schrecken. Sollte ich nun immer hier bleiben? Ich sah mich wie eine Metallkugel, die auf eine blanke Metallfläche fällt und, nach der Berührung eines Augenblicks, zurückspringt, woher sie kam. Ich war jetzt ein völlig anderer geworden: der, der ich immer gewesen war [...]. Mit unendlicher Sanftheit verließ mich langsam die Erfahrung in den kommenden Tagen und Wochen. Ihre Substanz ist immer bei mir. Ohne sie hätte ich die Erstickungserlebnisse jener Jahre vielleicht nicht bestanden.
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