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Mystische Erfahrung als Feuer
Zum Text: Den folgenden berühmten Text nennt man >Memorial< (Erinnerungsblatt). Es handelt sich um einen beschriebenen schmalen Pergamentstreifen, den Pascal bis zu seinem Tod offensichtlich immer wieder neu in das Futter seines Rockes eingenäht hatte, und der nach Pascals Tod von einem Diener zufällig entdeckt wurde. Pascal trug diesen Zettel immer bei sich; diese mystische Erfahrung musste ihm also sehr viel bedeutet haben. In stammelnden Worten, Rufen und mit langen Gedankenstrichen beschreibt sie Pascal. Inhaltlich sagt er, dass Gott nicht über das Denken zu finden sei in philosophischen Gottesbeweisen ("nicht der Gott der Philosophen und Gelehrten"), sondern dass Gott eine Erfahrung sei wie Feuer, wobei er mit seinen Worten auf die Erzählung vom brennenden Dornbusch ausdrücklich anspielt (Ex 3,6: "Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs").
Jahr der Gnade 1654
Montag, den 23. November, Tag des heiligen Klemens, Papst und Märtyrer, und anderer im Martyrologium. Vorabend des Tages des heiligen Chrysogonos, Märtyrer, und anderer. Seit ungefähr abends zehneinhalb bis ungefähr eine halbe Stunde nach Mitternacht
Feuer
"Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs", nicht der Philosophen und Gelehrten. Gewissheit, Gewissheit, Empfinden: Freude, Friede.
Gott Jesu Christi
Deum meum et Deum vestrum. "Dein Gott wird mein Gott sein"- Ruth - Vergessen von der Welt und von allem, außer Gott. Nur auf den Wegen, die das Evangelium lehrt, ist er zu finden.
Größe der menschlichen Seele
"Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich." Freude, Freude, Freude und Tränen der Freude. Ich habe mich von ihm getrennt. Dereliquerunt me fontem aquae vivae.
"Mein Gott, warum hast du mich verlassen." Möge ich nicht auf ewig von ihm geschieden sein.
"Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesum Christum, erkennen."
Jesus Christus!
Jesus Christus!
Ich habe mich von ihm getrennt, ich habe ihn geflohen, mich losgesagt von ihm, ihn gekreuzigt. Möge ich nie von ihm geschieden sein. Nur auf den Wegen, die das Evangelium lehrt, kann man ihn bewahren.
Vollkommene und liebevolle Entsagung. Vollkommene und liebevolle Unterwerfung unter Jesus Christus und meinen geistlichen Führer. Ewige Freude für einen Tag geistiger Übung auf Erden. Non obliviscar sermones tuos. Amen.
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Mystische Erfahrung als Zeitlosigkeit
Text aus: Paul Watzlawick, Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Wahn – Täuschung – Verstehen, R. Piper & Co. Verlag 1987(15), 235-237
Die ewige Gegenwart ... quia tempus non erit amplius. (. . . dass hinfort keine Zeit mehr sein soll.) Offenbarung 10,6
Wenn Öl aus einem Behälter in einen anderen gegossen wird, fließt es in einem Strahl von vollkommener Glätte und Stille. Für den Beobachter liegt etwas Faszinierendes im gläsernen, regungslosen Wesen dieses raschen Flusses. Ist es vielleicht deswegen, weil er uns archetypisch an jenen Aspekt der Zeit gemahnt, dessen Geheimnisse noch größer sind als die der Vergangenheit und Zukunft? Zwischen diesen beiden unendlich langen Zeiträumen, die sich in entgegengesetzte Richtungen erstrecken, liegt der unendlich kurze Augenblick der Gegenwart. Er stellt sowohl unser unmittelbarstes wie auch unerfassbarstes Erlebnis der Zeit dar. Die Gegenwart hat keine Länge und ist dennoch der einzige Zeitpunkt, an dem das, was geschieht, geschieht, und sich ändert, was sich ändert. Sie wird zur Vergangenheit, bevor wir uns ihrer gewahr sind, und doch, da jeder gegenwärtige Augenblick vom nächsten gegenwärtigen Augenblick gefolgt ist, ist das Jetzt unsere einzige direkte Erfahrung der Zeit – daher das zenbuddhistische Gleichnis des Ölstrahls. Wir sahen bereits, dass [...] wir die Zeit als vierte Dimension nicht begreifen können, außer im Bilde des Fließens. Wir können das Wesen der Zeit nicht als »ganz, einzigartig, unbewegt, zusammenhängend« in Parmenides' Sinn erfassen, außer unter höchst ungewöhnlichen Umständen und für kurze, blitzartige Momente. Zu Recht oder Unrecht werden diese Momente als mystische bezeichnet. Es gibt in der Weltliteratur zahllose Beschreibungen dieses Erlebnisses, und wie verschieden diese Schilderungen in jeder anderen Hinsicht auch sein mögen, scheinen sich ihre Autoren darüber einig zu sein, dass sie irgendwie zeitlos und wirklicher als die Wirklichkeit sind. [...] Doch die ewige Gegenwart wird kaum je ohne die Verzerrungen und Überlagerungen durch frühere Erfahrung und durch Zukunftserwartungen erlebt. Wie dieses Buch zu zeigen versuchte, können Annahmen, Dogmen, Prämissen, Aberglauben, Hoffnungen und dergleichen wirklicher als die Wirklichkeit werden und jenes Gewebe von Illusionen erzeugen, das die indische Philosophie maja nennt. Ziel des Mystikers ist daher die Befreiung aus der Befangenheit in Vergangenheit und Zukunft. »Der Sufi«, schreibt der persische Dichter Dschelal ed-Din Rumi, »ist der Sohn der gegenwärtigen Zeit.« [...] Sowohl Zustände großer Gelöstheit und Erfüllung, als – paradoxerweise – auch Augenblicke großer Gefahr können dieses Erlebnis herbeiführen. Koestler erlebte es in der Todeszelle eines spanischen Gefängnisses, während er sich mit der Eleganz des Euklidischen Beweises beschäftigte, dass die Zahl der Primzahlen unendlich groß ist: "Die Bedeutung dieser Erkenntnis schlug über mir zusammen wie eine Welle. Die Welle war einer artikulierten verbalen Einsicht entsprungen, die sich aber sofort verflüchtigt hatte und nur einen wortlosen Niederschlag zurückließ, einen Hauch von Ewigkeit, ein Schwingen des Pfeils im Blauen. Ich muß so einige Minuten verzaubert dagestanden haben, in dem wortlosen Bewusstsein: »das ist vollkommen – vollkommen«. [. . .] Dann wurde mir, als glitte ich, auf dem Rücken liegend, in einem Fluss des Friedens unter Brücken des Schweigens. Ich kam von nirgendwo und trieb nirgendwo hin. Dann war weder der Fluss mehr da noch ich. Das Ich hatte aufgehört zu sein. [. . .] Wenn ich sage »das Ich hatte aufgehört zu sein«, so beziehe ich mich auf ein konkretes Erlebnis, das in Worten so wenig ausdrückbar ist wie die Empfindungen, die durch ein Klavierkonzert ausgelöst werden, das aber genau so wirklich ist – nein, sehr viel wirklicher. Tatsächlich ist sein wichtigstes Kennzeichen der Eindruck, dass dieser Zustand viel wirklicher ist als irgendein je zuvor erlebter – [Arthur Koestler, Die Geheimschrift. Bericht eines Lebens, 1933 bis 1940. Verlag Kurt Desch 1954, 374]. Und hier liegt die endgültige Paradoxie. Wer immer versuchte, das Erlebnis der ewigen Gegenwart in Worte zu kleiden, fand, dass Worte dafür unzureichend sind. »Der Sinn, den man ersinnen kann, ist nicht der ewige Sinn; der Name, den man nennen kann, ist nicht der ewige Name«, schrieb Laotse vor 2500 Jahren. Als Meister Shint'ou gefragt wurde, was der letzte Inhalt des Buddhismus sei, antwortete er: »Ihr werdet ihn nicht verstehen, solange ihr ihn nicht habt.« Wenn man ihn aber einmal erfasst hat, bedarf er offensichtlich keiner Erklärung mehr. Und Wittgenstein, der seine Erforschung der Wirklichkeit bis an die Grenzen menschlichen Verständnisses vortrieb, schloss seine »Logisch-Philosophischen Abhandlungen« mit dem berühmten Satz: »Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.« Hier also sei dieses Buch beendet.
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Mystik als Liebe
Text aus: Bertrand Russell, Mein Leben I, Europa Verlag, 9 f und 50-52, in: Konzepte, Heft 1, Materialien für den Religionsunterricht in der Sekundarstufe II, Kösel-Verlag 1978, 8 f.
In diesem Alter begann ich (mit fünfzehn – d. Verf.), die vermeintlich auf Vernunft beruhenden Argumente für die grundlegenden Glaubenssätze des Christentums einer systematischen Untersuchung zu unterziehen. Endlose Stunden brachte ich mit dem Grübeln darüber hin; ich konnte jedoch mit keinem Menschen darüber sprechen aus Angst, schmerzliche Gefühle zu erwecken. Sowohl unter dem allmählichen Verlust des Glaubens wie unter dem Zwang zu schweigen litt ich heftig. [...] Zwei Jahre später gelangte ich zu der Überzeugung, dass es kein Leben nach dem Tode gibt; aber ich glaubte immer noch an Gott, weil mir das Argument der »Ersten Ursache« (Näheres unter Gottesbeweise; Kausalbeweis – d. Verf.) unwiderlegbar schien. Mit achtzehn jedoch, kurz bevor ich nach Cambridge ging, las ich Stuart Mills Autobiography und darin fand ich eine Stelle des Inhalts, sein Vater habe ihn gelehrt, auf die Frage: »Wer hat mich geschaffen?« gebe es keine Antwort, weil diese Frage sofort zu der weiteren führe: »Und wer hat Gott geschaffen?« Dies brachte mich dazu, Begriff und Beweis der »Ersten Ursache« fallenzulassen und Atheist zu werden. Während der langen Zeit des religiösen Zweifels machte mich der allmähliche Verlust des Glaubens höchst unglücklich, aber als dann reiner Tisch gemacht war, merkte ich zu meiner Überraschung, dass ich durchaus froh war, die ganze Sache hinter mir zu haben. [...] Drei einfache, doch übermächtige Leidenschaften haben mein Leben bestimmt: das Verlangen nach Liebe, der Drang nach Erkenntnis und ein unerträgliches Mitgefühl für die Leiden der Menschheit. Gleich heftigen Sturmwinden haben mich diese Leidenschaften bald hier-, bald dorthin geweht in einem launenhaften Zickzackkurs über ein Weltmeer von Qual hinweg bis zum letzten Rand der Verzweiflung. Nach Liebe trachtete ich, einmal, weil sie Verzückung erzeugt, eine Verzückung so gewaltig, dass ich oft mein ganzes, mir noch bevorstehendes Leben hingegeben haben würde für ein paar Stunden dieses Überschwangs. Zum andern habe ich nach Liebe getrachtet, weil sie von der Einsamkeit erlöst, jener entsetzlichen Einsamkeit, in der ein einzelnes erschauerndes Bewusstsein über den Saum der Welt hinabblickt in den kalten, leblosen, unauslotbaren Abgrund. Und letztens habe ich nach Liebe getrachtet, weil ich in der liebenden Vereinigung, in mystisch verkleinertem Abbild, die Vorahnung des Himmels erschaute, wie er in der Vorstellung der Heiligen und Dichter lebt. Danach habe ich gesucht und, wiewohl es zu schön erscheinen mag für ein Menschenleben: ich habe es – am Ende – gefunden. Mit gleicher Leidenschaft habe ich nach Erkenntnis gestrebt. Ich wollte das Herz der Menschen ergründen. Ich wollte begreifen, warum die Sterne scheinen. Ich habe die Kraft zu erfassen gesucht, durch die nach den Pythagoreern die Zahl den Strom des Seins beherrscht. Ein wenig davon, wenn auch nicht viel, ist mir gelungen. Liebe und Erkenntnis, soweit sie erreichbar waren, führten empor in himmlische Höhen. Doch stets brachte mich das Mitleid wieder zur Erde zurück. Widerhall von Schmerzensgeschrei erfüllt mein Herz: Verhungernde Kinder, gefolterte Opfer von Unterdrückern, hilflose alte Menschen, ihren Kindern zur verhassten Bürde geworden – die ganze Welt der Verlassenheit, der Armut, des Leids, all das macht ein hohnvolles Zerrbild aus dem, was Menschenleben eigentlich sein soll. Es verlangt mich danach, dem Übel zu steuern, allein ich vermag es nicht, und so leide auch ich. So war mein Leben. Ich habe es lebenswert gefunden, und ich würde es mit Freuden noch einmal leben, wenn sich mir die Möglichkeit böte.
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Erkenntnistheoretische Erörterung der mystischen Erfahrung
Man kann sich nun fragen, ob die mystische Erfahrung eine Halluzination ist. Halluzinationen sind Bilderlebnisse, die unsere Psyche im Wachzustand produziert. In Halluzinationen nimmt man also nichts außerhalb des Bewusstseins wahr, sondern unser Bewusstsein produziert von sich aus Bilder und Vorstellungen, ohne dass dabei etwas in der Wirklichkeit entspricht. In Halluzinationen läuft unser Bewusstsein sozusagen leer, es arbeitet ohne Wirklichkeitsbezug.
Darauf ist zunächst einmal zu antworten, dass die mystische Gotteserfahrung weder eine Erfahrung im schlafenden Zustand ist, noch eine im trancehaften Zustand, sondern sie ist eine Erfahrung, bei der man extrem wach ist: hoch konzentriert, die Umwelt wahrnehmend, wenig denkend, sehr stark wahrnehmend. (Vgl. den oben stehenden Erlebnisbericht von C. F. v. Weizsäcker.)
Zweitens ist darauf zu sagen, dass zwar in manchen schizophrenen Geisteszuständen von Geister- und Engelerscheinungen berichtet wird oder Menschen versichern, Gott habe zu ihnen gesprochen. Doch gibt es einen entscheidenden Unterschied: Die mystische Erfahrung führt zu einer Neubewertung und Umorganisation aller wichtigen handlungsleitenden Motive, Affekte, Welt- und Selbstbildvorstellungen, die eine erheblich verbesserte Konfliktfähigkeit erlauben. Sehr wohl kann man beim Meditieren visionäre Erlebnisse haben. Denn die Meditation ist auch ein Sich-Einlassen auf das Unbewusste, aus dem dabei Bild-Erlebnisse auftauchen können. Aber die Gotteserfahrung ist keine Meditation, sondern die Meditation dient nur der Vorbereitung der Erfahrung der göttlichen Letzt-Wirklichkeit.
Drittens ist zu sagen, dass alles, was sich von Gott wahrnehmen lässt, nur Bilder der menschlichen Seele von Gott sein können, nie von Gott an sich, wie er unabhängig vom wahrnehmenden Bewusstsein existiert. „So wie man eine Blume auf der Wiese oder eine Wolke am Himmel nur vermittels der optischen Gesetze des menschlichen Auges wahrnehmen kann, so kann auch die Erscheinung des Heiligen psychisch nur nach den Gesetzen der menschlichen Psyche erfolgen.“(Eugen Drewermann, Tiefenpsychologie und Exegese, Band II, 1989 (5), 402) Und so wie man die Wahrnehmung (Erscheinung) von Blumen auf der Wiese nicht einfach für die Realität halten kann, sondern für ein farbiges Bild unserer Netzhaut, Augennerven und sy-naptisch verbunden Neuronen unseres Gehirns von einer unfarbigen Realität, so kann man auch die psychische Ebene der Erfahrung des Göttlichen nicht einfach mit dem wahrgenommenen Göttlichen identifizieren. „Wenn im Herbst die Mönchsgrasmücken (Vogelart – d. Verf.) sich auf den Weg nach Süden begeben, so orientieren sie sich nach den Bildern der Sterne, die, noch ehe sie aus dem Ei schlüpfen, in ihren kleinen Köpfen eingeschrieben sind. Wohlgemerkt, es gibt »objektiv« so etwas wie »Sternbilder« gar nicht; es gibt nur Fixsternsonnen, die um Millionen von Lichtjahren voneinander getrennt, sich vor dem Wirbeltierauge in bestimmten Mustern anordnen; und dennoch haben gerade diese Bilder sich bis in das Erbgut der Tiere eingegraben, um, wenn die Zeit gekommen ist, den Vögeln über Wälder und Weiten, über Gebirge und Meere den Weg nach Süden, zurück in ihre wärme Heimat, zu zeigen. Ganz ähnlich wird man die Bilder betrachten dürfen, die den Visionären und Propheten zuteil werden: es handelt sich um Formen und Inhalte der Anschauung, die der Seele eines jeden Menschen angeboren sind, sie sind nicht subjektiv ersonnen, aber sie sind deshalb auch nicht schon eine außerpsychische Wirklichkeit an sich; ja im Grunde vermitteln sie ein Bild von der Wirklichkeit, das allenfalls in analogem Sinn als zutreffend gelten darf.“ (AaO. 320)
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| Zusammenfassend gesagt, begegnet einem in der mystischen Erfahrung das Göttliche genau in den Bildern und Begriffen, die einem in seinem Kul-turkreis bekannt sind: als Licht, als Eins, als Nirwana, liebendes Du... Nun kann man aber daraus nicht skeptisch schlussfolgern, dass einem in der mystischen Erfahrung nur die im Bewusstsein gespeicherten Kulturinhalte begegnen und nicht Gott. Denn wie jede Wirklichkeit auch, so begegnet einem das Göttliche in den Begriffen und Vorstellungsformen, die dem Bewusstsein durch seine individuell-soziale und individuell-kulturelle Prägung zugänglich geworden sind.
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