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Mystik












Viertens lässt sich der skeptische Einwand, die mystische Erfahrung sei nur eine Halluzination, so wenig entkräften, wie der Einwand, dass man nicht sicher sein könne, jetzt nicht zu träumen, weil man jeden Hinweis auf die Unterschiede von Traumbewusstsein und Wachbewusstsein – das Zeit- Raum- und Kausalerleben ist sehr unterschiedlich – mit dem Hinweis abtun kann, dass man auch einmal einen Traum haben kann, in dem die Traumwirklichkeiten sich wie die Realität verhalten. Aber so, wie man weiß, dass man nicht träumt, wenn man im Wachzustand ist, so weiß man, dass die mystische Erfahrung keine Halluzination ist, wenn man die göttliche Wirklichkeit wahrge-nommen hat; nur beweisen lässt sich das nicht, sondern nur erfahren – so wenig wie man beweisen kann, sondern nur erfahren kann, dass man jetzt beim Lesen dieser Worte nicht träumt. Letztlich muss man den Wahrnehmungen durch die Sinne glauben, dass sie uns nicht systematisch in die Irre führen und tatsächlich realen Wirklichkeiten ähneln – wenngleich auch in erheblichen Wahrnehmungsunschärfen. Wer aber das Urteil der Sinne nicht gelten lässt, sondern denkt, die Wahrnehmung sei ein Gespinst, mit dem kann man letztlich nicht über die Realität des Wahrgenommenen reden, weil er den Realitätsgehalt dieser Wahrneh-mung überhaupt leugnet. Man kann allenfalls noch gegenüber einem Skeptiker zurückfragen, was er denn erwarte, um von der Existenz Gottes überzeugt zu werden. Welche Tatsache könnte einen Skeptiker überzeugen, so dass er an Gott glaubte? Wie müsste Gott erscheinen, um akzeptiert zu werden? Und der Skeptiker wird nichts Sinnvolles auf diese Frage zu antworten wissen. Skepsis gegen den Skeptizismus ist also höchst angebracht, weil die Leugnung der Realität (Außenwelt) der Wahrnehmung sich durch keine guten Gründe nahelegt. Welche Annahmen aufgrund welcher Argumente vernünftig oder unvernünftig sind, entscheiden letztlich also methodologische Argumente. (Näheres hierzu unter dem Link „Wissenschafts-Methodologie“)

Wie will man die mystische Erfahrung erklären? Hierzu schreibt C.F.v. Weizsäcker: "»Selig, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen.« (Mt 5, Im Herzen sollen wir rein sein. Das Herz – das sind die Affekte. Wir finden uns aber unreinen Herzens vor. Wie können wir im Herzen rein werden? Das Entscheidende wird das Verlangen nach Reinheit sein, eben das Hungern und Dürsten ...(das Bitten und Betteln um den Geist der Liebe, des Vertrauens, des Nicht-Verhärtens... – d. Verf.). Wenn die Affekte Organe unserer Wahrnehmung sind, so ist es vernünftig, für möglich zu halten, dass die gereinigten Affekte den Raum freimachen für eine Wahrnehmung des Höchsten." (Carl Friedrich von Weizsäcker, Der Garten des Menschlichen. Beiträge zur geschichtlichen Anthropologie, Hanser 1978 (5), 499 )
Praktische Anwendung christlicher Mystik
Gebet in Form von aufrichtig gemeinter Fürbitte für die Mit-Menschen, aber auch Bitten um die göttliche Gnade der Erkenntnis, soweit sie für einen selber "richtig" ist (Dein, nicht mein Wille geschehe.) sowie unabdingbar: konsequentes an den Vorgaben Gottes Dran-bleiben-Wollen, auch bei zeitweiligem eigenem Versagen aus menschlicher Schwäche, soll dabei "Stein der Weisen" sein.
Praxis buddhistischer Mystik
In der buddhistischen Mystik, die insbesondere im Mahayana -und Vajrayana verbreitet ist, geht es wie bei allen buddhistischen Schulen nicht um direkte Erfahrung eines göttlichen Wesens, vielmehr ist die Natur des Geistes des Praktizierenden selbst jenseits von Dualität. Sie wird jedoch aufgrund einer temporären Verschleierung nicht als solche erkannt. Aus dieser Nichterkenntnis, auch grundlegende Unwissenheit genannt, entsteht die Vorstellung eines unabhängig von anderen Phänomenen existierenden Ichs und damit geht das Auftreten der Geistesgifte Verwirrung/Dummheit, Hass, Gier, Neid und Stolz einher, die Ursache allen Leidens. Ziel aller Praxis ist es, die Geistesgifte in ursprüngliche Weisheit umzuwandeln, die Ich-Vorstellung aufzulösen und die den unerleuchteten Wesen eigene Aufspaltung der Phänomene in Subjekt und Objekt zu überwinden. Die den fühlenden Wesen innewohnende, bis dahin verschleierte Buddhanatur wird spontan, als immer schon grundlegend vorhanden erkannt. Einen Menschen, der dieses erreicht, nennt man erleuchtet oder schlicht Buddha. Um dies zu erreichen benutzen Buddhisten Praktiken wie Meditation, Gebet, Opferdarbringungen, verschiedene Yogas und spezielle tantrische Techniken.
Praxis islamischer Mystik
Die Sufis (islamische Mystiker) glauben, daß Gott in jeden Menschen einen göttlichen Funken gelegt hat, der im tiefsten Herzen verborgen ist. Gleichzeitig wird dieser Funke auch durch die Liebe zu allem, was nicht Gott ist, verschleiert, genauso wie durch die Aufmerksamkeit gegenüber den Banalitäten der (materiellen) Welt, sowie durch Achtlosigkeit und Vergeßlichkeit. Laut des Propheten Muhammad sagt Gott zu den Menschen: „Es gibt siebzigtausend Schleier zwischen euch und Mir, aber keinen zwischen Mir und euch.“

Die meisten Sufis praktizieren deshalb eine tägliche Übung namens Dhikr, das bedeutet Gedenken (also Gedenken an Gott, bzw. Dhikrullah). Dabei rezitieren sie bestimmte Stellen aus dem Koran und wiederholen eine bestimmte Anzahl der göttlichen Attribute (im Islam neunundneunzig). Darüber hinaus kennen die meisten sufischen Orden (Tariqas) ein wöchentliches Zusammentreffen in sogenannten Tekkes, bei dem neben der Pflege der Gemeinschaft und dem gemeinsamen Gebet ebenfalls ein Dhikr ausgeführt wird. Je nach Orden kann dieser Dhikr auch Musik, bestimmte Körperbewegungen und Atmungsübungen beinhalten.
Moderne religionsunabhängige Mystik
Seit Carl Gustav Jung wird Mystik immer mehr zu einer religionsunabhängigen inneren Kontemplation jenseits der Spaltung in verschiedene Konfessionen und Religionsbekenntnisse. Vorbild dazu ist der Schweizer Mystiker Niklaus von Flüe (Bruder Klaus), gemäss Carl Gustav Jung »der einzige hervorragende schweizerische Mystiker von Gottes Gnaden, [der] unorthodoxe Urvisionen hatte und unbeirrten Auges in die Tiefen jener göttlichen Seele blicken durfte, welche alle, durch Dogmatik getrennten Konfessionen der Menschheit noch in einem symbolischen Archetypus vereinigt enthält« [Ges. Werke, 11, § 487].

In ihrem Buch Die Visionen des Niklaus von Flüe zeigt Marie-Louise von Franz, wie die Visionen dieses mittelalterlichen Mystikers ihn dazu drängten, sein christliches mit einem heidnisch-germanischen Gottesbild zu verbinden. Es lassen sich darin aber auch Elemente des mystischen Islam (Sufismus), des mystischen Hinduismus und Buddhismus (Tantrismus) und des mystischen Judentums (Kabbala) nachweisen (vgl. Weblinks).
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