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Ein verschlagener Schurke wurde mit der Erziehung einiger Waisen betraut. Wie er nun merkte, daß Kinder gewisse Stärken und Schwächen haben, beschloss er, seinen Vorteil aus dieser Erkenntnis zu schlagen. Statt sie zu lehren, sich Kenntnisse anzueignen, machte er ihnen weiß, sie besäßen diese bereits. Dann brachte er ihnen bei, manches zu tun und anderes zu lassen, so dass sie blindlings seiner Führung vertrauten. Er offenbarte ihnen nie, dass er eigentlich beauftragt war, sie darin zu unterweisen, wie sie sich selbst etwas lehren konnten.
Als die Kinder heranwuchsen, fiel ihm auf, dass einige sich trotz all seiner Bemühungen von seiner Autorität losgesagt hatten, während die anderen ihm weiterhin anhingen.
Da wurde ihm die Leitung einer zweiten Waisenschule übertragen. Von diesen Kindern verlangte er nun nicht strikten Gehorsam und Respekt. Statt dessen unterwarf er sie seinem Willen, indem er ihnen erzählte, Erziehung ziele einzig auf geistige Entwicklung ab, und indem er ihren Eigendünkel stärkte. "Der Geist", sagte er ihnen, "wird euch das allumfassende Verständnis vermitteln."
"Das muss wahr sein," dachten die Kinder. "Warum sollten wir auch nicht in der Lage sein, alle Probleme selbst zu lösen?"
Er stützte seine These durch anschauliche Beispiele. "Dieser Mann", erklärte er, "ist ein Sklave seiner Gefühle. Ein schrecklicher Fall! Nur der Verstand kann die Gefühle unter Kontrolle halten. Jener Mann hingegen lässt sich von seinem Verstand leiten. Wieviel glücklicher er doch ist, so losgelöst von Gefühlsregungen!"
Er sorgte dafür, daß die Kinder gar nicht erst auf die Idee kamen, es gäbe eine Alternative zu der Wahl zwischen Gefühl und Verstand, die Intuition nämlich, die allerdings von beiden verdrängt oder verwischt werden konnte. Trat sie einmal in Erscheinung, tat er sie stets als irrelevanten Zufall oder reine Vermutung ab. Es gibt zwei Arten von "Gewohnheit": Die eine entsteht durch bloße Wiederholung, die andere durch die mit Gefühl und Verstand einhergehende Intuition. Aber da die intuitive Gewohnheit mit der wahren Wirklichkeit verbunden ist, ließ der hinterlistige alte Mann sie einfach zugunsten der wiederholenden Gewohnheit fallen.
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Nichtsdestoweniger wollte es einigen Kindern so scheinen, als paßten gewisse wundersame Aspekte des Lebens nicht in dieses bruchstückhafte Schema, und sie fragten ihn, ob nicht etwas anderes daran ungenannt bliebe, irgendeine geheime Kraft. Daraufhin erklärte er einem Teil der Fragesteller: "Aber nein! Eine solche Regung ist purer Aberglaube und beruht auf Fehlern im Denkprozess. Meßt bloss dem zufälligen Zusammentreffen keine Bedeutung bei. 'Zufall' ist nurmehr ein Synonym für Unfall und mag vielleicht von emotionalem Interesse sein, entbehrt jedoch jeder geistigen Bedeutung."
Einer anderen Schar wiederum sagte er: "Ja, das Leben beinhaltet mehr, als ihr je begreifen werdet; denn es ist nicht durch die ehrliche Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse zu erlangen, wie ich sie euch vermittelt habe oder wie ihr sie unter meiner Leitung zu sammeln imstande wart."
Er achtete allerdings darauf, daß die beiden Gruppen nie Vergleiche anstellten und daran merkten, daß er widersprüchliche Antworten gegeben hatte. Fortan sorgte er dafür, daß unerklärliche Ereignisse, von denen ihm die Kinder berichteten, als wissenschaftlich nicht stichhaltig in Vergessenheit gerieten.
Er wusste, daß die Kinder ohne Rückgriff auf die Intuition nie aus dem unsichtbaren Netz entkommen konnten, in das er sie verstrickt hatte, und daß die intuitive Kenntnis von Geheimnissen, die er von ihrer Erziehung ausgeschlossen hatte, nur zu erlangen war, wenn sich ihr Geist in einer gewissen Übereinstimmung mit dem Gefühl befand. Also lehrte er sie, Unterschiede in ihrer geistigen Verfassung zu ignorieren; denn sobald sie merkten, daß sich die Auffassungsgabe von Stunde zu Stunde änderte, konnten sie ahnen, wieviel er vor ihnen verborgen hielt. Sein Programm verwischte ihre Erinnerung an die Intuitionen, die ihnen vergönnt gewesen waren, und sie beschlossen, innerhalb der verstandesmässigen Grenzen zu denken, die er für sie aufgestellt hatte.
Die Kinder, die der Schuft in seiner ersten Schule irregeleitet hatte, waren inzwischen erwachsen, und da er sie dem Erfassen der wahren Natur des Lebens ein wenig näher gebracht hatte, ließen sie ab und zu gegenüber den Mitgliedern der zweiten Schule gewisse Bemerkungen fallen, die deren Glauben an die wissenschaftliche Wahrheit erschütterten. Darum versammelte er eilends diejenigen von der ersten Schule, die ihm noch treu ergeben waren, und sandte sie aus, unverständliche Lehren vorzutragen, die angeblich den verborgenen Mechanismus des Lebens erklärten. Sodann lenkte er die Aufmerksamkeit der zweiten Schule auf diese Lehrer und sagte: "Hört gut zu, aber vergesst nie, euren Verstand zu gebrauchen."
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Die intellektuell geschulten Kinder fanden bald heraus, daß sie aus diesen Lehren nichts lernen konnten, und sagten. "Sie widersprechen aller Logik. Nur mit logischem Denken stehen wir auf festem Boden."
Doch ein paar Angehörige der ersten Schule, die der Lehre des alten Bösewichts den Rücken gekehrt hatten, tadelten sie und sagten: "Wir lehnen diese Lehren ebenfalls ab, aber daß sie den verborgenen Mechanismus des Lebens nicht zu erklären vermögen, spricht nicht gegen dessen Existenz." Darauf erwiederten die anderen: "Könnt ihr den das Geheimnis in logischen Begriffen erklären?" und erhielten zur Antwort, das hieße seine Wahrheit zu leugnen.
Sie protestierten: "Nichts ist wahr, das sich nicht dem kalten Licht der Vernunft aussetzen kann." Einige jedoch riefen laut: "Wir sind bereit, alles zu glauben, was ihr uns erzählt. Wir bewundern euch!" Aber sie waren genauso verloren wie die intellektuellen Kinder und die Lehrer der unverständlichen Lehre, weil sie unterwürfig auf Leichtgläubigkeit setzten, statt auf die Intuition zu vertrauen.
Ein Bildungschaos brach aus. So viele verschiedene Denkungsweisen waren vertreten, daß oft verlautete: "Ich kann niemandem trauen. Ich muß durch Übung meines höchsten Willens selbst zur Erkenntnis kommen."
Der alte Bösewicht, der diese Verwirrung gestiftet hatte, blühte dabei auf wie ein Irrer, der seine Lust an Gewalttaten hat. Besonders der Kult, den er um den Verstand betrieb, ließ Selbstüberhebung und Zwietracht aufkommen. Und wer noch eine innere Unsicherheit und Unvollkommenheit empfand und sich nach etwas Ganzem, Wahrem sehnte, dem sagte er: "Lenkt euch ab und entwickelt Ehrgeiz!" Zu diesem Zweck lehrte er sie, Ehren, Geld, Besitz und sexuellen Abenteuern nachzujagen, sich mit ihren Nachbarn zu messen und sich in Hobbies und Zerstreungen zu ergehen.
Es heißt, ein Pferd, das kein Gras findet, nimmt auch Heu. Aus Verlangen nach dem grünen Gras der Wahrheit gaben sie sich mit dem trockenen Heu zufrieden, mit dem er ihnen die Krippen füllte.
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Immer mehr Ablenkungen ersann der alte Mann für sie: Moden, Hobbies, Lotterien, Kunst-, Musik- und Literaturströmungen, sportliche Wettkämpfe und alle möglichen anderen Dinge, die ihnen vorrübergehend das Gefühl nahmen, es fehle ihnen etwas. Sie waren wie Patienten, die ein Linderungsmittel von ihrem Arzt annehmen, weil er ihnen versichert, ihre Krankheit sei unheilbar. Oder wie der Affe mit dem Apfel: Er griff nach einem Apfel in einer Flasche, nur war der Flaschenhals zu eng, als daß er seine Hand mit dem Apfel hätte herausziehen können. Da die Flasche, in der seine Hand steckte, ihn behinderte, konnte er nicht entfliehen, wurde gefangen und in einen Sack gesteckt. Doch er schrie voller Stolz: "Ich habe aber immer noch den Apfel!"
Die bruchstückhafte Lebensanschaung, die der alte Schurke der Menschheit aufgezwungen hatte, wurde nun allseits akzeptiert, und die wenigen Leute, die anzudeuten versuchten, wo die Wahrheit wirklich lag, wurden für verrückt erklärt und bereitwilligst mit dem alten Argument widerlegt: "Wenn wahr ist, was du sagst, bring uns logische Beweise!"
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Falsche Münze wird nur angenommen, weil auch echte existiert, und daß wußten viele Menschen im tiefsten Herzensgrund. Aber sie waren wie Kinder, in einem Haus geboren, aus dem sie nie heraus durften, dazu verurteilt, von einem Zimmer zum anderen zu gehen, ohne zu wissen, dass irgendwo noch ein anderes Haus mit anderen Einrichtungsgegenständen und einer anderen Aussicht stehen könnte.
Trotz allem lebte die Tradition von der echten Münze, vom Vorhandensein eines anderen Hauses und von Pferden, die Gras statt Heu fressen, in einem Buch fort, das kein Buch war, und wurde in direkter Folge von einem alten Weisen an einen seiner Nachfolger mit Namen Hussein weitergegeben. Hussein durchforschte die Welt, bis er den Menschen fand, der mit Geschick und Hintersinn der Lehre dieses Buches den passenden Ausdruck zu geben vermochte: den unvergleichlichen Mulla Nasrudin. So wurde das Buch, das kein Buch war, durch die Handlungsweise eines Mulla erklärt, der kein Mulla war, der sowohl ein Weiser als auch ein Narr und ein Mensch und viele Menschen zugleich war. Und dergestalt wurden die irregeführten Kinder auf die Lehre aufmerksam gemacht.
Mulla Nasrudin zerriss das Netz, das der alte Schelm geknüpft hatte. Denn wie kann man ein Buch verbrennen, das kein Buch ist? Wie kann man jemanden einen Narren nennen, der kein Narr ist? Wie kann man einen Menschen bestrafen, der für alle Menschen steht? Wie kann man einen Mann schlagen, der man selbst ist?
Versenkt euch in die Abenteuer Mulla Nasrudins und lotet die Tiefen des Scharfsinns aus! Er ist wie ein Baum, dessen Wurzeln nahrhaft und voll genießbaren Saftes sind, dessen Blätter Würzkräuter sind und dessen Blüten, Früchte, Zweige und Samen in unterschiedlicher Form alle demselben Zweck dienen.
Kann ein Baum ein Mensch oder ein Mensch ein Baum sein?
Quelle: Idries Shah, Denker des Ostens
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