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Erbsünde












Praktische Relevanz
Der Begriff der Erbsünde ist nicht selten (auch in der kirchlichen Verkündigung) groben Missverständnissen ausgesetzt und wird so verstanden, dass damit Menschen, die gar nichts verbrochen haben, eine kollektive Schuld aufgeladen werden soll. Seine Bedeutung ist aber eine andere. Er bringt eine Urerfahrung der Menschen auf den Begriff: dass sie viel öfter schuldig werden aus eigenem Unvermögen als aus gezielter Bosheit. Gerade moderne Wissenschaften zeigen uns, wie beeinflusst der Mensch ist durch Ursachen, die außerhalb seiner und vor seiner Existenz liegen: durch psychische Vorprägungen (Psychologie, Psychoanalyse), durch biologische Prägung (Genetik) und durch soziale Gegebenheiten. Die menschliche Selbsterfahrung weist uns ständig darauf hin, dass wir nicht gut sein können, weil uns andere innerlich negativ beeinflusst haben. Dies hat insbesondere René Girard in seiner mimetischen Theorie herausgearbeitet. Wir tendieren dann dazu, anderen die Schuld für unsere Fehler zu geben. Die christliche Erbsündenlehre macht uns aber darauf aufmerksam, dass auch sie vielleicht aufgrund von Vorprägungen nicht anders konnten. Da also alle Täter und Opfer in einem scheinbar ausweglosen Kreislauf sind, wird deutlich, dass wir uns daraus nicht selbst befreien können, sondern nur von jemandem, der diesem Kreislauf nicht unterliegt, befreit werden können, d. h. von Gott, bzw. von einem Menschen, der nicht Täter, sondern nur Opfer ist, und der dennoch die, die ihn zum Opfer gemacht haben, nicht verurteilt hat: Jesus Christus. Die christliche Erbsündenlehre spricht also nicht Unschuldige schuldig, sondern macht verständlich, warum Schuldige nicht allein schuldig sind und warum Unschuldige so leicht zu Schuldigen werden. Sie betont, dass alle einen Schuldanteil tragen und Gott sich in Christus aller erbarmt.
Geschichtliche Entwicklung der Lehre

Judentum
Im Judentum fehlt, wie im Islam, die Entsprechung und das Konzept einer Erbsünde aller Menschen völlig, daher besteht auch keine Notwendigkeit, davon befreit zu werden.

Jesus von Nazareth, ein jüdischer Wanderprediger und Rabbi, lehrte und wirkte vor allem als Jude vor Juden, die fast ausnahmslos seine Jünger und Anhänger stellten. Allerdings interpretiert das Judentum, wie auch der Jude Jesus, die Geschichte vom Garten Eden und der Vertreibung Adams und Evas daraus, nicht als den Beginn einer zwangsweisen erblichen Sünde, und kennt auch keinen Zusammenhang zwischen der von Adam begangenen Rebellion und anderer später lebender Menschen. Jesus stellt seine Treue zur Religion des Buches seiner jüdischen Vorgänger besonders u. a. in der Bergpredigt heraus.

Die von Gott in Folge der Rebellion verhängten Konsequenzen (Fluch über die Menschen,- dies ist allerdings in der Genesis so nicht geschrieben, da steht nichts von Fluch-,Vertreibung aus dem Paradies- dies ist als Vorsichtsmassnahme, damit Adam nicht auch noch vom Baum des Lebens isst und damit unsterblich wird-, Geburtswehen, schwere Feldarbeit, Sterblichkeit und Fluch über die Erde) werden als Konsequenzen angesehen, die die Welt beschreiben, wie sie ist. Sie werden im Judentum als Maßnahmen verstanden, die das materielle, nicht aber das spirituelle Leben der Menschen betreffen. Beispielsweise wird die Ankündigung, dass die Nachkommen Evas den Nachkommen der Schlange (Satans) den Kopf zertreten werden (Gen 3,15), als schlichte Aussage zur Gefahr von Giftschlangen und menschlicher Angst vor ihnen gewertet. Im Christentum wird dies umgedeutet zu einem Sieg Jesu über den Satan, der im Judentum die Bedeutung eines direkt von Gott gesandten Ausführungsgehilfen hat und nicht die des autonom agierenden Versuchers und Feindes der Menschen, der diese vom richtigen Glauben abzubringen versucht und die Sünden der Welt verursacht.

Die wichtigste jüdische Aussage zum Status der Seele des Menschen lautet, sie ist rein geschaffen. Nach jüdischem Glauben bleibt die Seele des Menschen auch dann rein, wenn er sündigt, seine Vorfahren sündigten oder er nicht mehr im Garten in Eden in Gottes Nähe lebt. Der liebende Gott der Barmherzigkeit (adonai) vergibt allen Menschen die Sünden, insbesondere, wenn sie diese bereuen (vergleiche Teshuva). Eine besondere Erlösung ist deshalb nicht nötig, eine Verdammung in die Hölle, vor der der Mensch Angst haben müsste, gibt es ebensowenig - da es keine erbsündlichen Verunreinigungen der Menschen gibt.

Die hebräische Bibel bezieht sich in keiner Erzählung, in der das Volk Israel fehl geht, auf die Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies.

Insofern ist die Erbsünde ein christliches Dogma, das einen radikalen Bruch zum Judentum darstellt, da es im Zusammenhang mit Jesus Christus, seiner Anbetung und der Umdeutung des Begriffs des Messias von den Christen eingeführt wird, was u.a. zur Abspaltung des Christentums vom Judentum führte (siehe unten).
Christentum
In den Evangelien spricht Jesus Christus nirgendwo vom Sündenfall Adams, dessen Fehler er, Jesus, rückgängig zu machen habe. Die Autoren der Evangelien verwenden diese Terminologie ebenfalls nicht. Es sind jedoch deutliche Aussagen über die Verderbtheit der Welt enthalten, die mit der späteren Erbsündenlehre inhaltlich in Einklang gebracht werden können (vgl. Joh. 1,9-11; 8,44) Im Neuen Testament ist Paulus der Autor, der am deutlichsten von der Sünde und ihrer Macht spricht, aber auch bei ihm findet sich der Ausdruck Erbsünde noch nicht. Von der Kirche wurde in den folgenden Jahrhunderten die zentrale Bedeutung des Konzeptes der Erbsünde erkannt. Insbesondere die enge Verbindung mit der Notwendigkeit von Jesu Kreuzigung und Auferstehung sowie mit der Gottschaft Jesu, wie sie schon von Paulus erkannt wurde, hat die westliche christliche Theologie seitdem geprägt.
Andere Ansichten zur Erbsünde

Aus soziologischer Sicht
Erbsünde ist ein Begriff der christlichen Religionslehre und lässt sich nicht sinnvoll aus soziologischer Sicht behandeln. Versuche enden meist in der Umdeutung der Fachbegriffe der wissenschaftlichen Disziplinen und deren Vereinahmung im Sinne der Kreationisten und fundamentalistischen Christen. Auch muss Gewissen, Schuld und ethische Konzeptionen der Soziologie nichts mit religiösen Vorstellungen und Lehren der Sünde besonders aber der Erbsünde natürlicherweise gemein haben.

Mystische Auffassungen
Nach Auffassung der Mystiker ist die Erbsünde die Unfähigkeit, sich mit der göttlichen Urenergie eins zu fühlen, weil das menschliche Ich diese Erfahrung abblockt. Das Ich begrenzt den Blickwinkel des Menschen auf einen kleinen Ausschnitt der Realität, es trennt den Menschen von der Wahrnehmung des Ganzen. Danach ist Sünde die Trennung und Entfremdung von dem All-Einen. Der Tod Jesu ist daher für Johannes vom Kreuz und für andere Mystiker der Archetyp des Ich-Todes. Wenn das Ich abstirbt, so erlebt der Mensch die Auferstehung. Dies bedingt nicht notwendigerweise den körperlichen Tod des Menschen, obwohl sie mit diesem zeitlich zusammenfallen kann. Es handelt sich dabei um eine Einheitserfahrung, die sich der Beschreibung mit sprachlichen Mitteln weitgehend entzieht: man muss sie erfahren haben, um es zu verstehen. Der Begriff des Ich-Todes darf nicht mit Selbstlosigkeit verwechselt werden. Vielmehr handelt es sich hierbei um einen intensiven Akt der Hingabe an das Seiende. Diese Stärke der Hingabe wird nach der Lehre christlicher Mystiker durch Kontemplation, nach der Zenlehre durch Meditation erlangt. Beide Methoden sind - abgesehen von Äußerlichkeiten -deckungsgleich. Auch die indischen Yoga-Wege können zur mystischen Einheitserfahrung führen. Es sind auch spontane mystische Erlebnisse entsprechend veranlagter Menschen bekannt, die von der Einheitserfahrung ohne systematische Vorbereitung plötzlich überwältigt werden; möglicherweise wurde so aus dem Saulus ein Paulus. In der heutigen Zeit kann ein solches spontanes Erlebnis den betroffenen Menschen in tiefe Verwirrung stürzen. Die etablierten Kirchen stellen für solche Situationen meist großartige Hilfen zur Verfügung.

Philosophie und Psychologie
Philosophisch und psychologisch enthält die Lehre von der Erbsünde das christliche Menschenbild, das von der negativen sündigen Disposition der Menschen ausgeht und dem gegenüber den rechten Glauben und die Hingabe Jesu Christi aus Liebe, als Sühneopfer stellt.
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