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Stolz, Ehre, Scham












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Stolz, Ehre, Scham
Von Robert Schurz

Ganze Gesellschaftsordnungen sind auf diese Schlüsselbegriffe aufgebaut. Aber im Abendland verlieren sie an Bedeutung oder sind in positives Recht übergegangen. Die Rede ist von "Stolz, Ehre und Scham". Mit der Globalisierung und Konfrontation der Kulturen ist der Umgang mit solchen Begriffen problematisch geworden. Wie soll man etwa auf Ehrenmorde reagieren?

Doch die Verteidigung der Familienehre muss nicht gleich mit einem Mordanschlag enden, wie wir seit der folgenreichen Entgleisung des Fußballstars Zinedine Zidane während des Finales um die Fußballweltmeisterschaft 2006 wissen. Jener aus Algerien stammende Kopf der Equipe tricolore hatte bis zu jener Szene in der Verlängerung ein fabelhaftes Spiel gegen die Squadra azzurra hingelegt. Doch der begnadete Millionenkicker galt nicht nur als balltechnischer Virtuose, sondern auch ein wenig als leicht reizbarer Hitzkopf, der häufiger gelbe und rote Karten einstecken musste. Sein gewiefter italienischer Gegenspieler, vor dem Turnier nur ein wenig bekannter Reservist, wusste um die großen Stärken, aber auch um die kleinen Schwächen seines überlegenen Pendant. Also suchte jener Marco Materazzi seine Chance auf andere Weise als im körperlichen Duell: Er wollte seinen gläubigen Gegner verbal treffen, in dem er dessen Schwester als Prostituierte beschimpfte. Fast eine Milliarde Zuschauer wurden live via Bildschirm Zeuge, wie der in seiner Ehre gekränkte Supersportler gleichsam zum Stier mutierte, den den Kopf senkte und diesen in die Brust des Verleumders rammte, der, theatralisch durchaus gekonnt mit schmerzverzerrtem Gesicht zu Boden fiel.

Verstehen wir Europäer die Begriffe Ehre und Stolz anders oder gar nicht mehr ?
Wir treffen hier auf Kulturen, die uns unverständlich sind. Erkennen die Täter aus diesem Kulturkreis sich überhaupt als Täter ? Oder sind sie nicht teilweise auch Opfer ?
@gabriele

Der Täter in diesem Falle ist nicht der verbal getroffene, sondern der verbalisierende.

In unserer Kultur wird Schamlosigkeit mit "Vernunft" und Hurerei mit "Arbeit" verwechselt.

Dass Marco Materazzi nicht gleich seine beiden "Eier" verloren hat grenz an ein Wunder und ist in meinen Augen nur der "Vernunft" Zidane's zu verdanken.

Ich habe keine Probleme mit "Ehrenmorden" a la Zidane, wo als Motive eine "bewusst getätigte Niedertracht" mit "Totschlag" beendet wird.

Da bin ich im Jüdisch-Christlichen-Mohammedanische und damit im Islamischen Kontext nicht allein.

Ich habe dann Probleme mit "Ehrenmorden", wo keine Niederträchtigkeit im Spiel ist, und nur die Tradition als "Hure" die Menschen zur Niederträchtigen Handeln bringt.

Wenn eine Gesetzgebung den Täter schützt und das Opfer, das durch das zu Tun des wahren Täters, zum Täter geworden ist und dies nicht als eine "Affekthandlung" erkennen kann, da wird das Gesetz ein Instument des sozialen Verfalls.

Langer Rede kurzer Sinn.

Es ist eine Messers-Schneide auf "der sich Ehrenmorde" bewegen.

Und wer sich darauf begibt, muss sich nicht wundern, dass sowohl dem Täter als auch dem Opfer etwas "Lebens-Wichtiges" abhanden kommt.

Gruss
Nasruddin
@nasruddin,
Zitat:
Der Täter in diesem Falle ist nicht der verbal getroffene, sondern der verbalisierende.

Ich sehe hier zwei Täter.
Weil irgendeiner etwas sagt, haue ich ihm die Fresse?
Zitat:
Dass Marco Materazzi nicht gleich seine beiden "Eier" verloren hat grenz an ein Wunder und ist in meinen Augen nur der "Vernunft" Zidane's zu verdanken.

Ich vermag da weniger Vernunft als vielmehr mangelnde Selbstherrschung zu erkennen.
Ich erlebe es häufig, wie aus solch nichtigen Anlässen wüste Schlägereien entstehen, die leider nicht immer so humoritisch betrachtet werden können, wie der Auftritt eines so unglaublich begnadeten Spielers wie Zidane.
Zitat:
Wenn eine Gesetzgebung den Täter schützt und das Opfer, das durch das zu Tun des wahren Täters, zum Täter geworden ist und dies nicht als eine "Affekthandlung" erkennen kann, da wird das Gesetz ein Instument des sozialen Verfalls.

Das tut unsere Rechtsprechnung auch nicht. Man darf aber auch nicht jeden Furz so dramatisieren, dass ich daraus eine Rechtfertigung für physische Gewalt ableiten kann.

Zitat:
Es ist eine Messers-Schneide auf "der sich Ehrenmorde" bewegen.

Das sehe ich ganz und gar nicht so. Kein Ehrbegriff, besonders keiner der der nächstbesten Neandertalerhöhle entsprungen ist, rechtfertigt körperliche Übergriffe.
@gabriele
Zitat:

Verstehen wir Europäer die Begriffe Ehre und Stolz anders oder gar nicht mehr ?


Ersteres.
Ich denke auch, daß wir ein anderes Selbstbewusstsein haben.
Wenn z.B. jemand meine Mutter "Hure" oder "Schlampe" nennen würde, wäre dadurch meine Mutter nicht "entehrt", denn Worte irgendeiner Person haben keinen Einfluß auf die Ehre meiner Mutter, und niemand würde ernstlich in Erwägung ziehen, daß sie wirklich eine Schlampe und Hure sein könnte, sonders es würde nur ein schlechtes Licht auf den ärmlichen Geist des Beschimpfers werfen.
Damit hätte er sich nur selbst erniedrigt, und nicht meine Mutter.
So sehe ich es.
Ich weiß, daß bestimmte Kulturkreise es anders sehen und auch reagieren, aber für mich ist es einfach ein unnötiges aufgesetztes und aufgeplustertes Beleidigtsein.
Das mit den "Ehrenmorden" innerhalb der Familie hat ähnliche Ursachen. Sein eigenes Kind umbringen, weil es irgendetwas nicht Statthaftes macht - und die eigenen Landsleute tuscheln schon und reden nicht mehr mit einen - mein Gott, wie wenig Rückrad ist da vorhanden, daß man dafür sein Kind opfert. Es ist doch nicht Eigentum, auch wenn es noch nicht überall durchgedrungen ist.
As salamu aleikum alle zusammen.

Wir haben da seit ein paar hundert Jahren was das nennen wir Gewaltmonopol des Staates. Das ist eine der Grundvoraussetzungen für einen modernen, demokratischen Staat. Unser Recht kennt auch Handlungen im Affekt als mildernden Umstand an. Nur den Mord am eigenen Kind zu planen und durchzuführen ist eine kaltblütige Tat und sicher keine Affekthandlung.

In welches Barbaristan kommen wir denn wenn jeder meint er könne wegen seiner "Ehre" oder sonstwas irgendwelche Leute zusammenschlagen, abstechen oder erschiessen?

Wir haben die entsprechenden Gesetze mit solchen Verbrechen umzugehen und unsere Justiz sollte dabei die volle Härte der Gesetze ausnutzen. Unwissenheit schützt vor Strafe nicht und wenn jemand denkt er wäre im Recht wenn er sein Kind umbringt weil es nicht dieselbe Sexualmoral hat, oder nicht das mit seinem Leben tut was Papa will gehört meiner Ansicht nach verdienterweise in den Knast. Und zwar bitte lebenslänglich wenn sichs einrichten lässt!

@ nasruddin :

Ist bei dir der "arme" Bruder von Hatun Sürücü, der sie mit drei Kopfschüssen umgebracht hat jetzt das arme Opfer, oder was? Ist es das was du sagen willst?

Ma'a Salama


Ayyub
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