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... stirbt.
Er hat einen Lungentumor mit Metastasen in Leber und Nieren. Die Leber ist stark vergrössert und lässt nichts mehr durch. Der Arzt bezeichnete das Ding heute als "explodierenden Tumor". Man versucht eine Chemotherapie als lebensverlängernde Massnahme (wie das schon klingt...) - könnte anschlagen oder auch nicht.
Er will uns nicht sehen, insbesondere uns 'Kinder' nicht. Wahrscheinlich will er nicht, dass wir ihn so sehen. Ich weiss nicht, ob ich mich über dieses 'Verbot' hinwegsetzen soll oder nicht. Vielleicht heute sogar die Sache mit dem Handy ausnutzen - ich soll dafür sorgen, dass sein Handy läuft, also kann ich es ihm auch gleich vorbeibringen. Aber er würde wohl sauer werden...
Heute redete meine Mum mit meiner Tante über Hospize. Es handle sich um Tage oder Wochen. Die Eltern könnten nicht (und wer soll es ihnen antun, den eigenen Sohn in dem Zustand zu pflegen?), meine Mum kann nicht, meine Tante kann auch nicht, sie wurde gerade am Bauch operiert, ich bin auch nicht verfügbar. Sonst gibt es niemanden. Er hat keine Frau, keine Kinder... hatte auch mit uns kaum noch Kontakt in den letzten Jahren, d.h. eigentlich gar keinen, nur seine Eltern hat er besucht.
Meine Freundin quatscht was von alternativer Medizin und Spontanheilungen. Ein Ausweichmanöver ohnegleichen. Für jemanden, der leben will, mag eine Spontanheilung in Frage kommen, aber nicht für jemanden, der nach einem 'anständigen' Weg zu sterben sucht. Er hat sich weder vor den Zug geschmissen, noch in seinem Zimmer aufgehängt, noch sein Auto gegen einen Baum gefahren. Stattdessen hat er Selbstmord auf Raten begangen. Einfach zu viel geraucht, zu viel getrunken und nicht rechtzeitig zum Arzt gegangen.
Aber seine Eltern können in der Kirche sagen, eine Krankheit habe ihnen den Sohn genommen.
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Und ja: er ist psychisch gestört. Wollte selbst jetzt nicht, dass meine Mutter ihm Kaffee ins KH brachte. Wollte schon lange keinen mehr sehen. Nur wenn er Geld brauchte, waren seine Eltern da und als sein Auto kaputt ging, sollte man ihn zum Laden fahren... Ich schätze er hat irgendwann den Faden verloren. Er konnte nicht mehr wirklich klar einschätzen, was sozial ok ist und was nicht. Anfangs kämpfte meine Mutter noch um ihn, dann liessen wir alle ihn einfach sein.
Er hatte es mit Autos, nicht mit Menschen. War ein guter, kreativer Mechaniker, verlor aber trotzdem einen Job nach dem anderen, bis er schliesslich keinen mehr bekam.
Und jetzt liegt er irgendwo auf einer Station und wird bestrahlt und wird danach zu schwach sein um runterzugehen zum Rauchen. Ja, er fragte nach Zigaretten. Und ja, meine Mutter holte ihm zwei Päckchen. Was für einen Sinn soll das denn haben, sie ihm zu verweigern? Dass er weiterlebt? Was ist denn das für ein Leben?
Gestern haben wir meinen Geburtstag gefeiert. Meinen Grosseltern war's zu viel, aber sonst waren meine Tante (trotz OP und Plastik im Bauch, frisch wie immer) und meine drei Pappenheimer (ihre Kinder) da, der Freund meiner Mum und dieselbige höchstpersönlich machten Küchendienst und zwei Freunde von mir kamen trotz Katzenallergie und Komplikationen rund um's Auto... Es gab einen Riesenhaufen Essen. Und ich schätze das haben wir alle in dem Moment gebraucht.
Aber dann höre ich meinen Vater heute die Nachrichten um seinen einstigen Freund aufnehmen... und meine Mutter das Gespräch mit dem Arzt weitergeben... und das ist das, was eigentlich los ist: mein Onkel stirbt.
Wir gehen Einkaufen, kündigen Verträge, bringen Bücher zurück, lassen Winterreifen montieren, laden das Prepaid-Guthaben ordentlich auf... und ärgern uns vielleicht über die ganzen Kleinigkeiten und nebenan ist ein Mensch, der keine Winterreifen mehr braucht. Weil er den Winter nicht mehr überleben wird. Wieviel Guthaben braucht er? Wen soll er anrufen? Hat er überhaupt noch die Kraft Bücher zu lesen?
Das ist alles irgendwie komisch gerade. Er ist noch nicht mal 50.
Sorry für den Roman und danke, dass ich mir das mal von der Seele schreiben durfte, auch wenn ich gar nichtz richtig sagen kann, wie es mir damit geht... hm.
LG
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Liebe Lisken,
ich würde Deinem Onkel auch JEDE Zigarette bringen, die er haben möchte. In seinem jetzigen Zustand ist alles richtig, was er wünscht und braucht.
Und die Idee mit dem Hospiz finde ich eine sehr gute. Hospize sind keine "Abschiebe-Häuser"; sondern dort können Sterbende würdig, ruhig, in liebevoller Atmosphäre schmerzlos oder schmerzarm sterben, und sie haben immer jemanden da, der mit ihnen spricht, sie hält, sie tröstet und auch dann noch die Hand hält, wenn man stirbt. Ich habe zwei Menschen in einem Hospiz sterben sehen, und meine Cousine ist Mitarbeiterin in einem Hospiz, ich konnte sie mehrfach dorthin begleiten. Das sind gute Orte.
Spontanheilungen! Ja, nun, das soll es geben. Aber bei einem so schweren Krebs, der bereits Metastasen gemacht hat, wie soll da noch etwas spontan heilen? Das sind oft Gedanken, die man hat, weil man sich selbst so hilflos fühlt. Vermutlich fühlt sich Deine Freundin auch hilflos. Sei ihr nicht böse.
Ich wünsche Deinem Onkel ein ruhiges Sterben in liebevollen Händen und in ruhiger Umgebung.
Und Dir und Deinen Verwandten wünsche ich die Kraft, ihn "loslassen" zu können.
Und besonders Dir nachträglich etwas Gutes zum Geburtstag.
Liebe Grüsse
PeBu
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Hallo liebe Lisken,
PeBu hat ja schon viel Gutes gesagt.
Den Wunsch Deines Onkels, wenn er Euch nicht sehen möchte, würde ich respektieren. Vielleicht legst Du ihm einen Brief zum Handy oder rufst ihn an? Das wären doch Möglichkeiten, die gingen, oder?
Weißt Du, was Du brauchst? Was brauchst Du für Dich um den herannahenden Tod Deines Onkels etwas besser zu verkraften?
Ich erinnere mich als vor wenigen Jahren meine Patentante starb (ebenfalls an Krebs, sie hatte eine Chemo abgelehnt, denn das hätte ihr nur wenige Wochen oder Monate zusätzlich gegeben, die sie nicht wollte). Mir war wichtig zu wissen, ob sie ein erfülltes Leben gehabt hatte. Gott sei Dank hatte sie, und so fiel es mir leichter sie gehen zu lassen.
Dein Onkel hatte, so wie Du es schilderst, dieses Glück nicht, ein erfülltes Leben gehabt zu haben. Das ist sehr schade, aber für Dich wohl kaum abänderbar.
Ich denke, das Einzige, was man noch für ihn tun kann ist, ihm den Rest so angenehm wie möglich zu machen, ggf. Versöhnung anzustreben falls es an einer Stelle angebracht ist, aber das ist nicht Deine Aufgabe denke ich (es sei denn Du hast noch offene Punkte mit ihm? )
Auch in Wünsche Deinem Onkel, dass er in Frieden gehen kann und Dir und Deinen Verwandten ebenfalls viel Kraft zum loslassen.
Nachträglich auch von mir noch alles Gute Dir zum Geburtstag!
alles Liebe
Light
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@PeBu & Light:
Danke euch beiden!
Ich habe mich doch über das Besuchsverbot hinweggesetzt. Ich lasse mir nicht verbieten meinen Onkel nochmal lebendig zu sehen. Ich will mich erinnern, welche Augenfarbe er hatte.
Also bin ich da heute mit laufendem Handy und Kätzchenfotos bewaffnet hinmarschiert. Fünf Minuten hab ich gebraucht um zu klopfen.
Er ist so alt geworden. Aber er sah immer noch aus wie er. (Im Gegensatz zu meinem Vater, der sich stark verändert hat von der Jugend zum Alter.)
Ich hatte das Gefühl, dass er zwar nicht wollte, dass wir ihn sehen, aber dass er letztendlich mich doch sehen wollte. Er hat mich nämlich angestarrt, aber nur wenn ich weggeguckt habe. Ich denke, er hat die Zeit gesehen, die vorbeigegangen ist. Ich war noch ein halbes Kind, als er mich das letzte Mal sah und was immer ich jetzt bin, ein Kind ist es nicht mehr. Wahrscheinlich hatte er mich auch so in Erinnerung, es war ihm gar nicht klar, dass ich erwachsen bin...
Dann wollte ich ihm nicht auf den Keks gehen und bin noch schnell das Feuerzeug kaufen gegangen, um das er mich gebeten hat. (Ja, ich seh da so wie PeBu) Ich habe keine Ahnung, wo er da rauchen will (er konnte sich kaum aufsetzen, stand unter heftigem Medikamenteneinfluss) oder was sie mit ihm machen, wenn sie ihn erwischen...
Unten gab ich dann meiner Tante die Klinke in die Hand. Sie war gerade unterwegs zu ihm und meinte, ich solle meinen Vater morgen unbedingt überreden, dass er auf Besuch kommt.
Mein Vater und mein Onkel scheinen irgendwie eine Verbindung zu haben - der erste Mensch, nach dem sich mein Onkel bei mir erkundigte, war mein Vater und mein Vater fragt jedes Mal nach meinem Onkel, obwohl er weiss, dass ich nichts weiss.
Auch ich halte Hospiz jetzt für eine gute Idee... alleine schon wegen der Medikation. Er schien einfach starke Schmerzen zu haben und dort könnte er optimal mit Medis versorgt werden. Dazu kommt, dass wir kein einziges unbenutztes Zimmer haben! Wir sind nunmal keine Hausbesitzer. Meine Oma hat ein kleines Kämmerchen neben der Küche, das wäre unwürdig...
Hm. Mal sehen, ob meine Tante sich querstellt. Ich hoffe nicht. Und ich hoffe sehr, dass ihr die Lust auf's Rauchen jetzt endgültig vergeht. Mein Vetter sollte auch hingehen, einfach zum Gucken, was Lungenkrebs so macht mit einem Menschen. Argh.
LG
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