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Alevit
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Die Aleviten bilden in der Türkei nach den sunnitischen Muslimen die größte Religionsgruppe, mit 15-20% der Bevölkerung.
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Der Glaube der Aleviten
Auch wenn die religiösen Vorstellungen der Aleviten sich historisch aus dem Islam heraus entwickelten, gelten sie als eigenständige Religionsgemeinschaft. Unter den meisten Türken gilt die Religionsgruppe als muslimische Glaubensrichtung und wird mit 95,8% zur muslimischen Bevölkerung der Türkei hinzugezählt. Sie gehen mit den für andere Muslime religiös verbindlichen Vorschriften liberal um; so halten sie sich beispielsweise nicht an alle Fünf Säulen des Islams (aus Sicht der Sunniten), kennen keine Pflichtgebete und brauchen zum Beten keinen besonderen Raum und keine spezielle Zeit. Jede Alevitin und jeder Alevit betet dann und dort, wo er oder sie will, auf eine Art, wie es ihm oder ihr entspricht.
Der Koran ist für Aleviten kein Gesetzbuch, sondern die Niederschrift von Offenbarungen, die kritisch gelesen werden dürfen (siehe dazu: Buyruk). Sie sehen in ihm kein verbalinspiriertes Buch, sondern interpretieren ihn mystisch. Sie lehnen auch die Schari'a, das islamische Gesetz, ab. Daher kann das Alevitentum dem Pantheismus zugeordnet werden, denn sie glauben, dass in jedem Menschen die Wahrheit(das Göttliche innewohnt.
Der heutige Glaube der Aleviten ist sehr stark vom Humanismus und Universalismus bestimmt. Im Zentrum ihres Glaubens steht daher der Mensch als eigenverantwortliches Wesen. Wichtig ist ihnen das Verhältnis zum Mitmenschen. Die Frage nach dem Tod und den Jenseitsvorstellungen ist demgegenüber für sie nebensächlich. In der alevitischen Lehre ist die Seele eines jeden Menschen unsterblich, sie strebt durch die Erleuchtung die Vollkommenheit mit Gott an, sie durchwandert auf ihrem Weg zur Erleuchtung viele (tausend) Menschenleben. Aleviten glauben an die Wiedergeburt und daher gibt es im alevitischen Glauben keine Hölle sowie Himmel.
Diese liberalen Auffassungen, vor allem die Ablehnung der Scharia, unterscheidet Aleviten von anderen Muslimen, besonders von den Sunniten. Darum haben viele Sunniten, dabei die meisten islamischen Gelehrten, Vorurteile gegenüber Aleviten und betrachten sie meist überhaupt nicht als Muslime.
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Toleranz
Aleviten bekennen sich zu Humanität, Demokratie und den allgemeinen Menschenrechten. Diesen Werten fühlen sie sich auf eine undogmatische Weise verpflichtet. Sie bejahen besonders die Meinungs- und Religionsfreiheit. Sie gestehen jedem Menschen ausdrücklich das freie Selbstbestimmungsrecht und damit das Recht auf einen eigenen Glauben zu. Jeder kann nach ihrer Auffassung beliebige Rituale pflegen oder darf sogar Atheist sein, sofern er seine eigenen Ansichten nicht anderen aufzwingen will. Darum haben Aleviten zu anderen Religionen, Glaubensbekenntnissen und Ideologien ein sehr offenes Verhältnis. So sagt ein alevitisches Gedicht:
Adımız miskindir bizim
Düşmanımız kindir bizim
Biz kimseye kin tutmayız
Kamu alem birdir bizim.
Sie nennen uns Ergebende,
Unser Feind ist der Hass
Wir hassen niemanden
Alle sehen wir gleich und eins.
geschrieben von Yunus Emre
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Der Alevitische Glaubensdienst: "Cem"
Die Aleviten beten nicht in einer Moschee, sondern treffen sich zu Kulthandlungen, genannt Cem, in einem Cemevi (Versammlungshaus) zur Rezitation von Gedichten und zum rituellen Tanz (Semah). Dieser wird von Frauen und Männern gleichzeitig ausgeführt und dabei vom Dede (»Großvater«) oder von der Ana (»Großmutter«) beaufsichtigt. Dedes und Anas sind Personen, die sich mit den alevitischen Ritualen und Traditionen sehr gut auskennen und daher hohes Ansehen unter den Aleviten genießen. Während der Cem in den dörflichen alevitischen Gemeinschaften vor der zunehmenden Abwanderung weiter Teile der alevitischen Bevölkerung Ostanatoliens unregelmäßig stattfand, nämlich immer dann, wenn ein Dede ins Dorf kam, erlebte das alevitische Kongregationsritual im Zuge der zunehmenden Urbanisierung des Alevitentums, die sich seit mehreren Jahrzehnten beschleunigt vollzieht, eine gewisse Umgestaltung, die von manchen Beobachtern zum Teil auch mit einer Sunnitisierung des Alevitentums in Verbindung gebracht wird: Der Cem wird nun in von alevitischen Vereinigungen und Kulturvereinen zur Verfügung gestellten Versammlungshäusern in regelmäßigen, oftmals wöchentlichen Zyklen abgehalten; aus den Dörfern mitgebrachte heterogene Ritualelemente werden dabei vereinheitlicht. Auf diesem Wege ist der Cem in den letzten Jahren zu einem prominenten Mittel der bewussten Neubestimmung der alevitischen Identität in der Türkei geworden, die sich seit dem Militärputsch von 1980, in dessen Folgezeit ein gewisses Wiedererstarken sunnitischer politisch-religiöser Kräfte verzeichnet werden konnte, in einem konstanten Prozess der kulturellen, religiösen und geschichtlichen Wiederentdeckung und Neuverortung befindet.
Der Semah symbolisiert das Universum (Evren) mit den Planeten des Sonnensystems und der Galaxie. Er wird daher im Kreis getanzt, wobei die Semah-Tänzer sich wie Planeten sowohl um sich selbst als auch um die Kreismitte drehen. Seit dem 12. Jahrhundert, eventuell auch schon früher, diente dieser heilige Tanz zur geistigen Annäherung an Allah. Darum sollte er nach alevitischer Auffassung nicht öffentlich vorgeführt werden.
Die Verschleierung der Frau ist bei Aleviten nicht vorgeschrieben. In ihrer Lehre sind Frauen und Männer absolut gleichgestellt, in der Praxis zeigt sich dies jedoch nicht überall. Dies hat aber weniger mit der alevitischen Religion als vielmehr mit den gesellschaftlichen Wertvorstellungen von Aleviten und Türken bzw. Türkischstämmigen insgesamt zu tun, die tendenziell in einer traditionell patriachalen Gesellschaft aufwachsen.
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Aleviten und Alawiten
Die Aleviten werden oft mit den Alawiten verwechselt, die nach ihrem Gründer auch Nusairier genannt werden. Erstere leben hauptsächlich in der Türkei, Letztere dagegen hauptsächlich in der ehemaligen Republik Hatay (heutige türkische Provinz Hatay), Syrien oder im Libanon. Ihre Kultur, Sprache, Traditionen und Ansichten zum Islam sind verschieden, aber vergleichbar.
Gemeinsam ist ihnen die besondere Verehrung von Ali ibn Abi Talib, dem Schwiegersohn Muhammeds. Dieser Gemeinsamkeit verdanken sie auch die ähnlichen Namen. Hz. Ali wird im Alevitentum mit dem Löwen assoziert. Ein Sprichwort lautet: »Ali ist der Löwe Gottes«. Er ist das Symbol für Gerechtigkeit und Güte, also Eigenschaften Gottes, denen ein Alevit besonders nacheifert.
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