|
|
|
Vorschriften
Die Alevitische Glaubenslehre basiert auf der Entscheidungs- und Glaubensfreiheit des Menschen. Niemand hat eine Verpflichtung etwas tun oder glauben zu müssen.
Die Grundpfeiler der alevitischen Vorschriften sind in diesem einen Satz eline beline diline öfkene ve nefsine sahip ol vereint. Er besagt Folgendes:
eline sahip ol: Beherrsche deine Hände. Das steht für »gute Taten«, also: Stehle nicht, tue nichts Falsches…
beline sahip ol: Beherrsche deine Lende. Das steht für starke Persönlichkeit, also: Habe Rückgrat, beuge dich nicht vor Ungerechtigkeit…
diline sahip ol: Beherrsche deine Zunge. Das heißt: Lüge nicht, führe niemanden in Versuchung, auf den Irrweg…
Das Verbot des Tötens, des Diebstahls, der Verleumdung und des Ehebruchs gelten für Aleviten gegenüber allen Menschen. Damit wollen sie die Menschlichkeit und das Zusammenleben aller Menschen fördern. Hinzu kommen alltägliche Vorschriften der Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft, Bescheidenheit und weitere. Jede Alevitin und jeder Alevit sollte diese Vorschriften anwenden, muss es aber nicht.
|
|
|
|
Vier Tore Vierzig Pforten
Das erste Tor ist die Annahme der Gesetze und Pflichten der Gemeinschaft in der man lebt. Das zweite Tor ist die Kenntniss der individuellen "Rechte" und Ansprüche, die man selber hat und stellt; D.h. was "will" ich, was "gehört" mir. Das dritte Tor ist die Erkenntniss über den "anderen" .h. was "will" der andere, was "gehört" dem anderen. Das erreichen des vierten Tores setzt die Beschäftigung mit den Rechten und Pflichten der "Gemeinschaft" voraus. Ab diesem Tor hat das jeweilige Individuum das Recht und die Möglichkeit, die Pflichten und Rechte der Gemeinschaft aus "Tor 1" mitzugestalten; Was die weitere Entwicklung und modernisierung des ertsen Tores sichert.
|
|
|
|
Geschichte
Das Alevitentum entstand im 13. Jahrhundert aus der Verschmelzung der Schia in Gestalt der Verehrung von Ali mit dem alttürkischen Kam (entspricht grob dem sibirischen Schamanismus) sowie der mystischen Interpretation des Koran. Diese Entwicklung wird vor allem auf Haci Bektas-i Veli und weitere Geistliche zurückgeführt.
An manchen Stellen des Alevitischen Glaubensdienstes, dem Cem, kann man Elemente des christlichen Abendmahls wiederentdecken. Aleviten entwickelten auch ein Modell der Trinität in Gestalt von Allah, Muhammed und Ali.
Unter den Osmanen wurden die Aleviten aus Unkenntnis über ihren Glauben als Häretiker verfolgt. Im 16. Jahrhundert führte der aus dem Yemen stammenden Dichter Pir Sultan Abdal alevitische Aufstände für Gerechtigkeit und Glaubensfreiheit gegen die brutale und machtgierige Unterdrückungs-Politik der Osmanen an. Diese schlugen die Aufstände blutig nieder. Pir Sultan Abdal wurde gehängt, doch sein Mut und seine Tapferkeit werden bis heute gerühmt und Aleviten eifern ihm darin nach.
Wegen der Unterdrückung und bedrohten Lage der Aleviten unter anderen Muslimen kam es im Laufe der Zeit immer wieder zu blutigen Aufständen. Erst seit der Gründung der modernen Türkei genießen sie eine teilweise Glaubensfreiheit. Doch auch vom türkischen Staat sind sie bis heute nicht als religiöse Minderheit anerkannt (da sie ja wie oben erwähnt als Muslime zählen, siehe "Aktuelle Lage"). Gegenwärtig haben sie sich aber in den Mittelschichten etabliert.
|
|
|
|
Politische Haltung
Aleviten stehen grundsätzlich loyal zur türkischen Republik. Sie wählen größtenteils die Republikanische Volkspartei und keine islamischen Parteien. Diese Loyalität ist historisch darin begründet, dass Aleviten erst seit der Gründung der Türkei ihren Glauben relativ ungestört vom Staat ausüben durften. Bis dahin wurden sie stets verfolgt. Überdurchschnittlich viele Aleviten sind jedoch auch dem politisch linken Spektrum zuzuordnen.
|
|
|
|
Die aktuelle Lage der Aleviten in der Türkei
Die Situation der Aleviten ist auch gegenwärtig von starken Spannungen mit den viel konservativeren Sunniten bestimmt. Zwar dürfen die traditionellen alevitischen Feste inzwischen in der Türkei offen gefeiert werden, allerdings offiziell nicht als religiöse, sondern lediglich als Folkloreveranstaltungen. Dies ist in der recht speziellen Form der Trennung von Staat und Kirche in der kemalistischen Türkei begründet.
Diese Herabsetzung von Ritualen wie dem "Cem", die für den alevitischen Glauben zentral sind, wird von Aleviten als Diskriminierung empfunden. Denn trotz der staatlichen Religionsfreiheit in der Türkei gab und gibt es dort starken Druck auf ihre Anhänger, sich dem sunnitischen Islam zuzuwenden oder ihren Glauben zumindest nicht offen auszuleben. So kam es zum Beispiel 1978 in den Städten Çorum und Kahramanmaraş zu anti-alevitischen Pogromen. 1993 wurden nach einem alevitischen Kulturfestivals in Sivas 37 Aleviten durch einen Brandanschlag auf ihr Hotel ermordet. Das Hauptziel des Anschlages war Aziz Nesin. Diese Massenmorde und Massaker an Aleviten geschahen mit Duldung der staatlichen Organe. Sie haben ein gewolltes Klima geschaffen, in dem Aleviten sich gezwungen sehen könnten, das Alevitentum zu verheimlichen oder dem sunnitischen Islam zu folgen.
Hinzu kommt eine erzwungene "Sunnitisierung" von traditionell alevitischen Siedlungsgebieten. Selbst in mehrheitlich alevitischen Dörfern wurden auf kosten der dortigen alevitischen Steuerzahler sunnitische Moscheen gebaut. Dies zeigt, dass die Aleviten bis heute von anderen Muslimen nicht als eigenständige und gleichberechtigte Religionsgemeinschaft anerkannt werden. Auch Sunniten in Deutschland versuchen zum Teil, auf alevitische Familien "sozialen Druck" auszuüben.
Die Europäische Kommission hat die Diskriminierung der Aleviten in der Türkei im Rahmen von deren Beitrittsverhandlungen zur Europäischen Union mehrfach kritisiert: zuletzt in der „Empfehlung zu den Fortschritten der Türkei auf dem Weg zum Beitritt“ vom 4. Oktober 2004. Ein Beitritt der Türkei zur EU ohne Anerkennung der Aleviten als muslimische Minderheit ist aufgrund der alle EU-Staaten verpflichtenden Religionsfreiheit daher undenkbar.
|
|
|