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Wir haben es so bitter nötig!












As salamu aleikum.

Anläßlich des Ramadan muss ich mir hier etwas wirklich von der Seele schreiben. Ich bin Sunnit aber der Zustand meiner Glaubensgemeinschaft ist eine schwere Bürde für mich.

Die meisten Brüder und Schwestern die ich kenne sagen immer der Islam sei so eine tolle, ja die beste aller Religionen und man könne so froh sein Muslim zu sein usw... und so fort. Meiner Ansicht nach sind wir Muslime aber gerade dabei unsere Religion und unsere gesellschaftlichen Strukturen voll and die Wand zu fahren. Ich möchte zum Beispiel mal unser Rechtssystem (Sharia) herausgreifen.

Viele Gelehrte reden immer von der Erhabenheit unserer Sharia, das eines der Hauptbestandteile unserer Religion darstellt und im alltäglichen Leben sehr ernst genommen wird (oder wenigstens tut man so, v.a. in den arab. Ländern).

Aber besehen wir uns dieses Rechtssystem doch genauer :
Es stammt aus dem Mittelalter, das System der islamischen Rechtswissenschaft wurde ein paar Jahrhunderte nach der Hejra systematisiert seitdem steht es in größten Teilen und wurde kaum verändert. Die Zeiten haben sich allerdings geändert. Wenn man sich einfach mal das Verhältnis zwischen Individuum und Staat ansieht (eines der wichtigsten Teile des Rechtssystems). Damals war das Hauptproblem des Staates das man überhaupt irgendeine Ordnung schafft. Rebellionen und Bürgerkriege (teilweise religiös mitbedingt) waren an der Tagesordnung, das Land war unsicher und es fiel selbst den mächtigsten Herrschern schwer Recht und Ordnung auf ihr gesamtes Staatsgebiet auszudehnen. Heute hat der Staat ein anderes Hauptproblem : Das er nicht zum Tyrannen wird. Durch die technische Entwicklung (Radio, Fernsehen, eine zentralisierte Bürokratie, Computer, Internet, Fotografie, Repetierwaffen usw...) ist es dem Staat nun möglich geworden zu einem totalitären Monster zu werden. (Das erste Beispiel war die Sowjetunion nach der Oktoberrevolution 1917, damals sogar ohne Computer, Fernsehen und Internet, danach kame die Faschisten in Italien, die Nazis, die Chinesen u.a. ). Dadurch erwuchsen machtbesessenen Verrückten Möglichkeiten von denen die Potentaten der früheren Zeit nur träumen konnten, nämlich eine Gesellschaft komplett ihrem Willen zu unterwerfen. Das Problem ist das das islamische Rechtssystem nie auf diese Herausforderung reagiert hat, die meisten Leute sehen da gar kein Problem darin.

Ich möchte es mal ganz leidenschaftslos betrachten und mal vergleichen, zwischen den Grundelementen einer totalitären Gesellschaft und der von den meisten Gelehrten immer noch vertretenen islamischen Staatslehre

1) Repressionen gegen Andersdenkende :

Das islamische Recht sanktioniert den Abfall vom Glauben mit der Todesstrafe, damals ein funktionierendes Element um Religionskriege und Blutvergießen zu verhindern. Heute eine Möglichkeit jede Form der inneren Kritik zum Schweigen zu bringen, denn als Apostaten kann man jeden Bezeichnen der nicht mit den Wölfen heult (siehe den Fall Nasr Hamid Abu Zaid oder auch die Ermordung von Farag Fauda). Damit hat man dann eine tolle Handhabe um jede Form von Kritik am Regime in Blut zu ersticken.
2)Die Schaffung eines äußeren Feindes um die Gesellschaft hinter dem Herrscher zu vereinen

Unsere Gelehrten haben darüber gestritten ob der Dschihad nur defensiv oder auch offensiv verstanden werden muss. In der Feudalzeit war diese Theorie verlockend und produktiv. Krieg war ja normal und da ein Feudalsystem nur prosperieren kann wenn es fast ständig expandiert (man braucht ja neues Land für für die Söhne der Fürsten) hat das funktioniert (egal was man morlaisch davon halten mag!) Es gibt nur heute immer noch Gelehrte die sich nicht voll davon distanzieren. Die ganze Sache ist zwar im Zeitalter der Nuklearwaffen vollkommen sinnlos (Eroberungskriege enden zwangsläufig in der Selbstvernichtung) es gäbe aber jedem totalitären Herrscher einen ständigen Vorwand für Kriege und militärische Rüstung in die Hand.

3)Die Abschaffung privater Freiheit und die Durchdringung des individuellen Lebens durch staatliche Kontrolle

Das ganze sieht man ja bereits im Iran und in Saudi-Arabien. In letzterem ist Frauen das Autofahren in Städten verboten. Im ersteren dürfen Frauen nicht ins Fußballstadion. Wenn ein Staat seinen Bürgern solche schwachsinnigen Dinge vorschreiben und sie auch durchsetzen kann, wer würde dann noch an politische Opposition denken? Die islamische Pflichtenlehre und ihre Sanktionen (Stockschläge beim Trinken, Bestrafung von Ehebruch, usw...) war damals geschaffen worden um ein Minimum an öffentlicher Ordnung aufrecht zu erhalten. Heute kann sie von Machthabern benutzt werden um das Volk kleinzuhalten und zu drangsalieren. (Oder auch wie im Fall Anwar Ibrahim durch zweifelhafte Vorwürfe einen polit. Gegenspieler auszuschalten)

4) Die Verhinderung der Umsetzung von Volkssouveränität

Klar gabs in der damaligen islamischen Gesellschaft Wahlen (unsere ersten vier Kalifen wurden gewählt!), aber die islamischen Gelehrten haben beschlossen das ihre Gesetze direkt von Allah (swt) kommen. Deshalb sind ihre Gesetze unabänderlich und der Mensch dürfe sie nicht einmal in Frage stellen. Damit wird das wichtigste in einem Staat nämlich die Formulierung von bindenden Regeln dem Volk (und seinen gewählten Vertretern) weggenommen und einer kleinen Kaste von hohen Gelehrten übertragen. Und wo die Grenzen der "weltlichen" Gesetzgebung aufhören und das bindende Urteil der Gelehrten beginnt bestimmen wiederum die Gelehrten. Ergo ist damit jede Form von demokratischer Regierung unmöglich gemacht.
Fazit :

Somit hat jeder islamische Fundamentalist eine Ideologie fertig zur Hand um seine Diktatur aufzurichten, er muss sich nur ein Buch über klassische islamische Rechtswissenschaft kaufen und das wars. (Vom Nutzen dieser Rechtsgrundsätze für die heutigen Herrscher in der islamischen Welt fangen wir am besten mal gar nicht an!)

Was mich nervt : Diese meiner Ansicht nach überkommenen Rechtsgrundsätze werden fast nirgendwo in Frage gestellt. Das macht mich wahnsinnig. Ich habe schon häufig mir Brüdern über meine Probleme gesprochen (hier und in einem anderen Land). Ich habe bisher nur zwei gefunden die sich darüber ernsthaft Gedanken gemacht haben. Der Rest sagt entweder das seien viel zu schwierige Fragen über die man sich keine Gedanken machen müsse oder sie sehen einfach das Problem nicht. Ich habe viele Bücher gelesen von westliche Wissenschaftlern und auch von muslimischen Gelehrten aber ich finde kaum jemanden der es wagt Dinge in Frage zu stellen.

Auf den meisten islamischen Webseiten auch Fehlanzeige, dort findet man Konvertiertengeschichten (wir sind ja die schnellstwachsende Religion der Welt, Hurra!; als würden Zahlen etwas aussagen), Fatawa mit den abstrusesten Fragestellungen (mein Favorite : Soll man sich das T-Shirt in die Hose stecken oder nicht von islam-online.net) und ansonsten lauter schöne Artikel die sagen wie toll, lebendig und wunderbar doch alles bei uns zugeht.

Ich kann diese Auffassung echt nicht teilen, wir Muslime sind in einer riesen Krise auf allen Gebieten. Das Recht habe ich nur herausgegriffen weil es sonst zu lange geworden wäre wenn ich alles schreibe was mich stört. Ich denke wir haben dringend eine große Reform nötig. Eine Reform unseres Rechts, unserer Gesellschaftsstruktur, unserer Traditionen und Meinungen. Doch wenn irgendwelche Leute kommen und Anfänge machen werden sie von denjenigen die alles beim alten lassen wollen gnadenlos rausgekickt. Siehe Abu Zaid in Ägypten oder von mir aus Muhammad Kalisch in Deutschland.

Das was mich am meisten nervt ist das ich keine muslimische Organisation oder selbst Einzelpersonen kenne die wirklich dagegen was unternehmen. Die Konservativen predigen immer noch das Zeug von vor ein paar hunder Jahren. Wenns notwendig ist macht man halt vor westlichen Kameras oder deutschen Zeitungen ein bißchen auf tolerant aber ändern tut man nix. Die Fundamentalisten machen das selbe nur in einer etwas noch intoleranteren Version. Natürlich ohne das "Wir-sind-ja-so-nett-und-weltoffen."-Spielchen, da legen die lieber Bomben. Die Normalen verbieten sich entweder das Denken darüber oder ärgern sich mit maximal ein bis zwei Gleichgesinnten im stillen Kämmerlein(was ich ja auch tue).

So das musste jetzt mal einfach sein ! Bitte belehrt mich des Gegenteils wenn ihr anders denkt, aber ich kann es wirklich nicht mehr ertragen wie die Dinge laufen!

Ma'a Salama

Ramadan Karim an alle Brüdern und Schwestern.

Einen schönen Abend an alle die sonst noch mitlesen.

Ayyub
Hallo Ayyub,

eine schwere Situation! Aber für dich vielleicht auch ein Anstoß, sich auf die Suche nach einer Form von Spiritualität zu machen, die dir ehrlicher oder wahrer erscheint.

Forum -> Islam


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