Tora / Torah / Thora


Tora / Torah / Thora
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Tora (hebr. תורה; etymologisch hebr.: jarah = unterweisen, kausat.; andere Schreibweisen: Torah, Thora) bedeutet Lehre, Belehrung, Unterricht, Anweisung. Die Tora ist ein Teil des jüdischen Tanach (der weitestgehend dem alten Testament der christlichen Bibel entspricht).
Die Tora besteht aus fünf einzelnen Büchern (im Christentum die fünf Bücher Mose oder im Griechischen Pentateuch genannt), die im Hebräischen nach dem ersten Wort im Buch benannt sind:

Bereschit (בְּרֵאשִׁית) (Im Anfang schuf ...) Genesis (1. Buch Mose)
Schemot (שְׁמוֹת) (Dies sind die Namen ...) Exodus (2. Buch Mose)
Wajikra (וַיִּקְרָ) (Und es rief JHWH ...) Levitikus (3. Buch Mose)
Bemidbar (בְּמִדְבַּר) (Und es redete JHWH in der Wüste ...) Numeri (4. Buch Mose)
Debarim (הַדְּבָרִים) (Dies sind die Worte ...) Deuteronomium (5. Buch Mose)
Begriffsbestimmung
Das hebräische Wort hat mehrere, verschieden weite Bedeutungen.

Die engste bezeichnet die fünf Bücher Mose, die das Volk Israel laut dessen Überlieferung am Berg Sinai erhielt (siehe auch Pentateuch). Juden reden nicht vom Alten Testament, da dies ein Neues Testament voraussetzte, das es im Judentum nicht gibt, es gibt im Judentum in diesem Sinne also nur ein Testament.
Die Schriftrolle
Im Zusammenhang damit ist mit „Tora“ oft die Torarolle gemeint. Dies ist eine große Rolle aus Pergament, auf der die fünf Bücher Mose in hebräischen Buchstaben (ohne Vokale) von Hand aufgeschrieben sind. Torarollen werden im allgemeinen in der Synagoge aufbewahrt. In Gottesdiensten, vor allem am Shabbat, aber auch an Feiertagen wird aus dieser Torarolle in der Synagoge „gelesen“. Im allgemeinen wird der Text dabei nicht gesprochen, sondern gesungen. Sinn dieser 2000jährigen Tradition ist, das jüdische Volk mit dem Text der Tora vertraut zu machen.

Eine für den öffentlichen Gottesdienstgebrauch vorgesehene Tora wird grundsätzlich per Hand von einem Sofer, einem speziell dafür ausgebildeten Schreiber, geschrieben. Bei guter Aufbewahrung kann eine Torarolle mehrere hundert Jahre „leben“, das heißt unbeschädigt und damit rituell brauchbar bleiben. Die älteste existierende Torarolle stammt von etwa 900 n.Chr., das heißt 1500 Jahre nachdem die Endfassung der Tora geschrieben worden war. Torarollen, die mechanisch oder durch Abnutzung oder hohes Alter beschädigt und somit unbrauchbar geworden sind, werden aus Respekt nicht weggeworfen, sondern in einer Genisa aufbewahrt oder auf einem jüdischen Friedhof begraben. Zum Toraschmuck gehören Mappa (Tuch), Me'il (Mantel), Tass (Schild), Jad (Stab) und Kether (Krone) oder je nach Anlass ein spezieller Aufsatz, Rimonim (Granatapfel).
Die mündliche Tora
Laut traditioneller jüdischer Überlieferung erhielt Israel über Mose jedoch nicht nur diese Schriften (die schriftliche Thora), sondern auch deren mündlich überlieferte Ausdeutung, die den Schlüssel für das Verständnis der schriftlichen Tora liefere. Diese wurde von den Propheten (Neviim) und den weiteren Lehrern des Volkes mündlich überliefert. Schließlich wurden sie von Rabbinern als Mischna und als Gemara, das heißt zusammen als Talmud niedergeschrieben. Die Mischna wurde um das Jahr 200 n.Chr. in schriftlicher Form fixiert, die Gemara bis zum 6. Jahrhundert. Während im Pentateuch neben den erzählenden Teilen 613 Ge- und Verbote aufgelistet werden, werden in der Mischna und der Gemara diese Vorschriften konkretisiert und teilweise faktisch verändert.
Die hebräische Bibel
Eine weitere Bedeutung bezeichnet die gesamte jüdische Bibel (Tanach), also die Tora im engeren Sinne, die Neviim (Prophetenbücher) und die Ketubim (Schriften).
Bedeutung der Tora
Die Tora ist seit mehr als 3500 Jahren wesentliches Element des Judentums, mit seinem klaren Monotheismus, seiner Rechts- und Philosophiegeschichte, seiner Mystik und vor allem seinem hohen ethischen Gehalt. Mit dem Judentum in der Diaspora aber vor allem mit dem Christentum und der Ekklesia (griechisch; deutsch: Kirche) wurde die Tora prägend für das westliche Abendland und prägte den Islam, durch das, was die Tora tatsächlich oder vermeintlich zu sagen hat, und in der Betrachtung, durch das, was man annahm, dass sie zu sagen habe. Für das Judentum ist die Tora wichtiger Hintergrund für das Verständnis ihrer Vergangenheit als Volk und als Zivilisation.
Fundamentalismus - wörtliches Bibelverständnis
Die orthodoxe und besonders die fundamentalistische Tradition innerhalb des Judentums betrachtet die Tora als Gotteswort, das Mosche am Berg Sinai von Gott selbst gegeben wurde. Es wird in einigen orthodoxen Kreisen durchaus eingeräumt, dass sich in der Tradierung des Gotteswortes hier und da einige Schreibfehler eingeschlichen haben könnten, das fechte die Tatsache, dass die Tora das Wort Gottes sei, nicht an. So ist dem orthodoxen bis fundamentalistischen Standpunkt ein Satz wie "Da erschuf Gott den Menschen in seinem Ebenbilde ..." (Gen 1,28) eine Tatsache, da das Wort Gottes per definitionem die Wahrheit selbst ist. Dies impliziert auch, dass jedes Wort der Tora einen Sinn haben muss, da kein Buchstabe Gottes Wortes überflüssig sein könne. Wo die modernen Wissenschaften mit dem Tanach in Widerspruch stünden, werde sich einmal zeigen, dass die modernen Wissenschaften irrten oder wir die Bibel nicht sachgemäß verstünden.
Progressives Bibelverständnis
Bereits von den jüdischen Weisen der Antike weiß man, dass sie die Tora nicht wörtlich nahmen, obschon sie die Tora als von Gott geschrieben ansahen. Die Weisen erkannten, dass der Tanach (die jüdische Bibel) und alles andere, was ihnen überliefert worden war, zahlreiche subtile Metaphern, Wortspiele und Anspielungen enthält und dass er verschiedene literarische Mittel und Poesie benutzt, die einer eindimensionalen Herangehensweise entgegenstehen. Die Weisen sahen es als legitim an, der Tora zu widersprechen.

Das grundlegend Unterscheidende zwischen orthodoxem Judentum und progressivem Judentum ist das Verständnis der Offenbarung. Das nicht-orthodoxe Judentum sieht die Offenbarung in der Tora nicht als absolut und unveränderbar, sondern als einen fortschreitenden Dialog des Volkes Gottes mit seinem Gott. Die jüdische progressive Zivilisation ist in der Zeit von Menschenrechten, demokratischen Entscheidungen und Naturwissenschaften vor allem um die Observanz (das bedeutet Einhaltung) der Moralgesetze bemüht. Sie glaubt nicht, dass der Tanach, die Tora das unabänderliche Wort Gottes ist, aber dass diese im Kern göttlich inspiriert sind. Die Offenbarung ist ein fortschreitender Prozess. Gott offenbart die Inhalte seines Willens und seiner Gebote jeder Generation neu. Diese Haltung macht es möglich, die tradierte jüdische Rechtspraxis dort zu ändern, wo sie nach progressiver Auffassung den ethischen Normen des Judentums nicht mehr entspricht. Dazu zählen bestimmte Regeln in Bezug auf Scheidung, Mamser (d.h. ein aus einer inzestuösen oder ehebrecherischen Beziehung stammendes Kind), Kohanim (Priester), Homosexuelle etc. und vor allem die volle religiöse Gleichberechtigung von Frauen. Im progressiven Judentum wird die Ausführung der Mitzwot angepasst und in die verantwortliche Entscheidung des Einzelnen gestellt.

Das progressive Judentum bestimmt für sich jedoch Teile der Tradition, die immerwährende Bedeutung haben, getrennt von solchen, die einem, sich in der jüdischen Zivilisation wandelnden Weltbild folgend, zeitbedingt und relativ sind. Wertelemente der jüdischen Tradition und des Judentums von Dauer sind der Schabbat, das Streben nach Gerechtigkeit und die Heiligkeit des Lebens. Zeitbezügliche, relative Wertelemente sind zum Beispiel das Tempelopfer und die unbedingte Macht des Mannes über seine Frau (als juristische Sache). Heute wird die Tora von der Mehrheit der Juden in moderner Weise, mit Hilfe erkenntnistheoretischer Kriterien gedeutet. Das Gewissen, die Vernunft, ethische Überlegungen, Erkenntnisse der Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften beschränken die Bedeutung und die Auswirkung der Beispiele, Gebote und Verbote des Tanach, der Tora.
Die fünf Bücher Mose im Christentum
Das Alte Testament (AT) ist dreigegliedert, wie der Tanach. Der Pentateuch eröffnet die christliche Bibel, wie den Tanach. Dabei bildet die Tora jedoch keine eigene Einheit, sondern ist meist mit den vorderen Propheten (Josua, Richter, Samuel, Könige) und den Büchern Ruth, Chronik, Esra, Nehemia und Ester als Gruppe der Geschichtsbücher sortiert. Die katholische Kirche zählt zu den Geschichtsbüchern noch die Bücher Tobit und Judith, die nicht Teil der hebräischen Bibel sind. In anderer Reihenfolge bezüglich des Tanach folgen im AT die Schriften (Ketubim) und dann nur die hinteren Propheten (Nebiim). Mit der abweichenden Sortierung gehen im Christentum Abweichungen des Verständnisses des Pentateuch einher. Die fünf Bücher Mose werden nicht mehr als Lehre, Gesetz gelesen, sondern als Geschichtsbücher. Es stehen dem Christentum nicht mehr die Lehren und Gesetze im Vordergrund, sondern die Verheißungen - besonders die Abraham-Verheißung - und die Erzählungen von Gottes geschichtlichem Handeln. Durch das Neue Testament, insbesondere der Bergpredigt, sind von den Lehren und Gesetzen der fünf Bücher Mose besonders die Zehn Gebote von großer Wichtigkeit.