Talmud


Talmud
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Talmud: Beginn des Traktats "Berachoth". In der Mitte die Mischna, außen die Gemara.Der Talmud (hebräisch: תלמוד, Belehrung, Studium) ist nach dem Tanach, der hebräischen Bibel, das bedeutendste Schriftwerk des Judentums. Er ist sehr viel umfangreicher als die Bibel, vollständige Ausgaben kommen auf fast 10.000 Seiten in einem Dutzend Bänden. Es gibt verschiedene Traditionen des Talmud.
Entstehung und Bedeutung
Der Talmud liegt in zwei großen Ausgaben vor. Nach Umfang und inhaltlichem Gewicht ist der Talmud Bavli, der Babylonische Talmud, das bedeutendere Werk. Er entstand in den relativ großen, geschlossenen jüdischen Siedlungsgebieten, die nach der Zerstörung Jerusalems durch die Römer im judenfreundlicheren Perserreich existierten, genauer gesagt im Gebiet des heutigen Irak. Daneben steht der erheblich kürzere, in seinen Bestimmungen oft weniger strenge und weniger wichtige Talmud Jeruschalmi, der in Palästina entstand und daher der Palästinische oder Jerusalemer Talmud genannt wird. Wenn einfach vom Talmud gesprochen wird, ist in der Regel der Babylonische Talmud gemeint.

Nach jüdischer Tradition, die auf Maimonides zurückgeht, gilt Rabbi Jochanan († 279 u. Z.) als Verfasser des Palästinischen Talmuds. Da jedoch im Text später lebende Personen genannt werden, ist eine Endredaktion frühestens in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung (u. Z.) anzunehmen.

Der Babylonische Talmud wurde von den Rabbinern Abba Areka (genannt Raw) und Samuel Jarchinai (Mar) im Jahre 200 u. Z. in Babylon während der Blütezeit des dortigen Judentums begonnen. Als maßgeblicher Redaktor gilt Rab Aschi († 427 u. Z.). Seine endgültige Form fand er wohl gegen Mitte des 5. Jahrhunderts u. Z.

Im Laufe der Geschichte wurde auch der Talmud wiederum kommentiert. Hier ist vor allem der Kommentar des französischen Rabbiners Schlomo ben Jitzchak, genannt Raschi, aus dem 11. Jahrhundert zu erwähnen, der in heutigen Talmudausgaben gewöhnlich mit abgedruckt wird.
Aufbau und Inhalt
Das Judentum sieht seinen Ursprung in den Moses am Berg Sinai gegebenen Gesetzen, die in der Tora aufgezeichnet sind. Die Erzählungen und Weisungen der Tora wurden von jüdischen Gelehrten kommentiert und zunächst mündlich (auch als mündliche Tora bezeichnet), viel später dann auch schriftlich tradiert. Diese Tradition wurde im 2. Jahrhundert u. Z. in der Mischna (hebräisch: Wiederholung) unter redaktioneller Federführung von Jehuda ha Nasi (genannt Rabbi) gesammelt. Aus dieser Vorgehensweise ergibt sich der durchgängig dialogische Stil des Talmud. Das bevorzugte Mittel der Darstellung ist der Dialog zwischen verschiedenen rabbinischen Lehrmeinungen, der am Ende zu einer Entscheidung führt und den maßgeblichen Stand der Tradition wiedergibt.

Der Talmud umfasst die Mischna und ergänzt sie durch die kommentierende Diskussion in der Gemara (aramäisch: Lehre, Wissenschaft). Dabei steht die Mischna in heutigen Ausgaben gewöhnlich in der Mitte einer Druckseite, und die dazugehörige Gemara ist in kleinerem Druck rundherum angeordnet. Auf der gegenüberliegenden Seite findet sich meist Raschis Kommentar und eventuelle weitere Kommentartexte.

Der Überlieferungsstoff wird der Form nach unterschieden in gesetzliche Bestimmungen (Halacha) und erzählerische oder erbauliche Betrachtungen (Haggada).

Neben dem Hebräisch ist vor allem Aramäisch Sprache des Talmuds. Der Talmud wird gewöhnlich in den Originalsprachen studiert.
Deutschsprachige Ausgabe
Im Jüdischen Verlag erschien 1929 - 1936 die erste und bisher einzige vollständige und unzensierte deutsche Übersetzung des Babylonischen Talmud. Die Übersetzung stammt von Lazarus Goldschmidt. Diese Ausgabe umfasst 12 Bände.

Im Seitenaufbau weicht sie von den gängigen Ausgaben ab. Die Mischna ist in Kapitälchen gesetzt. Darunter folgt die Gemara im normalen Satz. Sie wird jeweils mit dem in Großbuchstaben gesetzten Wort "Gemara" eingeleitet. Zusätzliche Anmerkungen zur Mischna oder Gemara sind als Fußnoten gesetzt.

In der Originalausgabe und in den Nachdrucken gibt es nur ein Inhaltsverzeichnis pro Band, kein Gesamtverzeichnis für alle Bände. Auch die Einteilung in Sektionen geben diese Verzeichnisse nicht wieder.
Sogenannte "Talmud-Zitate" im Antisemitismus/Antijudaismus
In judenfeindlichen Publikationen werden seit dem Mittelalter Stellen aus dem Talmud zitiert, um die jüdische Tradition in Misskredit zu bringen. Teilweise handelt es sich bei den "Zitaten" um schlichte Fälschungen. Aber auch die echten Zitate sind in der Regel aus dem Zusammenhang gerissen und missachten die im Talmud vorherrschende Form der dialogischen Annäherung an ein Thema. Talmudische Diskussionen zwischen den Positionen einzelner Rabbinen und verschiedener Schulen spiegeln den Prozess der Verschriftlichung der mündlich überlieferten Tora. In solchen Auseinandersetzungen werden oft auch bewusst abstruse Thesen (etwa: "Nichtjuden sind keine Menschen") in die Diskussion geworfen, um sie daraufhin im Dialog zu widerlegen. Antijudaisten verwenden bevorzugt solche Thesen, verschweigen jedoch die folgenden Antithesen, sodass ein verfälschter Gesamteindruck zu den religiösen Leitlinien des Talmuds und damit auch der jüdischen Religion entsteht.
Talmud-Gelehrte
Die wichtigsten Talmud-Gelehrten des 20. Jahrhunderts:

Orthodox
Rabbi Shlomo Zalman Auerbach
Rabbi Yechiel Michel Epstein (Autor des halachischen Werkes Aruch HaShulchan).
Rabbi Moshe Feinstein
Rabbi Yosef Eliahu Henkin
Rabbi Yisrael Meir Kagan (der Chofetz Chaim, Autor der Mishnah Berurah)
Rabbi Avraham Yesha'yahu Karelitz (der sog. Chazon Ish)
Rabbi leazar Menachem Shach
Rabbi Joseph Soloveitchik
Rabbi Adin Steinsaltz
Rabbi Yehiel Yaakov Weinberg (Seridei Eish)
[Bearbeiten]
Konservativ
Rabbi Louis Ginzberg
Rabbi Saul Lieberman
Dr. Judith Hauptman
Rabbi David Weiss Halivni
Rabbi Jacob Neusner