Apokalypse


Apokalypse
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Eine Apokalypse (griechisch: αποκάλυψις, „Enthüllung“) ist eine Literaturgattung, die von einer Vision des Weltendes und der neuen oder verwandelten Welt berichtet. Das Verbum "apokalyptein" heißt "aufdecken", was zuvor verborgen war: nämlich die unvorhersehbare, endgültige Zukunft der Weltgeschichte. Apokalypsen beziehen sich meist auch auf konkrete historische Ereignisse: Sie schildern radikale innerweltliche Veränderungen in Metaphern des Weltuntergangs oder sie deuten sie geistlich, indem sie sie auf eine endzeitliche Äonenwende oder ein Endgericht beziehen.

Apokalypsen sind also theologische Geschichtsdeutungen, die die kommende Geschichte aus der vergangenen und die vergangene von der zukünftigen her zu interpretieren suchen und so ein umfassendes Bild vom Weltlauf entwerfen. Dazu verwenden sie eine metaphorische und mythische Sprache: Konkrete historische Nationen, Personen und Ereignisse werden als Symbole und Bildmotive - häufig als "Tiere" - beschrieben. Oft erscheinen Engel als Offenbarer der Zukunft oder Deuter der Zukunftsvisionen. So ist ihre Enthüllung eng mit einer Engellehre verbunden.
Antike
Schon in den Schöpfungsmythen Assyriens und Babyloniens, z.B. dem Gilgamesch-Epos, tauchen apokalyptische Vorstellungen auf. Im Zoroastrismus Persiens wird die Idee eines Endkampfes zwischen "Gut" und "Böse", "Licht" und "Finsternis" geprägt. Von da aus dringt sie in den Hellenismus ein, der wiederum seit Alexanders Besetzung Kleinasiens (ab 333 v. Chr.) auch das Gebiet des heutigen Palästina beeinflusst.
Judentum
Als Literaturgattung hatte die Apokalypse ihre Blütezeit im Judentum des zweiten Tempels (539 v. Chr.) bis zu dessen Zerstörung (70. n. Chr.). Spätere apokalyptische Literatur knüpfte meist an vorgegebene biblische Überlieferungen an.

Endzeiterwartungen begegnen schon im 8. Jahrhundert v. Chr. in der frühen Unheilsprophetie: Amos kündete im Nordreich Israel einen "Tag JHWH"s an, der "Finsternis, nicht Licht" für Israel bringen werde (Am. 5, 18-20). Micha verkündet Ähnliches im Südreich, verbunden mit einer endzeitlichen "Völkerwallfahrt" zum Zion, dem Tempelberg in Jerusalem (Mi. 4). Jeremia greift 200 Jahre später auf Michas Unheilsprophetie zurück; seine Prophetie bezieht sich auf die politischen Ereignisse bis zur ersten Tempelzerstörung und Exilierung der judäischen Oberschicht (586 v. Chr.).

In der exilischen Prophetie Israels werden innergeschichtliche Gerichte, die Fremdherrscher an Israel vollstrecken, mit einem Völkergericht verbunden und universalisiert (z.B. Jes. 2, Jo. 4). Auch die Messiaserwartung ist tendenziell apokalyptisch, da der Messias die Unrechts- und Gewaltgeschichte der Welt abbricht und zu einem gerechten Ende führt (Jes. 9). Bei Jesaja wird der Messias als Weltrichter dann schon mit der Vorstellung einer endgültigen Verwandlung des ganzen Kosmos einschließlich der Naturgesetze verknüpft (Jes. 11).

Bei dem späteren Exilspropheten Ezechiel (Hesekiel) wird die Verkündigung des nahenden Endgerichts (Ez. 7) mit Visionen verbunden, die auf vergangene Geschichte zurückblicken und diese "vorhersagen": nicht nur die "Greuel" (Ez. , die die Zerstörung des ersten Tempels (Ez. 9) und den Untergang des Königtums (Ez. 19) herbeiziehen, sondern auch den Sieg Nebukadnezars über Ägypten (Ez. 29-32). Noch unverbunden damit tritt nun auch die Vorstellung einer jenseitigen Totenerweckung (Ez. 37) hervor.

Im Buch Daniel (170 v. Chr.) verdichten sich diese Motive zur großen Vision vom Endgericht (Dan. 7), das die endgültige Wende der ganzen Weltgeschichte bringt: Alle Gewaltherrschaft wird vernichtet. Der "Menschenähnliche" - Gottes ursprüngliches Ebenbild - erscheint, erhält Gottes volle Macht und verwirklicht damit die von den Propheten angekündete ewige Gottesherrschaft. Vom Messias und einer innergeschichtlichen Umkehr der Völker zum Gott Israels ist keine Rede mehr; dennoch bewahrt diese Apokalyptik Verheißungen der älteren Prophetie in der Situation akuter Existenzbedrohung Israels unter Antiochus IV..

Im 2. und 1. vorchristlichen Jahrhundert entstehen weitere Bücher mit apokalyptischer Thematik, z.B. der äthiopische Henoch, das Vierte Buch Esra und die "Kriegsrolle" von Qumran (etwa 130 v. Chr.). Davon wurde um 100 n. Chr. bei der Synode von Jawne aber nur das Buch Daniel als legitime Fortsetzung der biblischen Prophetie in den Kanon des Tanach aufgenommen.
Urchristentum
Jesus predigt vom Reich Gottes und vom Menschensohn ist durch und durch von der biblischen Prophetie und Apokalyptik geprägt. Aber die Unheilserwartung, die dort oft mit dem Weltende verbunden ist, wird nun im Anschluss an Deuterojesaja stärker eingebettet in die übergreifende Heilserwartung einer Rettung aller, auch der verlorenen und dem Endgericht verfallenen Kreaturen.

Jesu Kreuzestod wird von den Urchristen als stellvertretende Übernahme dieses Endgerichts, seine Auferweckung als rettende Vorwegnahme der endzeitlichen Wende der Weltgeschichte gedeutet. Sie sind die zentralen Heilsereignisse des christlichen Glaubenbekenntnisses: So wird die Apokalyptik zur "Mutter der christlichen Theologie" (Ernst Käsemann). Sie tritt in den Evangelien nun hinter die Verkündigung des schon gekommenen Christus zurück. Aber die "kleine Apokalypse" des Markusevangeliums (Mk. 13) wird von allen Evangelien übernommen. Besonders Matthäus malt das Endgericht als Selbstoffenbarung des Weltrichters und endgültige Entscheidung zwischen echten und falschen Nachfolgern Jesu aus (Mt. 24).

Ein insgesamt apokalyptisches Buch ist im Neuen Testament nur die Offenbarung des Johannes; unter anderen urchristlich-apokalyptischen Schriften wurde nur sie in den Kanon des Neuen Testaments aufgenommen. Sie wird daher im Christentum meist auch als Apokalypse bezeichnet. Sie knüpft deutlich an die älteren Motive des Danielbuches an: Der Seher erfährt in seinen Visionen durch Engelfürsten die Zukunft der Erde bis zum Weltende. Damit bewahrt das Urchristentum die Zukunftsdimension des Judentums: Das endgültige Heil, die Verwandlung der Welt, steht trotz bereits geschehener "Erlösung" noch aus.

Der Begriff Apokalyptik bezeichnet den gesamten Vorstellungskomplex, der in den "Apokalypsen" zum Ausdruck kommt. Der theologische Fachterminus für prophetische und apokalyptische Zukunftserwartungen ist die Eschatologie.
Grundgedanken der apokalyptischen Theologie
Die Apokalyptik ist auf Geschichte bezogen, erwartet die Wende vom Unheil zum Heil aber nicht mehr als ein Eingreifen Gottes in der Weltgeschichte, sondern als ein Eingreifen zu deren Beendigung. Insofern herrscht hier gegenüber der älteren Prophetie eine pessimistische Grundstimmung: Die ganze Weltgeschichte wird als Unheilsgeschichte gesehen, die einem schrecklichen Ende zutreibt.
An Gottes Herrsein über die Geschichte wird nicht gerüttelt: Gott selbst habe den plötzlichen, katastrophalen Abbruch der Weltgeschichte von Ewigkeit her festgelegt (Gedanke der Vorsehung Gottes - lateinisch "Providentia Dei" oder theologischer Determinismus).
Das endgültige, von Gott allein gesetzte Ende der Geschichte wirft aber oft in der Geschichte selbst seine Schatten voraus: Es wird in manchen Apokalypsen als Endkampf Gottes gegen den Satan und seinen dämonischen und menschlichen Anhang hingestellt, der bereits in der Gegenwart begonnen hat und sich verborgen durch die Weltgeschichte zieht.
Dieser Endkampf zwischen "Gut" und "Böse", Licht und Finsternis kann die Gestalt eines apokalyptischen Dualismus annehmen. Im Zoroastrismus und später im Gnostizismus wird dieser Kampf schon in die Schöpfungsgeschichten vorverlagert, so dass im Grunde zwei Gottheiten miteinander kämpfen. Das "böse Prinzip" wird mit dem Schöpfergott (dem "Demiurgen") verbunden, so dass Schöpfung und Erlösung in einen unauflösbaren Konflikt miteinander treten: Erlösung gibt es dann nicht mehr in dieser Welt, sondern nur als Befreiung aus ihr. Dies steht in gewisser Spannung zum Gedanken der Vorsehung.
In der biblisch-jüdischen Apokalyptik wird dagegen an der Einheit der an sich guten Schöpfung festgehalten: Die neue Schöpfung ist keine andere Welt, sondern verwandelt diese Welt von Grund auf. Das Endgericht bricht die Geschichte ab, die von widergöttlichen Mächten beherrscht, aber von Gott dennoch gelenkt wird. Die Verwandlung der Welt ist allein Gottes Werk. Nur er kann die endgültige Gerechtigkeit bringen und weltweit durchsetzen. Sein Sieg steht von Ewigkeit her fest.
Mit diesen Grundgedanken sind aber eine Reihe von oft unausgeglichenen Motiven und Bildern verbunden: Dazu gehören z.B. die Cherubim bei Ezechiel, der Menschenähnliche bei Daniel oder die vier Apokalyptischen Reiter als Symbole für Krankheit, Hunger, Krieg und Tod. Es heißt, das sie am Ende der Welt über die Erde reiten und das verbreiten werden, wofür ihr Name steht.