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Lieber Nasruddin
Diese Geschichte einer Religionsgemeinschaft, die hier "die Christen" genannt wird zeigt uns doch noch mehr, als dass der Muslim der Meinung sein sollte, dass die Evangelien verfälscht sind und die einzige Wahrheit im Koran steht.
Diese Geschichte ist viel universeller und erst dadurch war!
Wäre sie nur als Abgesang auf das Christentum und unsere Kirche gedacht, würde ich sie ablehnen.
Aber als universelle Wahrheit des Schicksals jeder Religion ist sie goldwert!
Denn die Geschichte sagt uns wie es ist: Religionen werden im Laufe der Zeit verschieden gelehrt, interpretiert und gelebt. Am Ende kommt es zu Spaltungen in Gruppierungen von denen jede meint die alleinige Wahrheit zu haben.
Wir kennen das aus dem Christentum, wo v.a. der Protestantismus in unüberschaubar viele Denominationen zerfallen ist, die alle meinen sie hätten als einzige das Wort Gottes richtig erfasst.
Wir kennen das aber auch aus dem Islam, wo Schiiten, Sunniten, darunter auch Wahhabiten, Aleviten, Ahmadiyas usw. alle für sich beanspruchen die wahren Erben zu sein.
Aber wir kennen das auch aus dem Judentum, wo es Orthodoxe und nicht orthodoxe gibt. Wo es Leute gibt, die Jesus anerkennen, die Juden-Christen und wo es Leute gibt, die Johannes den Täufer anerkennen, aber nicht Jesus...
Wir kennen das aus dem Hinduismus: manche Hindus sind Polytheisten, manche Monotheisten. Eine Abspaltung des Hinduismus, der Buddhismus ist sogar atheistisch und selbst wiederrum in unzählige verschiedene Schulen geteilt.
Das Problem des Zerfalls ist also universell.
Es ist offenbar das Schicksal jeder Religion. So universell sie sich selbst auch gibt.
Und diese Tatsache erforderte im Grunde folgende Geschichte:
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Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781)
Die Ringparabel
Vor grauen Jahren lebt' ein Mann in Osten,
Der einen Ring von unschätzbarem Wert
Aus lieber Hand besaß. Der Stein war ein
Opal, der hundert schöne Farben spielte,
Und hatte die geheime Kraft, vor Gott
Und Menschen angenehm zu machen, wer
In dieser Zuversicht ihn trug. Was Wunder,
Dass ihn der Mann in Osten darum nie
Vom Finger ließ; und die Verfügung traf,
Auf ewig ihn bei seinem Hause zu erhalten?
Nämlich so. Er ließ den Ring
Von seinen Söhnen dem geliebtesten;
Und setzte fest, dass dieser wiederum
Den Ring von seinen Söhnen dem vermache,
Der ihm der liebste sei; und stets der liebste,
Ohn' Ansehn der Geburt, in Kraft allein
Des Rings, das Haupt, der Fürst des Hauses werde.
So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn,
Auf einen Vater endlich von drei Söhnen;
Die alle drei ihm gleich gehorsam waren,
Die alle drei er folglich gleich zu lieben
Sich nicht entbrechen konnte.- Was zu tun?
Er sendet in geheim zu einem Künstler,
Bei dem er, nach dem Muster seines Ringes,
Zwei andere bestellt, und weder Kosten
Noch Mühe sparen heißt, sie jenem gleich,
Vollkommen gleich zu machen. Das gelingt.
Dem Künstler. Da er ihm die Ringe bringt,
kann selbst der Vater seinen Musterring
Nicht unterscheiden. Froh und freudig ruft
Er seine Söhne, jeden insbesondere;
Gibt jedem insbesondere seinen Segen, -
Und seinen Ring, - und stirbt.
Kaum war der Vater tot, so kömmt ein jeder
Mit seinem Ring, und jeder will der Fürst
Des Hauses sein. Man untersucht, man zankt,
Man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht
Erweislich; - Wie gesagt: die Söhne
Verklagten sich; und jeder schwur dem Richter,
Unmittelbar aus seines Vaters Hand
Den Ring zu haben. - Wie auch wahr! -
Der Richter sprach: Ich höre ja, der rechte Ring
Besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen;
Vor Gott und Menschen angenehm. Das muss
Entscheiden! Denn die falschen Ringe werden
Doch das nicht können
Und also, fuhr der Richter fort: Wohlan!
Es eifre jeder seiner unbestochnen
Von Vorurteilen freien Liebe nach!
Es strebe von euch jeder um die Wette,
Die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag
Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,
Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
Mit innigster Ergebenheit in Gott
Zu Hilf!
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Natürlich wurde diese Geschichte für Juden, Christen und Muslime geschrieben.
In meinen Augen gilt sie aber auch für Angehörige jedweder Religion.
Das nur als Ergänzung.
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