Verfolgung der Bahai im Iran


191. Sitzung im Bundestag 23. September 2016

Bericht der Bundesregierung zur weltweiten Lage der Religions- und Weltanschauungsfreiheit. ​

In der Debatte im Bundestagplenum folgende Aussage von Herrn Volker Beck (Bündnis Grüne)

Die Christen sind die größte religiöse Gruppe auf dieser Welt.

Deshalb ist es nicht besonders verwunderlich, dass sie auch unter den Religionsverfolgten die größte Gruppe darstellen.

Eine Gruppe wie die Bahai, die weltweit nur wenige Millionen Mitglieder hat, aber eine eigenständige Weltreligion ist, kann mit den Zahlen der Christen selbstverständlich nicht mithalten. Aber schauen wir uns an, wo die meisten Bahai leben, im Iran und in Ägypten, dann sehen wir, dass diese Gruppe von den staatlichen Stellen am intensivsten verfolgt wird, weil sie unter das Apostasieverbot des Islam fällt und oftmals sozial-bürgerrechtlich überhaupt nicht zur Kenntnis genommen wird.

Herr Kauder, Sie selber waren wegen der Kopten in Ägypten. Sie haben sicher auch Bahai-Vertreter getroffen.

Die haben oftmals keine Geburtsurkunden, sie können am wirtschaftlichen Leben nicht teilnehmen, weil sie formalrechtlich nicht existent sind und keine Unterlagen über ihre Existenz bekommen. Obwohl sie gut ausgebildete Leute sind, sind sie völlig ausgeschlossen und müssen immer fürchten, Opfer von Gewalttätigkeiten randalierender Banden zu werden.

Es bringt nichts, dahin zu schauen und zu sagen: Das ist aber eine kleine Gruppe, die Christen sind eine große Gruppe.

– Wir müssen uns um jeden und jede Einzelne kümmern, deren Religionsfreiheit in Gefahr ist.


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Befasst euch gründlich mit den Nöten der Zeit, in der ihr lebt, und legt den Schwerpunkt eurer Überlegungen auf ihre Bedürfnisse und Forderungen.
Bahá'u'lláh
Hallo,
dann eben formal Moslem oder Kopte werden, Personenstandsurkunden erhalten wenn der Status religionslos in Ägypten staatlicherseits nicht existiert.

Hier gibt es auch viele "Christen" die seit der Konfirmation/Kommunion keine Kirche von innen sahen.

Und in der eigenen Wohnung Texte des Bab zu lesen ist ja dann trotzdem möglich.
linde hat folgendes geschrieben:
Aber schauen wir uns an, wo die meisten Bahai leben, im Iran und in Ägypten, dann sehen wir, dass diese Gruppe von den staatlichen Stellen am intensivsten verfolgt wird, weil sie unter das Apostasieverbot des Islam fällt und oftmals sozial-bürgerrechtlich überhaupt nicht zur Kenntnis genommen wird.

Vorweg - die Christen sind auch in Relation die am stärksten verfolgte Religion. Ca. 30 von 100 Menschen sind weltweit Christen, aber ca. 80 von 100 religiös Verfolgten, d.h. Christen sind überproportional vertreten in der Gruppe der religiös Verfolgten. Am meisten Verfolgung gibt es dabei in den islamischen Staaten. Das bedeutet der typische Fall eines religiös Verfolgten des 21. Jahrhunderts ist ein Christ in einem islamischen Land.
Die Bahais haben das Pech, aus dem Islam hervorgegangen zu sein und deshalb zahlreich in islamischen Ländern zu leben, wobei ich ja glaube, dass die zahlenmäßig größte Bahai-Gemeinde in Indien zu finden ist. Von dort habe ich noch nichts von Diskriminierung gehört. Der Hinduismus ist traditionell religiös tolerant, wobei insbesondere seit Mitte des 20. Jahrhunderts radikal-nationalistische Strömungen bestehen, die auch Andersgläubige verfolgen.

Im Islam ist sicher die Verquickung von Staat und Religion das Grundproblem, das diese Religion so schwer mit einem modernen Staat kompatibel macht. Mohammed legte eben nicht nur eine spirituelle und sittliche Lehre vor, sondern prägte auch ein bestimmtes weltliches Rechtssystem, das laut traditioneller Islam-Auslegung als göttliches Recht zeitlos anzuwenden ist. Das volle Staatsbürgerrecht darf im Islam nur Moslems zuerkannt werden, Christen und Juden sind teilrechtsfähig und andere Religionsangehörige oder Ungläubige haben gar keine Rechte (außer das Land zu verlassen).
Aber die Verquickung von Religion und Staat dürfte dich als Bahai ja eigentlich nicht grundsätzlich stören. Bahaullah hat ja ebenfalls weltliche Gesetze, z.B. im Strafrecht erlassen und z.B. angeordnet, dass der Brandstifter zu verbrennen ist, oder den Dieb auf der Stirn zu kennzeichnen. Insofern dürfte dich die Tatsache der Vermischung von religiöser und staatlicher Sphäre an sich nicht so sehr aufregen. Schlimm ist es natürlich, wenn die eigene Gruppe selbst von so etwas betroffen ist. Aber als Bahai wirst du gegenüber islamischen Autoritäten jedenfalls nicht argumentieren können, für eine grundsätzliche Trennung von staatlichen und religiösen Gesetzen einzutreten, weil das bei deiner eigenen Religion nicht der Fall ist.
Burkl hat folgendes geschrieben:
Schlimm ist es natürlich, wenn die eigene Gruppe selbst von so etwas betroffen ist.

Im Kitab-i-Aqdas steht: Verkehret mit allen Religionen in Herzlichkeit und Eintracht.
Deshalb wird ein Mangel an Religionsfreiheit als falsch angesehen, und das nicht nur dann, wenn es die eigene Gruppe betrifft.
5 Tage Hafturlaub für Mahvash Sabet Shahriari

https://www.facebook.com/4992958084.....45841/?type=3&theater

Für mich sind unsere geliebten Freunde im Iran große Vorbilder, in ihrer Haltung, ihrer Geduld, ihrer Liebe, ihrer Standhaftigkeit, ihrer Ausdauer, ihrem ungebeugten Willen, und vor allem in ihrer Unverbittertheit, ihrem Mangel an Hass auf ihre Peiniger, und und und...

Sieht normalerweise eine Frau so aus, die seit vielen Jahren unschuldig schlimmste Schikanen etc. im Gefängnis erleben muss? Immer wieder hört man von den Gefangenen auch, dass sie ganz deutlich die Wirkung der Gebete spüren, die ihre Bahai-Freunde weltweit für sie sprechen.
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Bahá'u'lláh
@Burkl

Zitat:
Im Islam ist sicher die Verquickung von Staat und Religion das Grundproblem


Hier sollte man vorsichtig sein und nicht die politisch-religiösen Fantasien von Islamisten automatisch mit 'dem Islam' oder gar der historischen Wahrheit gleichsetzen.

Der Leitspruch ad-daula al-islamiya (der Islamische Staat) der Islamisten existiert überhaupt erst seit dem 20. Jahrhundert. Korrekt ist die Annahme das in einem islamischen Gemeinwesen die schari'a (Islamischer Lebensweg) eine zentrale Rolle spielt, aber alles darüber hinaus war schon immer Sache von Interpretation und Diskussion. Die klassische Regierungsform des Islam, wenn man denn solch eine Sache benennen möchte, ist die Monarchie, was nicht anders ist als im Christentum. Seit einigen Dekaden ist es nun aber die Republik geworden, wie es irgendwann auch im christlich geprägten Kulturraum geschah.

Zitat:
Das volle Staatsbürgerrecht darf im Islam nur Moslems zuerkannt werden, Christen und Juden sind teilrechtsfähig und andere Religionsangehörige oder Ungläubige haben gar keine Rechte (außer das Land zu verlassen).


Auch das ist letztlich Interpretation.

Als christliche Theologen oder Juristen des kirchlichen Rechtes sich mit solchen Themen noch auseinandersetzten waren sie ebenso der Meinung das nur ein rechtgläubiger Christ ein vollständiges Mitglied eines christlichen Gemeinwesens seien könnte. Heute beschränkt man solche Ansprüche, wenn überhaupt noch, auf die Kirche.

Ob der klassische Islam überhaupt so eine Sache wie die Bürgerschaft in einem modernen Staat kennt ist schon fraglich. Staat wie wir ihn kennen ist eine neuzeitliche, westliche Erfindung. Seine Adaption blieb aber für den Rest der Welt unumgänglich aufgrund der schieren Macht und Effizienz die diese Institution mit sich brachte. An sich führen Islamisten ihre Mission schon in absurdum das sie einen solchen Staat errichten wollen, der doch eigentlich die Erfindung von Ungläubigen ist.

Zitat:
Der Hinduismus ist traditionell religiös tolerant, wobei insbesondere seit Mitte des 20. Jahrhunderts radikal-nationalistische Strömungen bestehen, die auch Andersgläubige verfolgen.


Du weißt ja drauf hin das auch der Buddhismus eine politisierte, radikalisierte Form kennt. hindutva kann man vielfach durchaus als Parallele zum Islamismus verstehen oder auch etwa zu reaktionär-nationalistischen Interpretationen von Christen- oder Judentum.

Beim Hinduismus kommt allerdings dazu das dieser selbst heute noch vielfach eher eine Gruppe von Religionen denn einer Religion ist. Diesen religionsinternen Pluralismus gibt es freilich in anderen Religionen auch, im Hinduismus ist er aber besonders ausgeprägt.

Zitat:
Aber die Verquickung von Religion und Staat dürfte dich als Bahai ja eigentlich nicht grundsätzlich stören.


Baha'ullah war gewiss kein Laizist, aber genauso wenig strebte er nach einer Integration von Staat und Religion. Seine Aussagen das ihm dieser Gedanke zuwider ist sind tatsächlich Legion. Geradezu ätzend war seine Kritik diesbezüglich an den islamischen Religionsgelehrten oder den militanten Babi. Selbst die Existenz des Kirchenstaats erschien ihm absurd.

Nur wenige Beispiele:

Wir haben nicht den Wunsch, Hand an eure Reiche zu legen. Unser Auftrag ist, von den Herzen der Menschen Besitz zu ergreifen.

Seit diesem Tag erschien Mir aller Schmuck der Welt wie in diesem Schauspiel [über den Prunk des persischen Hofs]. … Der Mensch muß die kurze Spanne seines Lebens aufrichtig und gerecht durchschreiten. … In den Augen der Einsichtsvollen sind all diese Konflikte, Streitigkeiten und prahlerischen Eitelkeiten auf ewig wie kindliche Spiele und Zeitvertreib.

Achtung vor dem Rang der Herrscher ist göttlich verordnet, wie es durch die Worte der Propheten Gottes und seiner Erwählten klar bekundet wird. [Hier zitiert Baha'ullah im Anschluss Jesus bezüglich des Tributs an den Römischen Kaiser.]

Zitat:
Schlimm ist es natürlich, wenn die eigene Gruppe selbst von so etwas betroffen ist.


Religiöse Toleranz ist ein Grundwert der Offenbarungstexte der Baha'i-Religion. Ein Zitat wurde dir hierfür schon von anderer Seite geliefert.

Zitat:
ber als Bahai wirst du gegenüber islamischen Autoritäten jedenfalls nicht argumentieren können, für eine grundsätzliche Trennung von staatlichen und religiösen Gesetzen einzutreten, weil das bei deiner eigenen Religion nicht der Fall ist.


Zumindest für ein deutlich anderes Verhältnis kann man sehr wohl argumentieren, wenn nicht gar direkt aus der Offenbarung zitieren.

Nirgendwo auf der Welt gibt es eine Vermengung zwischen weltlichem Recht und Baha'i-Recht. Es ist Baha'i auch schlicht verboten politische Macht an sich zu reißen oder anderen ihren Glauben auch nur in irgendeiner Art aufzuzwingen. Ersteres wurde hier bereits mit Zitaten belegt, letzteres kann ich auf Wunsch gern nachliefern.
@Tobias

Sehr interessante Ausführungen - danke dafür.

Interessanterweise lässt du die drakonischen und rigiden Anordnungen Bahaullahs im Strafrecht, wie z.B. die Verbrennung des Brandstifters und die Kennzeichnung des Diebes auf der Stirn (samt Ausschluss aus der Gesellschaft) aus. Wahrscheinlich weil es nicht in das Bild des Bahaitums als der zeitgemäßesten Religion passt, die deiner Ansicht nach unser christliches Fundament in Europa ersetzen und sogar übertreffen könnte und sollte.
Das Problem ist nur - wenn man nicht darüber redet, dann verbessert sich die Sache nicht.