14.8 Soziale Unruhen nach dem Krieg


14.8 Soziale Unruhen nach dem Krieg

Bahá'u'lláh und 'Abdu'l-Bahá haben ebenfalls eine Zeitspanne großer sozialer Erhebungen, Kämpfe und Trübsale als unvermeidliche Folge des Unglaubens und der Vorurteile, der Unwissenheit und des Aberglaubens vorausgesagt, die heute in der ganzen Welt vorherrschen. Der große internationale Militärkampf war nur eine Phase in diesem Empordrängen. In einem Tablet vom Januar 1920 schreibt 'Abdu'l-Bahá :

»O ihr Wahrheitsliebenden! O ihr Diener der Menschheit! Da der süße Duft euerer Gedanken und hohen Absichten über mich geweht hat, fühle ich meine Seele unwiderstehlich mit euch in Gemeinschaft verbunden.«

»Erwägt in euren Herzen, wie schmerzlich die Unruhen sind, in welche die Welt versunken ist, wie die Nationen auf Erden mit Menschenblut besudelt sind, ja wie selbst ihr Boden in geronnenes Blut verwandelt ist. Die Flamme des Krieges hat einen so wilden Brand verursacht, wie die Welt in ihren alten Tagen, in ihren Mittelaltern und in neuen Zeiten nie seinesgleichen sah. Die Mühlsteine des Krieges haben so manches Menschenhaupt zermahlen und zermalmt; ja noch schwerer ist das Los dieser Opfer gewesen. Blühende Länder sind verwüstet, Städte sind dem Erdboden gleichgemacht und fröhliche Dörfer sind in Ruinen verwandelt worden. Väter haben ihre Söhne verloren und Söhne sind vaterlos geworden. Mütter haben blutige Tränen bei der Klage um ihre Kinder vergossen, kleine Kinder sind Waisen geworden und Frauen heimatlose Wanderer. Mit einem Wort: die Menschheit ist in allen ihren Teilen erniedrigt worden. Laut ist der Schrei und das Jammern der Waisen und bitter ist das Wehklagen der Mütter, das im Himmel widerhallt.«

»Die Hauptursache für alle diese Geschehnisse sind rassische, nationale, religiöse und politische Vorurteile, und die Wurzel aller dieser Vorurteile liegt in abgenützten, tiefeingesessenen Überlieferungen, seien diese religiös, rassisch, national oder politisch. Solange diese Traditionen bleiben, ist die Grundlage des Menschengebäudes unsicher und die Menschheit selbst ständiger Gefahr ausgesetzt.«

»Jetzt, in diesem strahlenden Zeitalter, da das Wesen allen Daseins offenbart und das verborgene Geheimnis alles Erschaffenen enthüllt worden ist, da das Morgenlicht der Wahrheit angebrochen ist und die Finsternis der Welt in Licht verwandelt hat, ist es da angebracht und ziemlich, daß sich solch eine fürchterliche Metzelei, die nicht wieder gutzumachendes Verderben auf die Welt herabzieht, noch ereignen darf? Bei Gott! Das kann nicht sein.«

»Christus rief alle Völker der Welt zu Versöhnung und Frieden auf. Er befahl Petrus, sein Schwert in die Scheide zu stecken. So war sein Wunsch und Rat, und doch haben die, welche seinen Namen tragen, das Schwert aus der Scheide gezogen. Wie groß ist der Unterschied zwischen ihren Taten und dem ausdrücklichen Wortlaut des Evangeliums!«

»Vor sechzig Jahren leuchtete Bahá'u'lláh wie eine strahlende Sonne vom Himmel Persiens und verkündete, daß die Welt in Finsternis gehüllt und die Finsternis unheilvoller Dinge schwanger sei und zu schrecklichem Kampf führen werde. Von seinem Gefängnissitz 'Akká wandte Er sich in nicht mißzuverstehender Sprache an den Kaiser von Deutschland und erklärte ihm, daß ein schrecklicher Krieg eintreten und Berlin in Jammern und Wehklagen ausbrechen werde. Ebenso schrieb Er als zu Unrecht Gefangener des Sultáns der Türkei in der Festung 'Akká klar und nachdrucksvoll, daß Konstantinopel die Beute schwerer Unordnung werde, so daß Weiber und Kinder ihr Jammergeschrei erheben werden. Kurz, Er richtete Sendschreiben an alle bedeutenden Regenten und Herrscher der Welt, und alles, was Er vorhergesagt hatte, hat sich erfüllt. Aus seiner Feder der Herrlichkeit strömten Lehren über die Vermeidung des Kriegs, und diese sind weithin verbreitet worden.«

»Seine erste Lehre ist das Suchen nach Wahrheit. Blinde Nachahmung, so erklärte Er, tötet den Geist des Menschen, wogegen das Forschen nach Wahrheit die Welt von der Finsternis des Vorurteils befreit.«

»Seine zweite Lehre ist die Einheit der Menschheit. Alle Menschen sind nur eine Herde und Gott ist der liebevolle Hirte. Er schenkt ihnen größte Barmherzigkeit und betrachtet sie alle als Eins. `Du sollst keine Verschiedenheit finden unter den Geschöpfen Gottes.` Sie sind alle seine Diener und suchen alle seine Gnadenfülle.«

»Seine dritte Lehre ist die, daß Religion das mächtigste Bollwerk ist. Sie sollte zu Einheit führen, statt die Ursache von Feindschaft und Haß zu sein. Führte sie zu Feindschaft und Haß, so wäre es besser, sie überhaupt nicht zu haben. Die Religion ist wie ein Heilmittel, das, wenn es die Krankheit verschlimmern sollte, besser aufzugeben wäre.«

»Ebenso sind religiöse, rassische, nationale und politische Vorurteile allesamt zerstörend für die Grundlage menschlicher Gesellschaft; sie alle führen zu Blutvergießen, sie alle häufen Verderben auf die Menschheit. Solange diese verbleiben, wird auch die Kriegsfurcht fortdauern. Das einzige Heilmittel ist der Weltfriede. Und dieser wird nur durch die Errichtung eines höchsten Schiedsgerichts, das alle Regierungen und Völker vertritt, vollendet. Alle nationalen und internationalen Probleme sollten diesem Gerichtshof übergeben werden und, was immer seine Entscheidung sein mag, sollte zur Geltung gelangen. Würde eine Regierung oder ein Volk nicht damit übereinstimmen, so sollte die Welt als Ganzes sich dagegen erheben.«

»Unter seinen Lehren ist eine weitere die Gleichberechtigung von Mann und Frau; und so noch viele andere Lehren, die durch seine Feder geoffenbart sind.«

»Heutzutage ist es klar und offenbar gemacht worden, daß diese Grundsätze das eigentliche Leben der Welt und die Verkörperung ihres wahren Geistes sind. So solltet nun ihr, die ihr die Diener des Menschengeschlechtes seid, Herz und Seele anstrengen, um die Welt von der Finsternis des Materialismus und menschlichen Vorurteils zu befreien, auf daß sie mit dem Lichte der Stadt Gottes erleuchtet werde.«

»Preis sei Ihm - ihr seid mit den verschiedenen Schulen, Einrichtungen und Grundsätzen der Welt bekannt. Heute aber kann nichts Geringeres als diese göttlichen Lehren dem Menschengeschlecht Friede und Ruhe gewährleisten. Diese Finsternis wird nimmer verschwinden, diese endlosen Leiden werden nimmer geheilt, es sei denn durch diese Lehren. Der Balkan wird ruhelos bleiben und sein Zustand wird sich verschlimmern. Der Besiegte wird nicht stillehalten, sondern jegliches Mittel ergreifen, um aufs neue die Kriegsflamme zu entfachen. Moderne, allumfassende Bewegungen werden ihr Äußerstes tun, ihre Zwecke und Ziele zu verfolgen. Die Bewegung der Linken wird große Bedeutung erlangen, und ihr Einfluß wird sich verbreiten.«

»Darum bemüht euch, mit erleuchtetem Herzen, mit himmlischem Geist und göttlicher Kraft von seiner Gnade unterstützt, Gottes freigebige Gabe der Welt weiterzureichen ... Die Gabe des Trostes und der Ruhe für alle Menschenkinder.«¹

In einem Gespräch im November 1919 sagte Er:

»Bahá'u'lláh sagte häufig voraus, daß die Zeit kommen werde, da Unglaube und darauffolgend Anarchie vorherrschen werden. Das Chaos wird auf die allzugroße Freiheit unter den Menschen zurückzuführen sein, die dazu noch nicht reif sind, und infolgedessen wird es eine zeitweilige Rückkehr zu autoritärer Regierung geben, zum Nutzen der Menschen selbst und um Unordnung und Chaos zu verhüten.«

»Es ist klar, daß jedes Volk jetzt völlige Selbstbestimmung und Handlungsfreiheit wünscht, aber manche von ihnen sind nicht reif dafür. Der vorherrschende Zustand der Welt ist der des Unglaubens, der zu Anarchie und Verwirrung führen muß. Ich habe immer gesagt, daß die Friedensvorschläge nach dem großen Krieg erst ein Schimmer der Dämmerung seien, jedoch noch nicht der Sonnenaufgang.«²

¹ ² Abdu'l-Bahá: beide Zitate ohne nähere Quellenangabe