15.7 Letzter Wille und Testament von 'Abdu'l-Bahá


15.7 Letzter Wille und Testament von 'Abdu'l-Bahá

Mit dem Hinscheiden ihres geliebten Vorbilds 'Abdu'l-Bahá trat die Bahá'í-Religion in einen neuen Abschnitt ihrer Geschichte ein. Dieser neue Abschnitt stellt einen höheren Zustand im Dasein dieses gleichen geistigen Organismus dar, einen reiferen und infolgedessen - so wird es von seinen Gliedern empfunden - verantwortungsvolleren Ausdruck des Glaubens. 'Abdu'l-Bahá hatte seine übermenschliche Tatkraft und einzigartige Fähigkeit der Aufgabe gewidmet, seine Liebe für Bahá'u'lláh nach dem Osten und Westen hin zu verbreiten. Er hatte die Lampe des Glaubens in zahllosen Seelen entzündet. Er hatte sie erzogen und gelenkt in den Belangen des persönlichen und geistigen Lebens.

Im Hinblick auf die hohe Tragweite von 'Abdu'l-Bahás letztem Willen und Testament, die Schwere seiner Folgen und die tiefe Weisheit, die seinen Verfügungen zugrunde liegt, geben wir im folgenden einige Auszüge, die anschaulich den Geist und die führenden Prinzipien schildern, die 'Abdu'l-Bahá beseelten und leiteten, und die seinen getreuen Nachfolgern als ein reiches Erbe übergeben wurden.

»O ihr Geliebten des Herrn! In dieser heiligen Sendung ist keinerlei Kampf und Streit gestattet. Jeder Angreifer beraubt sich selber der Gnade Gottes. Jedem einzelnen obliegt es, allen Völkern und Artverwandten auf Erden Liebe, Redlichkeit, Ehrlichkeit und aufrichtige Freundschaft zu erzeigen, gleichviel, ob sie Freunde oder Feinde sind. So stark muß der Geist der Liebe und Güte sein, daß sich der Fremde als Freund, der Feind als wahrer Bruder fühlt, gleichviel, welcher Unterschied zwischen ihnen sein mag. Denn allumfassend zu sein ist göttlich, und alle Beschränkungen sind irdisch ...«

»Verkehrt darum, o meine liebenden Freunde, mit allen Völkern, Stämmen und Religionen der Welt in äußerster Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit, Treue, Güte, Zuneigung und Freundlichkeit, auf daß sich die ganze Daseinswelt mit der heiligen Entzückung der Gnade Bahás erfülle, Unwissenheit, Feindseligkeit, Haß und Groll aus der Welt verschwinden und die Finsternis der Entfremdung unter den Völkern und Stämmen der Welt dem Lichte der Einigkeit weichen mögen. Sollten andere Völker und Nationen euch gegenüber treulos sein, so müßt ihr ihnen Treue erzeigen, sollten sie ungerecht gegen euch sein, so müßt ihr gegen sie gerecht sein, sollten sie sich von euch fernhalten, so ziehet sie zu euch hin, sollten sie sich feindselig zeigen, so seid freundlich zu ihnen, sollten sie euer Leben vergiften, so versüßet ihre Seelen, sollten sie euch verletzen, so seid ein Balsam für ihre Wunden. Das sind die Eigenschaften der Aufrichtigen! Das sind die Eigenschaften der Wahrhaftigen! ...«

»O ihr Geliebten des Herrn! Es obliegt euch, allen rechtmäßigen Herrschern ergeben zu sein und jedem rechtlichen König eure Treue zu erweisen. Dienet den Herrschern der Welt mit äußerster Wahrhaftigkeit und Ergebenheit. Erzeigt ihnen Gehorsam und bringt ihnen Wohlwollen entgegen. Mischt euch nicht ohne ihre Erlaubnis und Genehmigung in politische Dinge ein, denn Untreue gegen einen rechtmäßigen Herrscher ist Untreue gegen Gott. Dies ist mein Rat und Gottes Gebot an euch. Wohl denen, die danach handeln ...«

»Herr! Du siehst, wie alle Dinge Tränen über mich vergießen, während sich meine Verwandten an meinen Schmerzen weiden. Bei Deiner Herrlichkeit, o mein Gott! Selbst einige von meinen Feinden beklagten meine Qual und Pein, und eine Reihe meiner Neider beweinte meine Sorgen, meine Verbannung und meine Not. Sie taten dies, weil sie nichts an mir finden konnten als Liebe und Fürsorge, Güte und Erbarmen. Als sie sahen, wie diese Flut von Elend und Trübsal mich fortriß, wie ich den Pfeilen des Schicksals als Zielscheibe diente, da bewegte Mitleid ihre Herzen, Tränen traten ihnen in die Augen, und sie bekundeten: Der Herr ist unser Zeuge! Nichts haben wir je von ihm erfahren als Treue, Großmut und grenzenloses Erbarmen. Die Bündnisbrecher jedoch, jene Unheilverkünder, wurden nur noch gehässiger in ihrer Erbitterung. Sie frohlockten, als ich der schlimmsten Heimsuchung zum Opfer fiel, wiegelten einander erneut gegen mich auf und freuten sich über die herzzerreißenden Geschehnisse um mich her. Ich flehe zu Dir, o Herr, mein Gott, nicht nur mit Worten, sondern mit meinem ganzen Herzen. Vergilt ihnen nicht ihre Grausamkeit und ihre Übeltaten, ihre Verschlagenheit und das Unheil, das sie anrichteten, denn sie sind dumm und gemein und wissen nicht, was sie tun. Sie können Gut und Böse, Wahr und Falsch, Recht und Unrecht nicht unterscheiden. Sie gehen ihren eigenen Gelüsten nach und folgen den Fußstapfen des Dümmsten und Unvollkommensten unter ihnen. O mein Herr! Habe Mitleid mit ihnen, bewahre sie vor allem Leid in dieser so unruhevollen Zeit und gewähre, daß alle Sorge und Mühsal Deinem Diener zufallen möge, der in diesen finsteren Abgrund stürzte. Erwähle mich für jegliche Pein und mache mich zum Opfer für alle Deine Geliebten. o Herr, Du Höchster! Nimm mein Herz, mein Leben, mein Sein, meinen Geist, nimm alles, was mein ist, zum Opfer für sie hin! O Gott, mein Gott! Demütig bittend, mein Angesicht im Staube, flehe ich zu Dir mit der ganzen Inbrunst meiner Anbetung: vergib jedem, der mich verletzte, verzeihe dem, der sich gegen mich verschwor und versündigte, und lösche die Untaten derer, die mir Unrecht zufügten. Gewähre ihnen Deine göttlichen Gaben, gib ihnen Freude, bewahre sie vor Leid, schenke ihnen Frieden und Wohlstand, gönne ihnen Deine Wonne und überschütte sie mit Deiner Freigebigkeit. Du bist der Machtvolle, der Gnädige, der Helfer in Gefahr, der Selbstbestehende! ...«

»Die Jünger Christi vergaßen sich selbst und alles Irdische, gaben alle ihre Sorgen und Habe auf, läuterten sich vom Ich und den Leidenschaften und verstreuten sich in völliger Loslösung weithin, um die Völker unter die göttliche Führung zu rufen, bis sie schließlich aus dieser Welt eine neue Welt gemacht und die Erdoberfläche erleuchtet hatten, und bis zu ihrer letzten Stunde bewiesen sie ihre Opferbereitschaft auf dem Pfad jenes Geliebten Gottes. Schließlich erlitten sie in verschiedenen Ländern ruhmvolles Märtyrertum. Laßt die, die Menschen der Tat sind, ihren Spuren folgen! ...«

»O Gott, mein Gott! Ich rufe Dich, Deine Propheten, Deine Boten und Deine Heiligen zu Zeugen, daß ich Deine Beweise überzeugend vor Deinen Geliebten verkündet und alles deutlich vor ihnen an den Tag gelegt habe, damit sie über Deinen Glauben wachen, Deinen geraden Weg behüten und Dein strahlendes Gesetz beschützen. Du bist wahrlich der Allwissende, der Allweise!«¹

Mit 'Abdu'l-Bahás Hinscheiden war jedoch die Zeit gekommen, die Verwaltungsordnung zu begründen, die als Muster und Kern der Weltordnung bezeichnet worden ist, welche die eigentliche Sendung der aufzurichtenden Religion von Bahá'u'lláh ist. Demzufolge kennzeichnet Wille und Testament von 'Abdu'l-Bahá einen Wendepunkt in der Bahá'í-Geschichte, der die Ära der Unreife und Unverantwortlichkeit von der Ära scheidet, in der die Bahá'í selbst ihre Geistigkeit zu erfüllen bestimmt sind, indem sie ihren Rahmen über den Bereich persönlicher Erfahrung hinaus zu dem sozialer Einheit und Zusammenarbeit erweitern. Die drei Grundelemente in dem von 'Abdu'l-Bahá hinterlassenen Verwaltungsplan sind:

1. »Der Hüter der Sache Gottes«
2. »die Hände der Sache Gottes«, und
3. »die Häuser der Gerechtigkeit«, die Örtlichen, die Nationalen und das Intemationale.²

¹ Abdu'l-Bahá, Wille und Testament, S.27-29, 31-32, 24, 34-35

² Die Örtlichen und Nationalen Häuser der Gerechtigkeit werden gegenwärtig mit ihrer vorläufigen Bezeichnung Örtliche und Nationale Geistige Räte genannt.