15.10 Die Verwaltungsordnung


15.10 Die Verwaltungsordnung

(Dieser Abschnitt über die Bahá'í-Verwaltungsordnung wird nach dem Artikel »The Present-Day Administration of the Bahá'i Faith« von Horace Holley wiedergegeben, erschienen 1933 in The Bahá'í World V p.191ff)

Es war ein allgemeines Merkmal von Religionen, daß ihre Organisation eine Unterbrechung des wahren geistigen Einflusses zur Folge hatte und zu verhindern half, daß der ursprüngliche Impuls in die Welt weitergegeben wurde. Die Organisation wurde stets eher zum Ersatz für die Religion als zum Mittel und Weg, der Religion Wirksamkeit zu verleihen. Die Trennung der Völker in unterschiedliche Überlieferungen, ohne Ausgleich durch friedlichen und schöpferischen Umgang, hat zwangsläufig dorthin geführt. Bis zur Gegenwart hat in der Tat kein Gründer einer geoffenbarten Religion ausdrücklich die Prinzipien dargelegt, die den Verwaltungsmechanismus des Glaubens, den Er begründete, leiten sollen.

Im Bahá'í-Glauben wurden die Grundsätze der Weltadministration von Bahá'u'lláh zum Ausdruck gebracht, und diese Grundsätze wurden in den Schriften von 'Abdu'l-Bahá besonders in seinem Willen und Testament weiter entwickelt. Das Ziel dieser Organisation ist, eine wahre und dauernde Einheit unter den Völkern verschiedener Rassen, Klassen, Interessen, Eigenart und ererbten Glaubens zu ermöglichen. Ein eingehendes und einfühlendes Studium dieser Seite des Bahá'í-Glaubens zeigt, daß die Ziele und das Verfahren der Bahá'í-Verwaltung so vollkommen dem ursprünglichen Geiste der Bahá'í-Offenbarung angepaßt sind, daß sie zu ihm in demselben Verhältnis stehen wie der Körper zur Seele. In ihrer Eigenart stellen die Grundsätze der Bahá'í-Verwaltung die Wissenschaft der Zusammenarbeit dar; in ihrer Anwendung sehen sie einen neuen und höheren Typ von Sittlichkeit vor, weltumfassend in seinen Zielen ...

Eine Bahá'í-Gemeinde unterscheidet sich von anderen freiwilligen Vereinigungen darin, daß ihre Grundlage so tief gegründet und so weitgeschaut ist, daß sie jede aufrichtige Seele einschließen kann. Während andere Gruppen exklusiv sind, zum mindesten in der Wirkung, wenn nicht schon in der Absicht, der Handhabung oder im Ideal, schließt die Bahá'í-Religion alles ein und schlägt die Tore der Kameradschaft vor keiner aufrichtigen Seele zu. In jeder Gemeinschaft ist heimlich oder offen irgendeine Grundlage für eine Auslese da. In der Religion ist diese Grundlage ein Glaubensbekenntnis, das durch die historische Art seines Ursprungs beschränkt ist. Im Politischen ist es eine Partei oder ein Programm. Im Wirtschaftlichen ist dies eine beiderseitige Notlage oder beiderseitige Macht. In den Künsten und Wissenschaften besteht diese Grundlage in besonderer Erziehung oder Tätigkeit oder in besonderen Interessen. Bei alledem ist die betreffende Bewegung um so stärker, je exklusiver die Grundlage der Auslese ist - ein Zustand, der demjenigen in der Bahá'í-Religion diametral entgegengesetzt ist. Daher entwickelt sich dieser Glaube bei all seinem Wachstums- und Fortschrittsgeist doch langsam, was die Zahl seiner tätigen Anhänger betrifft. Denn die Menschen sind an Exklusivität und Unterteilung in allen Angelegenheiten gewöhnt. Und wichtige Bestimmungen sind immer die Garanten und die Rechtfertigung von Unterteilung gewesen. In die Bahá'í-Religion einzutreten aber heißt, diese Bestimmungen hinter sich zu lassen - ein Erlebnis, das zunächst den Gläubigen beständig neuen Versuchungen und Leiden aussetzt, da sich das menschliche Ich gegen das höchste Gesetz der allumfassenden Liebe auflehnt. Der Wissenschaftler muß sich zum Einfachen und Ungelehrten gesellen, der Reiche zum Armen, der Weiße zum Farbigen, der Mystiker zum Buchstabenmenschen, der Christ zum Juden, der Muhammadaner zum Parsen, und dies unter Bedingungen die den Vorzug seit langem begründeter Anmaßungen und Vorrechte beseitigen.

Aber für dies schwierige Erlebnis gibt es herrlichen Ausgleich. Laßt uns daran denken, daß die Kunst unfruchtbar wird, wenn sie sich von der menschlichen Allgemeinheit abwendet, daß die Philosophie ebenso ihre Schaukraft verliert, wenn sie sich in der Einsamkeit entwickelt, und daß Politik und Religion nie Erfolg haben abseits von den allgemeinen Nöten der Menschheit. Die menschliche Wesensart ist noch nicht bekannt, denn wir haben alle in einem Zustand gedanklicher, sittlicher, gefühlsmäßiger oder sozialer Abwehr gelebt, und die Psychologie der Abwehr ist die der Hemmung. Die Liebe Gottes aber beseitigt Furcht. Die Beseitigung der Furcht richtet die verborgenen Kräfte auf und Anschluß an andere in geistiger Liebe bringt diese Kräfte zu lebendigem, bejahendem Ausdruck. Eine Bahá'í-Gemeinde ist ein Zusammensein, wo dieser Vorgang Platz greifen kann, langsam zu Beginn, wenn dieser neue Antrieb Kräfte sammelt, rascher sodann, wenn die Mitglieder sich der Kräfte bewußt werden, welche die Blüte der Einheit unter den Menschen entfalten ...

Mit der Verantwortlichkeit für örtliche Bahá'í-Angelegenheiten und deren Überwachung ist eine Körperschaft bekleidet, die als Geistiger Rat bekannt ist. Diese Körperschaft, auf neun Mitglieder begrenzt, wird jährlich am 21. April, dem ersten Tage des Ridván - der Festzeit zum Gedenken der Erklärung von Bahá'u'lláh - durch die erwachsenen erklärten Gläubigen der Gemeinde gewählt, deren Wahlliste von dem scheidenden Geistigen Rat aufgestellt wird. Was die Eigenart und Amtstätigkeit dieser Körperschaft betrifft, so hat 'Abdu'l-Bahá folgendes geschrieben:

»Allen Gläubigen obliegt es, keinen Schritt (der Bahá'í-Tätigkeit) zu unternehmen ohne Beratung durch den Geistigen Rat, und sie müssen gewißlich mit Herz und Seele seinem Geheiß gehorchen und sich ihm unterordnen, so daß die Dinge klar angeordnet und richtig verabredet werden. Sonst wird jedermann nach seinem eigenen Gutdünken handeln, wird seinem eigenen Wunsche folgen und der Sache schaden zufügen. Die ersten Erfordernisse für jene, die zusammen einen Rat bilden, sind Reinheit der Beweggründe, strahlender Geist, Loslösung von allem außer Gott, Anziehungskraft zu seinen göttlichen Düften, Demut und Bescheidenheit inmitten seiner Geliebten, Geduld und Langmut in Schwierigkeiten und Dienstbarkeit an seiner erhabenen Schwelle. Sollte ihnen gnädiglich geholfen werden, diese Eigenschaften zu erwerben, so wird ihnen Sieg verliehen werden von dem unsichtbaren Königreiche Bahás. An diesem Tage sind Ratsversammlungen von größter Bedeutung und ein Lebensbedürfnis. Gehorsam ihnen gegenüber ist wesentlich und Pflicht. Deren Mitglieder müssen miteinander in der Weise beratschlagen, daß kein Anlaß zu Mißstimmung oder Zwietracht sich erheben mag. Dies kann erreicht werden, wenn jedes Mitglied in völliger Freiheit seine eigene Meinung ausspricht und seinen Beweisgrund klarlegt. Sollte irgend jemand dagegen sein, so muß jener in keiner Weise sich getroffen fühlen, denn der rechte Weg kann nicht geklärt werden, ehe die Angelegenheiten nicht völlig zur Sprache gebracht sind. Der leuchtende Wahrheitsfunken bricht erst nach dem Aufeinandertreffen verschiedener Meinungen hervor. Wenn nach der Aussprache ein Entschluß einstimmig zustande gebracht wird, so ist es wohl und gut; wenn aber, was Gott verhüte, Meinungsverschiedenheiten sich erheben sollten, so muß Stimmenmehrheit entscheiden ...«

»Die erste Bedingung ist völlige Liebe und Einklang unter den Mitgliedern des Rates. sie müssen gänzlich frei sein von gegenseitiger Entfremdung und müssen die Einheit Gottes offenbaren, denn sie sind die Wogen eines Meeres, die Tropfen eines Flusses, die Steine eines Himmels, die Strahlen einer Sonne, die Bäume einer Wiese, die Blumen eines Gartens. Sollten Einklang des Denkens und unbedingte Einigkeit nicht bestehen, so soll diese Versammlung zerstreut und dieser Rat zunichte werden.«

»Die zweite Bedingung: sie müssen, wenn sie zusammenkommen, ihr Angesicht dem Königreiche in der Höhe zuwenden und um Hilfe bitten aus dem Reiche der Herrlichkeit ... Aussprachen müssen sich alle auf geistige Dinge beschränken, die der Erziehung von Seelen zukommen, der Unterweisung von Kindern, der Unterstützung der Armen, der Hilfe der Schwachen in allen Klassen der Welt, der Güte zu allem Volke, der Verbreitung der Düfte Gottes und der Lobpreisung seines heiligen Wortes. Sollten sie sich bemühen, diese Bedingungen zu erfüllen, so wird die Gnade des Heiligen Geistes ihnen gewährt werden und dieser Rat der Mittelpunkt der göttlichen Segnungen werden, die Scharen göttlicher Bestätigung werden ihnen zu Hilfe eilen, und sie werden Tag für Tag eine neue Ausgießung des Geistes empfangen.«²

Zur weiteren Erklärung dieses Gegenstandes schreibt Shoghi Effendi:

»Nichts, was auch immer es sei, sollte durch irgendeinen einzelnen unter den Freunden der Öffentlichkeit übergeben werden, ehe es nicht reiflich erwogen und gebilligt wurde durch den Geistigen Rat seines Ortes. Und wenn dies, was sicherlich zutrifft, eine Angelegenheit ist, die das allgemeine Wohl in diesem Lande angeht, dann ist es Pflicht des Geistigen Rates, es der Erwägung und Zustimmung des Nationalen Rates zu unterbreiten, der alle die verschiedenen örtlichen Räte vertritt. Nicht allein hinsichtlich der Veröffentlichung, sondern auch sonst sollten alle Angelegenheiten ohne eine Ausnahme, die sich auf das Wohl der Sache an jenem Orte beziehen, die einzelnen oder die Gesamtheit betreffend, ausschließlich dem Geistigen Rate dieses Ortes zugeleitet werden, der über sie entscheiden soll, außer wenn es eine Angelegenheit nationalen Belanges ist. In diesem Falle soll sie dem Nationalen Rate zugeleitet werden. Bei diesem Nationalen Rate wird auch die Entscheidung verbleiben, ob ein gegebener Fall von örtlichem oder nationalem Belang ist.«

»(Unter nationalen Angelegenheiten sind nicht Dinge gemeint, die von politischem Charakter sind, denn den Freunden Gottes in aller Welt ist es streng verboten, sich auf irgendeine Weise in politische Angelegenheiten zu mischen. Vielmehr sind Angelegenheiten gemeint, welche die geistige Tätigkeit des Rates der Freunde in diesem Lande berühren.)«

»Voller Einklang jedoch sowie Zusammenarbeit unter den verschiedenen örtlichen Räten und den Mitgliedern selbst, und besonders zwischen jedem Rat und dem Nationalen Rat, sind von äußerster Wichtigkeit, denn davon hängt die Einheit der Sache Gottes, der Zusammenschluß der Freunde, die vollständige, rasche und erfolgreiche Wirkung der geistigen Tätigkeit seiner Geliebten ab.«

»Die verschiedenen Örtlichen und nationalen Räte bilden heutzutage die Grundlage, auf deren Stärke das Universale Haus (der Gerechtigkeit) in Zukunft fest begründet und aufgebaut werden soll. Nicht ehe diese kraftvoll und harmonisch in Tätigkeit sind, kann die Hoffnung auf Abschluß dieser Übergangszeit sich verwirklichen ... Haltet daran fest, daß der Grundton in der Sache Gottes nicht diktatorische Gewalt, sondern bescheidene Kameradschaft ist, nicht eigenwillige Macht, sondern der Geist freimütiger und liebevoller Beratung. Nichts anderes als der Geist eines wahren Bahá'í kann hoffen, die Grundsätze von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, von Freiheit und Unterwerfung, von der Heiligkeit des Rechtes des einzelnen und von Selbstentsagung, von Wachsamkeit, Verschwiegenheit und Klugheit einerseits und Kameradschaft, Aufrichtigkeit und Mut andererseits zu versöhnen ...«²

Die örtlichen Geistigen Räte eines Landes sind einander angeschlossen und gleichgerichtet durch eine andere erwählte Körperschaft von neun Mitgliedern, den Nationalen Geistigen Rat. Diese Körperschaft kommt zustande durch eine jährliche Wahl, die durch gewählte Abgeordnete abgehalten wird, welche die örtlichen Bahá'í-Gemeinden vertreten ... Die Nationaltagung, auf welcher die Abgeordneten sich versammeln, setzt sich aus einer Wahlkörperschaft zusammen, die auf dem Grundsatz proportionaler Vertretung ruht ... Diese Nationaltagungen werden vorzugsweise während der Ridván-Zeit gehalten, jener zwölf Tage, die am 21. April beginnen zum Andenken an die Erklärung von Bahá'u'lláh im Garten Ridván bei Bagbdád. Die Anerkennung der Abgeordneten steht dem scheidenden Nationalen Geistigen Rate zu.

Eine Nationaltagung ist eine Gelegenheit zur Vertiefung des Verständnisses der Bahá'í-Tätigkeit und zum Anhören von Berichten nationaler und örtlicher Tätigkeit in der Zeitspanne des vergangenen Jahres ... Das Amt eines Bahá'í-Abgeordneten ist nicht auf den Besuch der Nationaltagung und die Teilnahme an der Wahl des neuen Nationalen Geistigen Rates beschränkt. Während die Abgeordneten versammelt sind, sind sie eine beratende und ratgebende Körperschaft, deren Anregungen von den Mitgliedern des neugewählten Nationalen Geistigen Rates sorgfältig beachtet werden müssen ...

Die Beziehungen des Nationalen Geistigen Rates zu den örtlichen Geistigen Räten und der Masse der Gläubigen im Lande ist folgendermaßen in den Briefen des Hüters der Sache umgrenzt:

»Bezüglich der Errichtung Nationaler Räte ist es von lebenswichtiger Bedeutung, daß in jedem Lande, wo die Verhältnisse günstig sind und die Zahl der Freunde gewachsen ist und ein beträchtliches Maß erreicht hat, unverzüglich ein Nationaler Geistiger Rat errichtet werde, der die Freunde in diesem ganzen Land vertritt.«

»Sein unmittelbarer Zweck ist, durch häufige persönliche Beratung die mannigfaltige Tätigkeit sowohl der Freunde als der Örtlichen Räte anzuregen, zu vereinigen und gleichzurichten und durch Aufrechterhaltung enger und beständiger Führung mit dem Heiligen Land Maßnahmen einzuleiten und im allgemeinen die Angelegenheiten der Sache in seinem Lande zu leiten.«

»Er dient auch noch einem andern Zweck, der nicht weniger wesentlich ist als der erste, da er im Laufe der Zeit sich zu dem Nationalen Hause der Gerechtigkeit weiterentwickeln soll (in 'Abdu'l-Bahás Wille und Testament das `Sekundäre Haus der Gerechtigkeit` genannt), welches nach dem ausdrücklichen Text des Testamentes in Verbindung mit den andern Nationalen Räten überall in der Bahá'í-Welt direkt die Mitglieder des Internationalen oder Universalen Hauses der Gerechtigkeit zu wählen haben wird, jenes höchsten Rates, der die Angelegenheiten des Glaubens in der ganzen Welt führen, organisieren und vereinigen wird ...«

»Dieser Nationale Geistige Rat, der, solange die Errichtung des Universalen Hauses der Gerechtigkeit noch in der Schwebe ist, einmal im Jahr wiedergewählt werden soll, nimmt natürlich schwere Verantwortung auf sich, denn er hat volle Autorität über alle Örtlichen Räte seines Bereiches auszuüben und soll die Tätigkeit der Freunde lenken, achtsam die Sache Gottes behüten und die Angelegenheiten des Glaubens im allgemeinen beaufsichtigen und überwachen.«

»Lebenswichtige Aufgaben, welche das Wohl der Sache in diesem Lande betreffen, wie die Angelegenheit der Übersetzung und Veröffentlichung, der Mashriqu'l-Adhkár, die Lehrtätigkeit und anderes mehr, das sich deutlich von streng örtlichen Angelegenheiten abhebt, müssen unter der vollen Oberaufsicht des Nationalen Rates stehen.«

»Er wird, ebenso wie die Örtlichen Räte, eine jede dieser Aufgaben einem besonderen Ausschuß überweisen, welcher durch die Mitglieder des Nationalen Geistigen Rates aus allen Freunden dieses Landes zu erwählen ist und zu ihm im selben Verhältnis steht wie die örtlichen Ausschüsse zu ihren entsprechenden örtlichen Räten.«

»Ihm bleibt auch die Entscheidung, ob ein gewisser Punkt seinem Wesen nach streng Örtlich und zur Erwägung und Entscheidung dem örtlichen Rate vorbehalten ist oder ob er in seinen eigenen Wirkungskreis fällt und eine Angelegenheit ist, die seine besondere Aufmerksamkeit verdient ...«

»Es ist, zum Wohle der Sache, die wir alle lieben und der wir dienen, die bindende Pflicht der Mitglieder des neuen Nationalen Rates, nachdem er einmal durch die Abgeordneten auf der Tagung gewählt ist, äußerste Rücksicht, einzeln sowohl als insgesamt, auf die Ratschläge, die wohlerwogene Meinung und die echten Gefühle der versammelten Abgeordneten anzustreben und zu üben. Indem sie jede Spur von Heimlichtuerei, von unangebrachter Schweigsamkeit und von diktatorischer Abgeschlossenheit aus ihrer Mitte bannen, sollten sie strahlend und ausgiebig vor den Augen der Abgeordneten, durch die sie gewählt wurden, ihre Pläne, ihre Hoffnungen und ihre Sorgen ausbreiten. Sie sollten die Abgeordneten mit den verschiedenen Angelegenheiten vertraut machen, die im kommenden Jahr erwogen werden müssen, und ruhig und gewissenhaft die Meinungen und Urteile der Abgeordneten erforschen und abwägen. Der neugewählte Nationale Rat sollte während der wenigen Tage, da die Nationaltagung Sitzungen abhält, und nach dem Auseinandergehen der Abgeordneten Wege und Mittel suchen, um das Sichverstehen zu pflegen, den Austausch von Ansichten zu erleichtern und aufrechtzuerhalten, das Vertrauen zu vertiefen und durch jeden erreichbaren Beweis ihren einen Wunsch zu rechtfertigen, dem gemeinsamen Wohl zu dienen und es zu fördern ...«

»Der Nationale Geistige Rat wird jedoch angesichts der unvermeidlichen Beschränkungen, die dem Abhalten häufiger und langandauernder Sitzungen auf der Tagung gesetzt sind, in seiner Hand die endgültige Entscheidung aller Dinge, die das Wohl der Sache berühren, behalten ... so zum Beispiel das Recht der Entscheidung, ob ein örtlicher Rat im Einklang mit den Grundsätzen, die zur Führung und Förderung der Sache niedergelegt sind, arbeitet.«²

Was die Aufstellung der Wählerlisten für die jährlichen örtlichen Bahá'í-Wahlen betrifft, so trägt die Verantwortung hierfür jeder Örtliche Geistige Rat. Als Anleitung in dieser Sache hat der Hüter folgendes geschrieben:

»Um ganz kurz und den gegenwärtigen Umständen angemessen die Hauptfaktoren festzustellen, die in Erwägung gezogen werden müssen vor der Entscheidung, ob eine Person als wahrer Gläubiger angesehen werden kann oder nicht: volle Anerkennung der Stufe des Vorläufers, des Begründers und des wahren Vorbildes des Bahá'í-Glaubens, wie es in 'Abdu'l-Bahás Wille und Testament dargelegt ist; rückhaltlose Annahme all dessen, was durch Ihre Feder offenbart worden ist, und ihre Unterwerfung darunter, treues und standhaftes Festhalten an jeder Klausel des geheiligten Willens unseres Geliebten; und enge Verbindung mit dem Geist wie mit der Form unserer gegenwärtigen Bahá'í-Verwaltung - dies verstehe ich unter den grundsätzlichen und hauptsächlichen Erwägungen, die aufrichtig, besonnen und wohlbedacht angestellt werden müssen, ehe man eine so wesentliche Entscheidung (die Zulassung zum Wahlrecht) trifft.«²

'Abdu'l-Bahás Anweisungen sehen für die Weiterentwicklung der Bahá'í-Organisation vor (Wille und Testament S.28, S.32):

»Und was nun das Haus der Gerechtigkeit betrifft, das Gott als die Quelle alles Guten verordnet und von allem Irrtum befreit hat, so muß es durch allgemeine Wahl, das heißt durch die Gläubigen, gewählt werden. Seine Mitglieder müssen Offenbarungen der Gottesfurcht, Aufgangsorte der Erkenntnis und des Verständnisses und standhaft im Gottesglauben sein und der ganzen Menschheit wohlwollen. Mit diesem Haus ist das Universale Haus der Gerechtigkeit gemeint, das heißt, daß in allen Ländern ein nachgeordnetes Haus der Gerechtigkeit zu errichten ist, und daß diese nachgeordneten Häuser der Gerechtigkeit die Mitglieder des Universalen¹ zu wählen haben. Auf diese Körperschaft muß sich alles beziehen. Sie erläßt alle Verordnungen und Verfügungen, die nicht ausdrücklich im Heiligen Text zu finden sind. Durch diese Körperschaft sind alle schwierigen Probleme zu lösen, und der Hüter der Sache Gottes ist ihr geheiligtes Haupt und das hervorgehobene lebenslängliche Mitglied dieser Körperschaft. Sollte er ihren Beratungen nicht selbst beiwohnen, so muß er jemanden zum Vertreter bestimmen. Sollte irgendeines der Mitglieder sich in einer Weise vergehen, die das Allgemeinwohl schädigt, so ist der Hüter der Sache Gottes nach eigenem Ermessen berechtigt, es auszuschließen, worauf das Volk jemand anderen an dessen Stelle wählen muß. Dieses Haus der Gerechtigkeit erläßt die Gesetze, und die Regierung führt sie durch. Die gesetzgebende Körperschaft muß die vollziehende stärken und die vollziehende der gesetzgebenden helfen und zur Seite stehen, damit durch die innige Verbindung und Übereinstimmung dieser beiden Kräfte die Grundlagen der Unparteilichkeit und Gerechtigkeit fest und stark und alle Gegenden der Erde wie das Paradies werden mögen ...«

»Jeder muß sich nach dem Heiligsten Buche richten, und was darin nicht ausdrücklich Erwähnung findet, ist an das Universale Haus der Gerechtigkeit zu verweisen. Was diese Körperschaft einstimmig oder mit Stimmenmehrheit entscheidet, ist die Wahrheit und Gottes eigener Wille. Wer davon abgeht, gehört wahrlich zu denen, die Uneinigkeit lieben, Bosheit zeigen und sich vom Herrn des Bündnisses abkehren.«

Auch in der gegenwärtigen Zeit halten die Bahá'í in allen Teilen der Welt eine innige und herzliche Verbindung aufrecht durch regelmäßigen Briefwechsel und persönliche Besuche. Diese Berührung von Angehörigen verschiedener Rassen, Völker und religiöser Überlieferungen ist ein greifbarer Beweis dafür, daß die Last der Vorurteile und die historischen Kräfte der Abspaltung durch den von Bahá'u'lláh begründeten Geist der Einheit gänzlich überwunden werden können.

¹ Das Universale Haus der Gerechtigkeit wurde erstmals im April 1963 von den Mitgliedern von sechundfünfzig Nationalen Geistigen Räten gewählt.

² bei diesen Zitaten fehlt eine genaue Quellenangabe