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Tier- und Naturschutz in der Bahá'í-Religion












1.4 Die Einstellung zur materiellen Welt - Wechselwirkung zwischen dem Geistigen und dem Materiellen

Abdu'l-Bahá betont, daß die Entwicklung der stofflichen Welt und das Glück der Menschheit sowohl von dem »Ruf der Zivilisation, des Fortschritts in der stofflichen Welt« (BRIEFE UND BOTSCHAFTEN 225/2) abhängen als auch von dem »seelenbewegenden Ruf Gottes, dessen geistige Lehren die ewige Herrlichkeit, das ewige Glück und die ewige Erleuchtung der Menschenwelt sichern« (BRIEFE UND BOTSCHAFTEN 225/3)

Er stellt fest:

»Solange jedoch materielle Errungenschaften, naturwissenschaftliche Kenntnisse und menschliche Tugenden noch nicht durch geistige Vollkommenheiten, strahlende Eigenschaften und Kennzeichen der Barmherzigkeit verstärkt sind, bringen sie keine Frucht und kein Ergebnis; auch bewirken sie nicht der Menschheit Glück, welches doch das letzte Ziel ist. Denn obwohl einerseits die materiellen Errungenschaften und die Entwicklung der stofflichen Welt zu einem Wohlstand führen, der die gesteckten Ziele vorzüglich offenbart, drohen daraus doch andererseits Gefahren, schweres Unheil und gewaltige Not.« (BRIEFE UND BOTSCHAFTEN 225/5)

»Wenn du dein Augenmerk auf das geordnete Muster der Königreiche, Städte und Dörfer richtest und siehst, wie reizvoll sie geschmückt sind, wie frisch ihre natürlichen Hilfsquellen sind, wie hoch ihre Technik entwik-kelt ist, wie leicht ihr Verkehr fließt, welch umfangreiches Wissen über die Welt der Natur verfügbar ist, wie groß die Erfindungen, wie riesig die Unternehmen, wie vortrefflich die Entdeckungen und wissenschaftlichen Forschungen sind, so magst du daraus schließen, daß die Zivilisation der Menschenwelt zu Glück und Fortschritt gereicht. Wendest du die Augen jedoch darauf, daß Höllenmaschinen entwickelt, Zerstörungskräfte entfaltet und Kriegsgeräte erfunden werden, die den Baum des Lebens mit der Wurzel ausreißen, so wird dir klar und offenbar, wie eng die Zivilisation mit der Barbarei verbunden ist. Fortschritt und Barbarei gehen Hand in Hand, es sei denn, die materielle Zivilisation wird bestätigt durch göttliche Führung, durch die Offenbarungen des Allbarmherzigen und durch göttliche Tugenden, verstärkt durch geistiges Verhalten, durch die Ideale des Gottesreiches und die Ausgießungen aus dem Reich ewiger Macht ...« (BRIEFE UND BOTSCHAFTEN 225/6)

»Deshalb müssen Zivilisation und materieller Fortschritt mit der Größten Führung verbunden sein, so daß diese niedere Welt der Schauplatz für die Segnungen des Gottesreiches werde und die stofflichen Errungenschaften sich mit dem Glanz des Barmherzigen vereinigen, damit die Menschenwelt ihre Schönheit und Vollkommenheit enthülle und in hell strahlender Anmut vor allen offenbare. So wird sich immerwährende Herrlichkeit und Glückseligkeit zeigen.« (BRIEFE UND BOTSCHAFTEN 225/8)


Bahá'u'lláh beschreibt das Los derjenigen Menschen, die geistige Werte in ihrem Leben unbeachtet lassen und versäumen, in Übereinstimmung mit diesen Werten zu handeln. Er bemerkt:

»(ihr) wandelt ... eitel und selbstzufrieden auf Meiner Erde, nicht gewahr, wie überdrüssig sie eurer ist und alles darinnen euch flieht.« (DIE VERBORGENEN WORTE pers.20)

Shoghi Effendi erklärt, daß des Menschen Achtlosigkeit zum Niedergang der »heutigen Ordnung« beiträgt und sich spürbar auf die Umwelt auswirkt:

»Die tiefgreifende Gleichgewichtsstörung der Welt, das Zittern, das die Glieder der Menschheit befällt, die bis zu den Wurzeln reichende Umgestaltung der menschlichen Gesellschaft, das Aufrollen der heutigen Ordnung, die grundlegenden Veränderungen in der Struktur der Staatsgewalt ... die Entwicklung höllischer Kriegswaffen, das Niederbrennen von Städten, die Verunreinigung der Erdatmosphäre - dies alles sind hervorstechende Zeichen und Omen für das Strafgericht, das nach der Verfügung des Richters und Erlösers der Menschheit früher oder später eine Gesellschaft treffen muß, die zum größten Teil über ein Jahrhundert lang für die Stimme des Gottesboten unserer Zeit taube Ohren hatte - ein Strafgericht, welches das Menschengeschlecht von der Schlacke seiner jahrhundertelangen Verderbtheit reinigen und seine Bestandteile zu einer festverknüpften, weltumspannenden Gemeinschaft verschmelzen muß, die sich zu gegebener Zeit in den Rahmen einer geheimnisvoll sich ausbreitenden, göttlich eingesetzten Ordnung einfügt und, durch deren vergeistigenden Einfluß galvanisiert, im Laufe weiterer göttlicher Sendungen zu einer Kultur aufblüht, derengleichen die Menschheit noch auf keiner Stufe ihrer bisherigen Entwicklung erlebt hat.«

(Shoghi Effendi, Hüterbotschaften an die Bahá'í- Welt, S.76)
2. Mensch und Natur

Die Beziehungen zwischen Mensch und Natur sind sehr komplex. Um sie in ihrem ganzen Umfang abschätzen zu können, muß man einige Wesenszüge der Natur beachten, wie sie in den Bahá'í- Schriften beschrieben werden, und sich gewisse Werte und Einstellungen bewußt machen, welche das persönliche Verhalten und die Prioritätsetzung steuern.
2.1 Wesenszüge der Natur

2.1.1 Ein vereinheitlichtes System

Abdu'l-Bahá stellt fest, daß der »Tempel der Welt« nach dem »Bild und Gleichnis des Menschenleibes gestaltet worden ist«

Er erklärt dies:

»Hiermit ist gemeint: Wie der Menschenleib in dieser Welt äußerlich aus verschiedenen Gliedern und Organen zusammengesetzt ist und doch in Wirklichkeit ein eng verbundenes, zusammenhängendes Ganzes bildet, so gleicht die Struktur der stofflichen Welt einem einzigen Wesen, dessen Teile und Glieder untrennbar miteinander verbunden sind.«¹

»Würde man beobachten mit einem Auge, das die Wirklichkeit aller Dinge entdeckt, so würde es sich herausstellen, daß die größte die Welt des Seins miteinander verbindende Beziehung in der Reichweite des Erschaffenen liegt und daß Zusammenarbeit, gegenseitige Hilfe und Wechselwirkung zu den wesentlichen Merkmalen im Großkörper der Welt des Seins gehören; denn alle erschaffenen Dinge stehen in enger Beziehung zueinander, eines ist vom anderen beeinflußt oder nutzt es, unmittelbar oder mittelbar.«¹

»Erwäge zum Beispiel, wie eine Gruppe erschaffener Dinge das Pflanzenreich, eine andere das Tierreich bildet. Jede Gruppe nutzt gewisse Elemente in der Luft, von denen ihr Leben abhängig ist, während jede zugleich solche Elemente vermehrt, die für das Leben der anderen Gruppe wesentlich sind. Mit anderen Worten, Wachstum und Entwicklung des Pflanzenreichs sind ohne das Dasein des Tierreichs unmöglich, und der Fortbestand tierischen Lebens ist ohne Zusammenwirken mit dem Pflanzenreich unvorstellbar. Gleicher Art sind die Beziehungen unter allen erschaffenen Dingen. Folglich steht fest, daß Zusammenarbeit und Wechselwirkung wesentliche, dem vereinheitlichten System der Welt des Seins innewohnende Merkmale sind, ohne welche die ganze Schöpfung in den Zustand des Nichtseins zurückfiele.«¹

¹ Abdu'l-Bahá, aus einem aus dem Persischen übersetzten Sendschreiben


An anderer Stelle beschreibt Abdu'l-Bahá, wie »alle Teile des Weltalls« (BRIEFE UND BOTSCHAFTEN 137/2) wechselseitig verbunden sind und wie wichtig es ist, das Gleichgewicht im System aufrechtzuerhalten.

»Sinne nach über die inneren Wirklichkeiten des Weltalls, seine geheimen Weisheiten, seine Rätsel und Wechselbeziehungen, seine alles steuernden Regeln; denn jeder Teil des Weltalls ist mit jedem anderen Teil verknüpft durch mächtige Bande, die kein Ungleichgewicht zulassen und nicht erschlaffen.« (BRIEFE UND BOTSCHAFTEN 137/2)
2.1.2 Gesetz und Organisation

Abdu'l-Bahá erklärt, daß »die Welt der Erscheinungen ganz der Vorschrift und Herrschaft des Naturgesetzes unterliegt« (PROMULGATION OF UNIVERSAL PEACE p.17). Er stellt die »absolute Organisation« der Natur, ihren Mangel an »Verstand« und »Willen« (vgl BEANTWORTETE FRAGEN S.17), der Fähigkeit des Menschen gegenüber, den »Kräften der Natur zu gebieten«, indem er die »Verfassung der Dinge« (vgl. BEANTWORTETE FRAGEN S.17)

»Diese Natur unterliegt einer absoluten Organisation, klar bestimmten Gesetzen, einer vollständigen Ordnung und einem vollkommenen Plan, von dem sie niemals abweicht, und zwar in einem Ausmaß, daß man bei sorgfältiger und genauer Beobachtung vom kleinsten unsichtbaren Atom bis zu solch großen Gebilden in der Welt des Daseins wie der Sonne oder anderen großen Sternen und leuchtenden Himmelskörpern, betrachtet man ihre Anordnung, Zusammensetzung, Form oder Bewegung, feststellen wird, daß alle in höchstem Maß einer Gestaltung und einem einzigen Gesetz unterliegen, von dem sie niemals abweichen können.« (BEANTWORTETE FRAGEN S.17)

»Wenn man aber die Natur selbst betrachtet, erkennt man, daß sie weder Verstand noch Willen besitzt. So liegt es zum Beispiel in der Natur des Feuers, daß es brennt; es brennt ohne Willen und Verstand. Das Wesen des Wassers besteht darin zu fließen; es fließt ohne Willen und Verstand. Das Wesen der Sonne ist zu scheinen; sie scheint ohne Willen und Verstand. Das Wesen des Dampfes ist aufzusteigen; ohne Willen und Verstand steigt er auf. Damit ist klar erwiesen, daß die natürlichen Bewegungen aller Dinge zwangsläufig geschehen und sich nichts nach eigenem Willen bewegt, mit Ausnahme des Tieres und vor allem des Menschen. Der Mensch vermag sich der Natur zu widersetzen und sie zu bekämpfen, da er die Verfassung der Dinge entdeckt und dadurch den Kräften der Natur gebietet. Alle Erfindungen, die er gemacht hat, beruhen darauf, daß der Mensch die Verfassung der Dinge entdeckt. So erfand er zum Beispiel die Telegraphie als Mittel der Verständigung zwischen Ost und West. Daraus wird klar, daß der Mensch die Natur beherrscht.« (BEANTWORTETE FRAGEN S.17)

»Wenn man nun im Dasein solche Organisationen, Anordnungen und Gesetze erkennt, kann man behaupten, dies alles seien Auswirkungen der Natur, obwohl die Natur weder Verstand noch Wahrnehmungsvermögen besitzt? Ist dies nicht der Fall, so wird klar, daß diese Natur, die weder Wahrnehmungsvermögen noch Verstand besitzt, in der Hand des allmächtigen Gottes ruht, der der Herrscher über das Reich der Natur ist; was immer Er wünscht, läßt Er die Natur hervorbringen.« (BEANTWORTETE FRAGEN S.17)
2.1.3 Veränderung und Bewegung

Veränderung ist ein die gesamte stoffliche Schöpfung steuerndes Gesetz. Es läßt sich am Verlauf der Jahreszeiten erkennen. Abdu'l-Bahá schreibt:

»Die Erde bewegt und entfaltet sich; Berge, Hügel und Wiesen stehen in wohltuendem Grün. Üppig ist die Fülle, umfassend die Gnade. Aus der Wolke der Gnade fällt der Regen hernieder, die strahlende Sonne scheint, der Vollmond schmückt den Horizont des Himmels. Die große Meeresflut strömt in jeden kleinen Priel. Die Gnadengaben hören nicht auf, die Gunstbezeigungen folgen einander. Erfrischend weht der Wind und trägt den Duft der Blumen mit sich fort. Der König der Könige hält grenzenlosen Reichtum in Händen! Hebe den Saum deines Gewandes, um dein Teil zu empfangen.« (TABLETS OF ABDUL-BAHA ABBAS III p.641)

»Wie im Frühling wird bald die ganze Welt ihr Kleid erneuern. Das Treiben und Fallen des Herbstlaubs ist vorüber, des Winters Kälte ist vergangen. Das neue Jahr ist angebrochen und der geistige Frühling naht. Aus der schwarzen Erde wird ein grüner Garten, Wüsten und Gebirge sind mit roten Blumen übersät, am Rand der Wildnis stehen große Gräser wie eine Vorhut vor Zypressen und Jasminbäumen, während auf den Zweigen des Rosenstrauches die Vögel singen wie die Engel des höchsten Himmels, die frohe Botschaft vom Kommen des geistigen Frühlings kündend, und der süße Klang ihrer Stimmen das innerste Wesen aller Dinge bewegt und schwingen läßt.« (TABLETS OF ABDUL-BAHA ABBAS II p.318)

Abdu'l-Bahá stellt fest, daß »es in der Natur keine vollkommene Ruhe gibt«, daß »Bewegung allem Dasein eigen ist« (ANSPRACHEN IN PARIS S.68). In Bezug auf das Dasein beschreibt er den Vorgang von »Verbindung und Auflösung« (BRIEFE UND BOTSCHAFTEN 225/18)

»Betrachte sodann die Erscheinungen der Verbindung und der Auflösung, des Seins und des Nichtseins. Alles Erschaffene in der bedingten Welt ist aus vielen verschiedenartigen Atomen zusammengesetzt. Sein Dasein hängt von der Verbindung dieser Atome ab. Mit anderen Worten, durch Gottes Schöpferkraft werden einfache Urstoffe zusammengefügt, so daß aus dieser Verbindung ein bestimmter Organismus entsteht. Das Dasein aller Dinge beruht auf diesem Prinzip. Wenn aber die Ordnung gestört wird, bewirkt dies die Auflösung, und Zerfall setzt ein. Dann hört das betreffende Ding zu bestehen auf. Das bedeutet, die Vernichtung aller Dinge hat ihre Ursache im Zerfall und in der Auflösung. Deshalb ist Anziehung und Verbindung zwischen den verschiedenen Elementen das Mittel zum Leben; Uneinigkeit, Zerfall und Teilung verursachen Tod. So bewirken Kräfte des Zusammenhalts und der Anziehung, daß ertragreiche Ergebnisse und Wirkungen entstehen, während Entfremdung und Abkehr zur Verwirrung und Vernichtung der Dinge führen. Durch Verbindungsfähigkeit und Anziehung wird alles Lebendige - Pflanzen, Tiere und Menschen - ins Dasein gerufen, während Teilung und Uneinigkeit Zerfall und Zerstörung herbeiführen.« (BRIEFE UND BOTSCHAFTEN 225/18)

Er erklärt weiterhin, daß sich der Entwicklungsprozeß in der stofflichen Welt auf immer höhere Ebenen der Komplexität hinbewegt:

»In der stofflichen Schöpfung erfolgt die Entwicklung von einer Stufe der Vervollkommnung zur anderen. Das Mineral geht mit seinen mineralischen Vollkommenheiten ins Pflanzliche über, die Pflanze geht mit ihren Vollkommenheiten in die Tierwelt und weiter in die Welt des Menschen ein.« (ANSPRACHEN IN PARIS S.49)
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