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Tier- und Naturschutz in der Bahá'í-Religion












2.2.2 Mäßigung

Die Bahá'í-Schriften ermutigen zur Loslösung von »dieser Welt und ihren Eitelkeiten«, da »Bindung« (ÄHRENLESE 128/2) den Menschen davon ablenkt, an Gott zu denken. Hiermit wird jedoch keineswegs eine Art Askese begründet, noch werden die Annehmlichkeiten des Lebens abgelehnt. Bahá'u'lláh erklärt:

»Möchte ein Mensch sich mit dem Schmuck dieser Erde schmücken, ihre Trachten tragen und die Wohltaten genießen, die sie zu schenken vermag, so kann ihm das nicht schaden, sofern er nichts zwischen sich und Gott treten läßt; denn Gott hat alle guten Dinge, ob sie in den Himmeln oder auf Erden erschaffen sind, für jene Seiner Diener bestimmt, die wahrhaft an Ihn glauben. Genießet, o Menschen, die guten Dinge, die Gott euch erlaubt, und beraubt euch nicht selbst Seiner wunderbaren Gaben. Bringet Ihm Dank und Preis, und gehöret zu den wahrhaft Dankbaren.« (ÄHRENLESE 128/3)

Mäßigung ist der Maßstab:

»In allen Dingen ist Mäßigung wünschenswert. Wird etwas übertrieben, so erweist es sich als Quell des Unheils ...« (BOTSCHAFTEN AUS AKKÁ 6/31)
2.2.3 Tierliebe

Bahá'u'lláh verlangt vom Menschen, »gütig (zu) sein zu den Tieren« (ÄHRENLESE 125/3) und warnt vor »übertriebener Jagd« (Aqdas.Codex Anm.34 S.92)

Abdu'l-Bahá schreibt hierzu:

»Kurz, nicht nur ihren Mitmenschen müssen die Geliebten Gottes voll Erbarmen und Mitleid begegnen; sie müssen vielmehr jedem Lebewesen höchste Güte bezeigen, hegen doch in allen körperlichen Vorgängen, wo immer der Tiergeist betroffen ist, Mensch und Tier dieselben Gefühle. Der Mensch hat diese Wahrheit allerdings nicht begriffen. Er wähnt, daß sich körperliche Empfindungen auf menschliche Wesen beschränken. Deshalb ist er zu den Tieren ungerecht und grausam.« (BRIEFE UND BOTSCHAFTEN 138/2)

»Und doch: Welcher Unterschied besteht denn wirklich, wenn es um körperliche Empfindungen geht? Die Gefühle sind dieselben, ob man einem Menschen oder einem Tier Schmerz zufügt. Da gibt es keinerlei Unterschied. Tatsächlich ist es schlimmer, einem Tier zu schaden, denn der Mensch hat Sprache, er kann sich beklagen, kann schreien und jammern. Wenn ihm Unrecht geschieht, kann er sich an die Obrigkeit wenden und sie wird ihn vor seinem Angreifer schützen. Aber das unglückliche Tier ist stumm. Es kann seinen Schmerz weder ausdrücken noch seinen Fall vor die Obrigkeit bringen. Wenn ein Mensch einem Tiere tausend Übel zufügt, kann es ihn weder mit Worten abwehren noch vor Gericht ziehen. Deshalb ist es besonders wichtig, daß ihr den Tieren die größte Rücksicht erweist und zu ihnen eher noch gütiger seid als zu euren Mitmenschen.« (BRIEFE UND BOTSCHAFTEN 138/3)

»Erzieht eure Kinder von den frühesten Tagen an, unendlich zart und liebevoll zu Tieren zu sein. Ist ein Tier krank, laßt die Kinder es zu heilen versuchen; ist es hungrig, laßt sie es füttern; ist es durstig, laßt sie es tränken; ist es schwach, laßt sie dafür sorgen, daß es ausruht.« (BRIEFE UND BOTSCHAFTEN 138/4)

»Die meisten Menschen sind Sünder; aber die Tiere sind schuldlos. Wer ohne Sünde ist, sollte gewiß die größte Güte und Liebe empfangen - alle Tiere außer den Schädlingen ... Aber den gesegneten Tieren muß man große Güte erweisen - je mehr, desto besser. Zartheit und Güte sind grundlegende Leitlinien für Gottes himmlisches Reich. Das solltet ihr besonders sorgsam im Herzen tragen.« (BRIEFE UND BOTSCHAFTEN 138/5)

Die Bahá'í-Schriften versichern auch, daß es für die Gesundheit nicht notwendig ist, Fleisch zu essen:

»Was den Verzehr von Tierfleisch und die Enthaltsamkeit davon angeht, ... so ist er (der Mensch) nicht darauf angewiesen noch gezwungen, Fleisch zu essen. Auch ohne Fleisch zu essen, kann er im Besitz größter Kraft und Energie sein ... Wahrlich, Tiere zu töten und ihr Fleisch zu essen, steht im Widerspruch zu Mitleid und Mitgefühl. Wenn sich jemand mit Körnern, Früchten, Öl und Nüssen wie Pistazien, Mandeln und so weiter begnügen könnte, wäre dies zweifellos besser und angenehmer.«

(Abdu'l-Bahá, aus einem aus dem Persischen übersetzten Sendschreiben)
2.2.4 Entwicklung der Natur

Nach Bahá'í-Ansicht ist die stoffliche Schöpfung dynamisch und entwickelt sich von »einer Stufe der Vervollkommnung zur anderen« (ANSPRACHEN IN PARIS S.49). Sie ist jedoch »unvollkommen«, da es ihr an »Verstandeskraft und Erziehung« (PROMULGATION OF UNIVERSAL PEACE p.329) fehlt. Sie bedarf der Entwicklung durch den Menschen, damit nicht nur ihre Ordnung und Schönheit - in den Bahá'í-Lehren hochgeschätzte Maßstäbe -, sondern auch ihre Fruchtbarkeit und Ertragsfähigkeit zunehmen. Abdu'l-Bahá schreibt über die Schaffung von Ordnung und Schönheit im Reich der Natur:

»Die Natur ist die materielle Welt. Wenn wir sie betrachten, stellen wir fest, daß sie dunkel und unvollkommen ist. Überlassen wir zu Beispiel ein Stück Land seinem natürlichen Zustand, werden wir es mit Dornen und Disteln bedeckt vorfinden; nutzlose Unkräuter und wilde Pflanzen werden auf ihm wachsen; es wird zur Wildnis werden. Die Bäume werden keine Früchte tragen; es wird ihnen an Schönheit und Ebenmaß mangeln ...« (PROMULGATION OF UNIVERSAL PEACE p.308)

»Und wenn du an Feldern und Anpflanzungen vorbeikommst, siehst du die Pflanzen, Blumen und duftenden Kräuter reich und fruchtbar zusammen wachsen und ein Muster für die Einheit abgeben. Das ist ein Beweis dafür, daß diese Anpflanzung, dieser Garten unter der Fürsorge eines erfahrenen Gärtners gedeiht. Siehst du diesen Garten aber in einem Zustand der Unordnung und der Verwahrlosung, so schließt du daraus, daß ihm die Pflege eines erfahrenen Landmanns fehlt und er demzufolge Wicken und Unkraut hervorbringt.« (BRIEFE UND BOTSCHAFTEN 225/20)

Abdu'l-Bahá betont den Beitrag der Kultivierung als Mittel der Steigerung der Fruchtbarkeit und des Ertrags der Erde:

»Wenn wir dieses Grundstück in seinen Naturzustand zurückverbannen und zulassen, daß es zu seiner ursprünglichen Beschaffenheit zurückkehrt, wird daraus ein Feld voller Dornen und Unkräuter; wird es aber kultiviert, so entsteht fruchtbarer Boden, der Ernte einbringt. Unbearbeitet wären die Berghänge Wildnis und Wälder ohne nutzbare Bäume. Gärten bringen Früchte und Blumen hervor, je mehr der Gärtner sie hegt und pflegt.« (PROMULGATION OF UNIVERSAL PEACE p.353)

»Ein Weizenkorn wird eine ganze Ernte bringen, wenn es vom Bauern kultiviert wird, und ein Samenkorn wird durch die Pflege des Gärtners zu einem großen Baum heranwachsen ...« (BRIEFE UND BOTSCHAFTEN 104:2)

Obwohl die Welt der Natur der Entwicklung bedarf, muß der menschliche Zugang zu dieser Entwicklung von Mäßigung geprägt sein, von der Bindung an die Bewahrung des »Erbes künftiger Generationen«¹ und von einem Bewußtsein für die Heiligkeit der Natur, wie es alle Schriften der Bahá'í-Religion durchdringt. Bahá'u'lláh erklärt zum Beispiel:

»Selig der Ort und das Haus und der Platz und die Stadt und das Herz und der Berg und das Obdach und die Höhle und das Tal und das Land und das Meer und die Insel und die Au, wo Gottes gedacht und Sein Lob gepriesen wird.« (Bahá'u'lláh, zit. in Gebete S.7)

¹ Shoghi Effendi, aus einem Telegramm vom 22. Mai 1951 an die New Earth Luncheon, London, U.K.
2.2.5 Die Wichtigkeit der Landwirtschaft

Bahá'u'lláh erklärt: »Besondere Beachtung muß der Landwirtschaft geschenkt werden.« (BOTSCHAFTEN AUS AKKÁ 7/23). Er bezeichnet sie als eine Tätigkeit, die »den Fortschritt der Menschheit und den Aufbau der Welt bewirkt« (BOTSCHAFTEN AUS AKKÁ 7/18).

Abdu'l-Bahá bestätigt:

»Die Grundlage der Gemeinschaft ist die Landwirtschaft, der Ackerbau ...« (Abdu'l-Bahá, zit. in Star of the West, Band 4, Nr.6 p.103)

Er beschreibt die Landwirtschaft als »eine edle Wissenschaft«¹, deren Ausübung »Gottesdienst« (BRIEFE UND BOTSCHAFTEN 126/1) ist, und ermutigt Frauen wie Männer, sich mit »landwirtschaftlichen Wissenschaften« (PROMULGATION OF UNIVERSAL PEACE p.283) zu beschäftigen. Wenn ein Mensch »auf diesem Gebiet bewandert wird, trägt er zum Wohl unzähliger Menschen bei«¹

¹ Abdu'l-Bahá, aus einem aus dem Persischen übersetzten Sendschreiben


Bezüglich der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung der Völker betont das Universale Haus der Gerechtigkeit die Wichtigkeit der »Landwirtschaft und die Wahrung des ökologischen Gleichgewichts in der Welt«¹

¹ Das Universale Haus der Gerechtigkeit, Sekretariatsabteilung, aus einem Brief vom 31. März 1985 an die Gesellschaft für Bahá'í-Studien
2.2.6 Die Nutzung der Wissenschaft

Die Wissenschaft wird beschrieben als »die Herrscherin über die Natur und ihre Geheimnisse, das Mittel, wodurch der Mensch die Einrichtungen der materiellen Schöpfung erforscht« (PROMULGATION OF UNIVERSAL PEACE p.2):

»... der Mensch kann durch die Anwendung seiner wissenschaftlichen Verstandeskraft die Natur nach seinen eigenen Wünschen und Bedürfnissen verändern, umwandeln und steuern. Die Wissenschaft bricht sozusagen die Naturgesetze.« (PROMULGATION OF UNIVERSAL PEACE p.30)

»Erwäge zum Beispiel, daß der Mensch nach dem Naturgesetz auf der Oberfläche der Erde zu bleiben hat. Aber er überwindet dieses Gesetz und diese Begrenzung, segelt in Schiffen über den Ozean, steigt mit Flugzeugen zum Zenit empor und taucht mit Unterseebooten in die Tiefen des Meeres. Das widerspricht dem Befehl der Natur und bedeutet eine Verletzung ihrer Souveränität und Herrschaft. Die Gesetze und Methoden der Natur, die verborgenen Geheimnisse und Mysterien des Weltalls, die menschlichen Erfindungen und Entdeckungen, all unsere wissenschaftlichen Errungenschaften müßten eigentlich verborgen und unerkannt bleiben, aber durch seinen durchdringenden Verstand bringt der Mensch sie von der Ebene des Unsichtbaren empor zur Ebene des Sichtbaren, deckt sie auf und erklärt sie. Zum Beispiel ist die Elektrizität eins dieser Naturgeheimnisse. Gemäß der Natur sollte diese Kraft, diese Energie, brachliegen und verborgen bleiben, aber der Mensch durchbricht als Wissenschaftler die eigentlichen Naturgesetze, bannt diese Kraft und hält sie gefangen, um sie für sich zu nutzen.« (PROMULGATION OF UNIVERSAL PEACE p.30)

»Kurz gesagt, der Mensch ist durch Besitz dieser herrlichen Gabe wissenschaftlichen Forschens das edelste Werk der Schöpfung, der Beherrscher der Natur...« (PROMULGATION OF UNIVERSAL PEACE p.30)

Abdu'l-Bahá verknüpft wissenschaftliches Streben mit einer edlen Zielsetzung. Er stellt fest:

»Diese Gabe ist die lobenswerteste Kraft des Menschen, denn durch ihren Einsatz und ihre Anwendung wird das Menschengeschlecht veredelt, menschliche Tugenden werden entwickelt, und Gottes Geist und Seine Geheimnisse werden offenbar...» (PROMULGATION OF UNIVERSAL PEACE p.31)

Ausdrücklich hebt Er den allgemeingültigen Grundsatz hervor, daß

»jedes Mittel, selbst das Werkzeug des höchsten Wohls der Menschheit, mißbraucht werden kann. Sein richtiger Gebrauch oder der Mißbrauch hängt ab von den unterschiedlichen Stufen der Aufklärung, der Fähigkeit, des Glaubens, der Redlichkeit, der Hingabe und des Edelmuts bei den Trägern der öffentlichen Meinung.« (Abdu'l-Bahá, Das Geheimnis göttlicher Kultur, S.25)
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