Freier Wille


um mal so ein bißchen Stoff zum Überlegen in die Diskussion zu werfen, hier mal ein paar Links in Bezug auf Hirnforschung bzw. Genetik.
Diese Ergebnisse müssen sicher noch hinterfragt werden, geben aber einen Hinweis darauf, wohin die Reise geht.

http://www.focus.de/wissen/wissensc.....ikofreude_aid_588034.html

aus Focus 16/11 zitiert: "angeborene Meinung"
Libaral oder konservativ? Nicht erst an der Urne entscheidet sich die politische Haltung eines Bürgers. Britische Neurowissenschaftler glauben, seine Wahl mit Hirnscans voaussagen zu können. In ihren Prognosen liegen sie bereits zu 71,6 % richtig. Mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie vermaßen sie die Denkorgane junger Erwachsener. Konservative, so das Ergebnis, verfügen über einen ausgeprägten rechten Mandelkern im Gehirn. Dessen Aufgabe ist die Verarbeitung von Emotionen, insbesondere von Angst und Ekel.
Liberale hingegen zeigen eine ausgeprägtere anteriore cinguläre Hirnrinde. Diese hilft bei der Verarbeitung komplexer Probleme. Unsicherheit und Konflikte seien damit leichter tolerierbar und liberale Sichtweisen möglicherweise einfacher zu akzeptieren, mutmaßen die Forscher.
Ist der politische Werdegang also vorbestimmt?
Die Studienautoren rätseln noch, ob die Hirnstruktur die Einstellung vorgibt, oder das Parteibuch einzelne Hirnwindungen erst schwellen lässt. Wie bei anderen Merkmalen auch gibt es aber sicherlich geborene Liberale und Konservative. Zitat Ende.


Ein Link für die Theisten

http://www.kultur-punkt.ch/akademie.....igion-naturwissen06-5.htm
In vielem stimme ich hier Hans Küng zu. Allerdings macht er meines Erachtens den Fehler, daß er die Ergebnisse der Hirnforschung zu deteministisch interpretiert. Da man den Menschen "ganzheitlich" betrachten sollte, ist es eigentlich für die Konsequenzen unwichtig, ob eine willentliche Entscheidung erst ins Bewußtsein "gespiegelt" wird, wenn sie bereits getroffen wurde, oder ob das Bewußtsein der "Taktgeber" ist.

Ein Link für die Philosophen

http://www.markowetzlab.org/florian.....rkowetz_MAPhil_thesis.pdf

Ich habe die Arbeit noch nicht gelesen (Zeitmangel gg), aber dem Fazit kann man wohl zustimmen.

Auch ein guter Überblick
http://www.heise.de/newsticker/meld.....as-Strafrecht-167881.html


Pjotr Kala
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Hüte dich vor Institutionen, die dir das Denken abnehmen wollen!
Ich denke, daß dieses Thema ein sehr weites ist. Auch die Sozialdarwinisten bauten darauf auf. Sie wiesen darauf hin, daß sich erst unter prekären Verhältnissen das wahre Genie entwickeln könne; solche Aussagen sind politisch motiviert. Wahr ist, daß ein Mensch mit einem konkreten Weltbild öfter - wenn nicht immer - einen freien Willen hat.
Wenn in einer Familie eine Generation nach der anderen die Kinder mit Sorgfalt erzogen werden, ist es jedem verständlich, daß solche Menschen bewußter leben und somit auch ihren freien Willen benutzen werden.
Dazu noch ein link: http://epigenome.eu/de/1,1,0
Ein Zitat daraus:

Was ist Epigenetik?

Conrad Waddington (1905-1975) wird oft zugeschrieben, den Begriff Epigenetik im Jahre 1942 geprägt zu haben, und zwar als „Zweig der Biologie, der die kausalen Wechselwirkungen zwischen Genen und ihren Produkten untersucht, welche den Phänotyp hervorbringen“. Der Begriff Epigenetik taucht in der Literatur bereits Mitte des 19. Jahrhunderts auf, seine Ursprünge gehen allerdings schon auf Aristoteles (384-322 v. Chr.) zurück. Er glaubte an die Epigenese: die Entwicklung individueller organischer Formen aus formloser Substanz. Diese umstrittene Meinung war das Hauptargument gegen die Ansicht, dass wir uns aus winzigen, vollständig geformten Körpern entwickelt hätten. Noch heute gibt es keine einheitliche Meinung dazu, inwieweit wir von der Natur vorprogrammiert oder aber von der Umwelt geprägt sind. Das Gebiet der Epigenetik überbrückt das Spannungsfeld zwischen genetischer Anlage und Umwelt. Im 21. Jahrhundert wird die Epigenetik meist definiert als „Studium der erblichen Veränderungen in der Genomfunktion, die ohne eine Änderung der DNA-Sequenz auftreten“. Doch was haben die Wissenschaftler dazu zu sagen, die auf diesem rasch expandierenden Forschungsgebiet tätig sind?
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...und die Menschen auf der Erde machen Wumtata!
Nebulös hat folgendes geschrieben:
Wu hat folgendes geschrieben:
Dass physikalische und chemische Abläufe alle Vorgänge determinieren, ist eine unbegründete Annahme. Selbst ohne irgendeine Art von Bewusstsein gibt es unvorhersehbare 'Entscheidungen'.


Unbegründete Annahme? Es ist die einzig vernünftige Annahme, denn alles, was wir kennen und verstehen, ist nichts weiter als ein "simpler" physikalischer oder chemischer Ablauf. Noch nie gab es auch nur ansatsweise einen Hinweis darauf, dass irgendetwas nicht diesen Gesetzen unterliegt!


Da machen uns zum Glück die Quantenmechanik und im gewissen Grade die Chaostheorie ein Strich durch die Rechnung. Nach der Quantenmechanik sind viele Abläufe nicht determiniert, nach der Chaostheorie nicht berechenbar.

Grüße, Eberhard
Nebulös hat folgendes geschrieben:
Allerdings ist das, was dein Gehirn denkt, auch nur eine Folge deiner Erziehung, der Struktur deines Gehrins, deiner Erlebnisse, der aktuellen Einflüsse, usw. usw. usw.
Also ist dein Gehirn auch bloss eine Sklave der Umstände. Jeder noch so kleine Gedanke ist bloss einer Folge aller möglichen Einflüsse.


Wenn das wirklich so wäre, dann könnte man die Naturwissenschaften vergessen. Denn dann würde eine Theorie nicht auf sorgfältiges Nachforschen, sondern auf irgendwelchen Kindheitserinnerungen oder so beruhen. Auch die Beschreibung der Wirklichkeit als deterministischer Prozess hätte nichts mit der Wirklichkeit, sondern nur mit meiner psychologischen Entwicklung zu tun.

Auch diese Diskussion würde nicht zu mehr Erkenntnis führen, sondern nur ein Weiterdrehen der Weltenuhr, als Synonym für deterministischen Ablauf, bedeuten.

Leider weiss ich die Quelle der folgenden Geschichte nicht mehr: "Ein Dieb klagt dem Richter sein Leid, dass er auf Grund seine Anlagen praktisch gezwungen sei zu stehlen. Darauf erwiderte der Richter, ebenso sei es seine Natur, Diebe zu verurteilen."
Liebe Leute,

verzeiht mir, wenn ich noch mal auf das Ursprungsthema zurückgehe.

der_ding hat folgendes geschrieben:
Das Ergebnis: Unsere Handlungen setzen unbewußt ein. Das Bewu0tsein, etwa den Finger krümmen zu wollen, setzte bei den Studenten fast eine halbe Sekunde nach dem Moment ein, in dem das Gehirn bereits seine Vorbereitungen zur Handlung begonnen hatte. Die Schlußfolgerung: Nicht das Bewußtsein, sondern unbewußte Prozesse stehen am Anfang.


Ich habe den Eindruck, dass der Begriff "freier Wille" auch von Naturwissenschaftlern sehr unreflektiert benutzt wird. Gerade für die untersuchten Fälle hätte ich kein Problem anzunehmen, dass der Anteil des freien Willens bei diesen Aktionen minimal bis verschwindend ist. Gerade affektive Handlungen sind oder waren im Laufe der Evolution oft für das Überleben notwendig, und sollten deshalb weitgehend automatisiert sein. Beim Tippen passiert es mir oft, dass ich ein Wort denke, aber ein anderes schreibe. Gewisse Abläufe sind im Gehirn eingeprägt, und laufen weitgehend automatisch ab. Und das ist auch gut so. Sonst könnte niemand Klavierspiel lernen.

Also, bevor man die Frage diskutiert, ob wir einen freien Willen haben, wäre es vielleicht hilfreich, den Begriff selbst zu reflektieren.

Natürlich sind die bereits zitierten Versuche wichtig, um das Gehirn zu verstehen. Allerdings bezweifle ich, dass sie zur Erhellung zum Thema "freier Wille" beitragen. Eine interessante wissenschaftliche Fragestellung in diesem Zusammenhang wäre, welchen Einfluss der Glaube der Menschen an einen freien Willen auf ihr Handeln hat. Damit würde man etwas über die soziologische Bedeutung des freien Willens erfahren.

Jeder Mensch muss sprechen lernen! Deshalb denke ich, dass jeder die Verwendung des freien Willens erst lernen muss. So verstehe ich zumindest die Aussage Bahá'u'lláhs: "Wahre Freiheit besteht in der Unterwerfung des Menschen unter Meine Gebote, so wenig ihr dies auch versteht. Würden die Menschen befolgen, was Wir aus dem Himmel der Offenbarung auf sie herabsandten, so würden sie sicherlich vollkommene Freiheit erlangen." Ährenlese 159:4

Das wär's erst mal für den Anfang,

Grüße, Eberhard