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Ganz Allein Für Mich












Ganz Allein Für Mich
Es war einmal ein kleines Mädchen, das hatte nur gro­ße, ach soo große Geschwister. Bei ihren rauen Spie­len konn­te es nicht mitmachen und sie konnte ih­nen, mit ih­ren kleinen Bein­chen, nicht schnell ge­nug nach­ren­nen. So war das kleine Mäd­chen zwar ge­sund, aber oft sehr einsam und sehr traurig.
Sein Mutter nahm es manchmal in die Arme, was sie mit den äl­teren Geschwistern nicht mehr tat, aber das wa­ren nur kur­ze Augenblicke. Manchmal saß sie mit den Großen zu­sam­men, wenn diese er­zähl­ten, was sie den Tag über erlebt hat­ten, aber ob­wohl das schön war konn­te sie sich nicht da­r­über freuen. Im Gegenteil: Des­to aufregender die Er­lebnisse waren, des­to mehr ver­stei­nerte sich das Herz der Kleinen, besonders jetzt, wo sie von der wun­derbaren geschlossenen Blume in ei­nem frem­den Garten erzählten, den sie jeden Tag besuchten, um die geöffnete Blume eines Tages in ihrer ganzen Pracht zu be­wundern. Das kleine Mädchen kannte aus den Erzählungen in­zwischen genau den Weg zur Blume und wie diese aussah, aber sie selbst war noch nie wei­ter wie bis zum Gartenzaun ge­kom­men, wenn die Eltern nicht dabei waren.
Mit der Zeit wurden die großen Kinder ungeduldig: Die Blu­me kann­ten sie schon in jeder Einzelheit und jeder Be­such war ei­ne Enttäuschung, weil sie im­mer noch ge­schlos­sen war. So ver­gaßen sie eines Ta­ges über ein span­nendes Spiel die Blume zu be­su­chen. Das war die Ge­legenheit für das kleine Mäd­chen: Es wollte zu der Blu­me gehen, um sie ein­mal mit ei­ge­nen Augen zu se­hen. Aber dann woll­te sie sich rächen für die vie­len ein­sa­men Stun­den und die Blume vernichten, damit sich nie wie­der jemand an ihr erfreuen könne.
Schnell rannte sie bis zum Gartenzaun. Da fiel ihr ein, dass sie gleichmäßig gehen müsse, weil sie sonst den wei­ten Weg nie schaffen würde. Bald war sie auf der an­de­ren Seite des Zau­nes nahe dem Feldweg, der ihr so groß erschien. Hier war über­haupt alles so groß, so dass sie sich noch kleiner vorkam als gewöhnlich.
Als sie schon ein gutes Stück zurückgelegt hatte, das ihr un­vor­stellbar lang vorkam, verließen sie die Kräfte und sie wollte sich einfach hinsetzen und nie wieder auf­stehen. Ir­gend­je­mand würde sie schon finden. Aber so würde sie die wun­der­ba­re Blume nie zu Gesicht be­kom­men und das wollte sie auf kei­nen Fall, obwohl sie tief in ihrem Herzen glaubte, dass sich die Blume nie vor einem menschlichen Gesicht öffnen würde. Al­so schlepp­te sich das kleine Mädchen weiter.
Als sie glaubte wirklich keinen Schritt mehr gehen zu kön­nen, er­kannte sie den Garten und sah in weiter Ent­fer­nung ganz all­ein und einsam auf der riesigen Wiese, die Blume für die sie so viel ausgehalten hatte. Sie war viel schöner als sie sich das vor­gestellt hatte und mit je­dem Schritt den sie näher kam nahm ihre Freude zu. Schließ­lich hatte sie den richtigen Ab­stand und sie glaub­te ihren Augen nicht trauen zu können: Die Blume öff­nete sich ganz, ganz langsam. Aber schließlich stand sie in ihrer vollen Pracht vor ihr: Unbeschreiblich schön. Lange bewunderte das kleine Mädchen die Blu­me bis es vor Erschöpfung einschlief.
Plötz­lich wachte es auf, denn es hörte das Getrampel sei­ner gro­ßen Geschwister, die es überall suchten. Vor un­gläubigen Stau­nen starrten diese auf die Blume. Ganz aufgeregt begann die Kleine zu erzählen und en­de­te dann: "Die Blume ist ganz all­ein für mich auf­ge­gan­gen." Da lachten die Geschwister aus vol­lem Hals; aber nicht böse. Die Freude ihrer kleinen Schwes­ter hatte sie an­gesteckt. Doch schon bald begann es zu däm­mern und sie mussten nach Hause gehen.
Auf die aufgeregte Erzählung und die Behauptung: "Die Blu­me ist ganz allein für mich aufgegangen", meinten die Er­wach­se­nen nur: "Gott hat die Zeit bestimmt an der die Blu­me ihre gan­ze Pracht entfaltet und Du warst nur zu­fäl­lig da." Aber das klei­ne Mädchen meinte: "Gott hat mich genau zu dieser Zeit dort­hin geschickt, damit die Blu­me ganz allein für mich auf­ge­hen konnte." Da lä­chel­ten die Erwachsenen, aber keiner wi­der­sprach ihr.

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